Martin Alfing ist Krankenhausseelsorger am Allgemeinen Krankenhaus Viersen

Seelsorge in Viersen : Als Seelsorger im Krankenhaus

Seit 2012 arbeitet Martin Alfing als Krankenhausseelsorger in Viersen. Er betreut schwerkranke Patienten, unterstützt Angehörige, ist Ansprechpartner für das Krankenhauspersonal.

Manchmal führt Martin Alfing während seiner Schicht im Krankenhaus zwei bis drei Gespräche am Tag, manchmal fünf oder sechs – und jedes Mal ist er gefordert. Denn der 63-Jährige trifft dabei meist auf Menschen, die nicht weiter wissen, die Angst haben zu sterben oder Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren. Und natürlich auch auf Menschen, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben. Alfing versucht Mut zu machen, zu trösten, einfach nur zuzuhören, wenn es angebracht ist. Nicht nur während seiner offiziellen Dienstzeit am Allgemeinen Krankenhaus Viersen (AKH): „Mein Handy ist eigentlich 24 Stunden an. Es sei denn ich bin im Urlaub oder selber krank“, sagt der Krankenhausseelsorger.

Was ihn antreibt? „Ich möchte für Menschen da sein, die Gesprächsbedarf haben.“ Alfing erlebt dann Situationen, die mitunter selbst für den erfahrenen Seelsorger schwer zu verkraften sind. „Manches begleitet mich über Jahre“, sagt er.

Seit 1998 arbeitet der Westfale, der mittlerweile in Nettetal lebt, als Krankenhausseelsorger. Er war unter anderem in Meerbusch im Einsatz. 2012 wechselte er ans AKH. Dort teilt er sich mit seinem Kollegen Hans-Jürgen Paulus eine Stelle. Rund 20 Stunden pro Woche ist Alfing Krankenhausseelsorger – die andere Hälfte seiner Arbeitszeit ist er für das Bistum Aachen Pastoralreferent in der Gemeinde St. Remigius Viersen.

Alfing betreut am AKH Patienten und Angehörige, aber auch das Krankenhauspersonal. Er ist für die Stationen Onkologie, Kardiologie, die Gynäkologie und die Kinderklinik zuständig. „Durch meine Anwesenheit im Krankenhaus ergeben sich Gespräche und Kontakte mit den Patienten“, sagt Alfing. Wenn sie möchten, besucht er sie in ihrem Zimmer oder trifft sich mit ihnen in seinem Gesprächsraum.

„Eine Krankheit ist natürlich eine Ausnahmesituation“, erzählt er. Der Patient liegt im Krankenhaus, ist womöglich aus dem beruflichen Alltag rausgerissen, hat vielleicht gerade eine alles verändernde Diagnose bekommen. „In so einer Situation denkt man über vieles nach und braucht einen Gesprächspartner.“ Manchmal bleibt es bei einem Gespräch, das nur ein paar Minuten dauert. In anderen Fällen dauert es eineinhalb Stunden, „das ist sehr unterschiedlich“, sagt der Seelsorger. Dann versucht er zu helfen: „Ich höre zu, überlege zusammen mit dem Patienten, wie er mit der neuen Situation umgehen kann, wie es jetzt weiter geht.“ Es komme auch vor, dass er Patienten bis zum Tod begleite. „Ich kann den Patienten auch segnen und Gebete sprechen, wenn er das möchte“, sagt Alfing. „Ich habe den lieben Gott immer dabei.“

Auch auf die Gefühlslage der Angehörigen wirke es sich aus, wenn ein Familienmitglied schwer krank ist, erläutert der Krankenhausseelsorger. „Sie sind schon sehr betroffen“, sagt er. Dann ist es wieder seine Aufgabe, zuzuhören, zu trösten, aber auch, Fragen zu beantworten – etwa, wenn ein Hospizplatz oder ein Bestatter gebraucht wird. Ab und zu gehe es auch darum, den Druck zu nehmen, wenn ein Angehöriger sich mit der ganzen Situation überfordert fühle, ergänzt Alfing. „Manches kann ein Angehöriger eben nicht schaffen“, sagt er. Was geht und was nicht geht – das versucht Alfing, gemeinsam mit dem Angehörigen einzuordnen.

Seine dritte Zielgruppe, das Krankenhauspersonal, ist für den Seelsorger einerseits Kooperationspartner, „gerade im ethischen Bereich“, sagt er. „Die Ethik hat im Kontext der Seelsorge mittlerweile viel Raum eingenommen“, ergänzt er. Sollen die lebenserhaltenden Maßnahmen abgebrochen werden oder nicht? Was bringt es dem Patienten, wenn er noch eine Chemotherapie macht? Wie sinnvoll ist die Operation? Das sind Fragen, die Alfing gemeinsam mit den Medizinern, manchmal auch mit Angehörigen und Patienten, versucht zu beantworten. Darüber hinaus gehört es zu seinen Aufgaben, das Klinikpersonal zu betreuen. „Da bin ich Seelsorger für alles“, erzählt er – egal ob Ehekrise, Verlust eines Partners oder Kollegen, belastende Situation im Krankenhausalltag.

Alfing hat den Eindruck, dass er mit seiner Arbeit Menschen auch tatsächlich helfen kann. Sonst würde er den Job nicht machen. Ohne Ausgleich geht es allerdings nicht.  Totgeborene Kinder, Suizide, Verkehrsunfälle, junge Menschen, die an Herzinfarkt sterben: Damit wurde er zum Beispiel schon konfrontiert. „Das lässt mich nicht kalt, ich bin ja keine Maschine.“ Besonders schwer belastend sei es, wenn die Patienten Kinder oder Jugendliche seien. „Wir Krankenhausseelsorger haben die Möglichkeit einer Supervision“, sagt Alfing. Alle sechs bis acht Wochen nutzt er das Angebot des Bistums Aachen, spricht über das Erlebte mit einer Psychoonkologin. 

Abschalten kann er auch auf dem Fußballplatz: Er ist Schiedsrichter im Kreis Kempen-Krefeld. In der Freizeit gewinnt er darüber hinaus Abstand, wenn er ins Theater geht oder Bücher liest. Was dem Krankenhausseelsorger aber am effektivsten dabei hilft, alles zu bewältigen, „ist sicherlich mein Glaube“, sagt Alfing. „Ich glaube, dass es – mit allem, was uns passiert, – einen tieferen Sinn gibt im Leben.“