Mauerfall vor 30 Jahren: Hunderte DDR-Bürger kamen nach Viersen

Vor 30 Jahren : Wie der Mauerfall Viersen traf

Die Busse mit 167 DDR-Bürgern, die an einem späten Oktoberabend Dülken erreichen, sind nur die Vorhut. Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, kamen Hunderte nach Viersen. Der damalige Leiter des Sozialamtes erinnert sich.

Es herrscht eine zerrissene Stimmung. Von Hoffnung auf ein neues, freies Leben sprechen die einen. Die anderen müssen den Aufwand stemmen, hunderte Menschen, die aus der DDR ganz tief in den Westen nach Viersen gekommen waren, von einem Tag auf den anderen zu versorgen. Wolfgang Güdden, heute Leiter der Hauptverwaltung, erinnert sich an die Umstände wenige Tage nach dem Mauerfall am 9. November 1989.

Im November vor 30 Jahren habe Chaos geherrscht, sagt Güdden. Es habe zu wenig Mitarbeiter im Sozialamt für die anfallende Arbeit gegeben, aber es seien zu viele Mitarbeiter für die vorhandenen Räume in den Ämtern gewesen. „Wir saßen mit vier Sachbearbeitern in einem Zimmer mit einem Telefonanschluss“, erinnert sich Güdden. Insgesamt besteht das Team des Amtes aus knapp 40 Menschen. In den Wartezimmern darf damals noch geraucht werden. Es herrschen extreme Zustände. Denn die zwei Busse aus Erfurt, mit denen 167 Übersiedler an einem späten Oktoberabend in der Unterkunft in der Dülkener Overbergschule ankommen, sind erst der Beginn der Welle. Täglich gilt es nun für die nächsten Wochen und Monate, hunderte Anträge abzuwickeln. 100 Deutsche Mark Begrüßungsgeld gibt es, und  weil die Menschen in der DDR in festen Beschäftigungsverhältnissen waren, haben sie nun Anrecht auf Arbeitslosengeld. „Aber das Arbeitsamt konnte die Anträge nicht so schnell bearbeiten“, erinnert sich Güdden. Zur Überbrückung muss das Sozialamt in die Bresche springen. In das war Güdden Mitte Dezember gerade erst versetzt worden, als stellvertretender Leiter. Kurz darauf wird er zum Leiter ernannt, da der Vorgänger sich bereits in seinen letzten Arbeitstagen befindet.

Das Deutsche Rote Kreuz übernimmt die Versorgung der deutschen Flüchtlinge. Foto: Strucken, Walter (wast)

Von einer enormen Hilfsbereitschaft berichtet die Presse damals, aber auch von Wohnungsnot und Ungewissheit. „Hilfsbereitschaft braucht langen Atem“, titelt unsere Redaktion in ihrer Ausgabe am 16. November 1989. Auch erfolgreiche Aufrufe zur Hilfe finden ihren Platz in Zeitungen, Viersener in allen Ortsteilen helfen mit Arbeitsangeboten, Möbeln, Kleidern oder Geldspenden. Es sind viele junge Familien unter den Zuwanderern, einzelne männliche oder minderjährige Flüchtlinge seien die Ausnahme gewesen, erinnert sich Güdden.

Nicht nur aus der DDR, sondern auch aus Polen und Jugoslawien suchen Menschen einen neuen Lebensanfang, Freiheit. Sie kommen in Trabi-Kolonnen oder Zügen. Innerhalb von sechs Tagen nach Öffnung der CSSR-Grenze machen knapp 50.000 DDR-Bürger in die Bundesrepublik rüber, rund 20.000 bringt der Bund in alten Kasernen unter, die anschließend aus den Nähten platzen. In Jugoslawien treibt der Bürgerkrieg die Menschen zusätzlich aus dem Land. „Es waren vergleichbare Verhältnisse wie 2015 und 2016“, erinnert sich Ex-Bürgermeister Günter Thönessen. Die Zuwanderer aus Gebieten jenseits der DDR kommen als zusätzliche Arbeitslast dazu.

Ankunft in Dülken. Mit einem ganzen Leben in zwei Koffern. Foto: Strucken, Walter (wast)

Die Verhältnisse in den Unterkünften sind schlecht. Ob an der Brabanter Straße in Dülken, an der Horionstraße im Schwesternheim der heutigen LVR-Klinik oder im damaligen Lobbericher Hilfskrankenhaus unter der Hauptschule: Es fehlen Hausmeister. „Es gab zu wenig Leute, die für Ordnung in den Unterkünften sorgten“, sagt Güdden. Und wenn keiner die Pläne zum Aufräumen und Putzen mache, man sich nicht auf Regeln für ein Zusammenwohnen unter dermaßen vielen Menschen einigt, „geht es drunter und drüber“, sagt Güdden. Personell sei der Bedarf nicht zu stemmen gewesen. „Für mehrere Unterkünfte gab es nur einen Hausmeister, in Süchteln war es eine Frau“, sie wird später in den Innendienst versetzt.

Aus dieser Zeit habe er selbst, aber auch die Verwaltung insgesamt viel gelernt. „Es war eine interessante Erfahrung“, fasst Güdden sein Empfinden zusammen. Als die Welle an Flüchtlingen vor drei Jahren den Kreis und die Stadt traf, habe er sofort bestimmt: „Jede neu eröffnete Unterkunft bekommt einen Hausmeister.“ Wie bereits vor mittlerweile 30 Jahren sei es im Grunde um dasselbe gegangen: „Die Menschen mussten ankommen, und es muss erstmal viel abgearbeitet werden.“ Antrag für Antrag, und solange warteten die Menschen in Ungewissheit.

Doch neben allem Aufwand und Chaos empfindet Güdden noch heute die Wende als einen Segen für den Arbeitsmarkt. „Die meisten hatten einen Beruf erlernt, und auch die Zuwanderer aus Polen konnten in der Regel Deutsch.“ Die Menschen hätten schnell Anschluss und Arbeit gefunden, sich eingelebt. „Die Sprache ist das A und O“, sagt Güdden. Dies sei der große Unterschied bei allen Ähnlichkeiten gewesen: 2015 und 2016 hätten die Sprache und der andere kulturelle Hintergrund eine eigene Hürde dargestellt. Trotzdem habe die Erfahrung aus der Wende die Stadt für die Zukunft gewappnet.

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