Viersen: Malen nach Vorbild des Meisters

Viersen: Malen nach Vorbild des Meisters

Bei einer China-Reise wurde Christa Siemes auf die chinesische Tuschmalerei aufmerksam. Seither fertigt sie selbst mit feinem Strich und zarter Farbe Bilder von Blumen und Landschaften

Hoch konzentriert sitzt Christa Siemes an einem Tisch in ihrem Wohnhaus in Viersen. Vor ihr liegt ein Blatt hauchdünnes Papier aus Naturfasern, zum Beispiel Reisbambuspapier, in der Hand hält sie einen Echthaarpinsel, den sie exakt senkrecht auf ihr Blatt richtet. Dort wartet eine zarte Blume in Rosatönen auf ihre Fertigstellung.

Seit fast zehn Jahren hat sich die Viersenerin der chinesischen Tuschmalerei verschrieben. Begonnen hat es auf einer Reise nach China. Siemes begleitete ihren Mann auf einer Fachtagung, begegnete der Tuschmalerei und kam mit dem Wunsch nach Hause, sich intensiver damit auseinanderzusetzen. In der chinesischen Künstlerin Lili Yuan, die in Krefeld lebt, arbeitet und lehrt, fand sie eine Lehrerin, in der Tradition der chinesischen Tuschmalerei Meisterin genannt.

Die Kunst der chinesischen Tuschmalerei unterscheidet sich wesentlich von europäischem oder amerikanischem Kunstschaffen. Weit mehr als eine freie Kunst erscheint sie wie eine Philosophie, auf der ein hohes Kunsthandwerk aufbaut.

Beispielsweise geht es nicht um die Herausbildung eines individuellen und originalen Stils. Der Schüler erlernt vielmehr Schritt für Schritt nach dem Vorbild des Meisters. Er erhält Malaufgaben sowie Vorgaben für die klassischen Motive, Pflanzen, Menschen, Landschaften. "Man imitiert seinen Meister" - und das hat im chinesischen Denken nichts mit Plagiat zu tun.

So ist es auch zu verstehen, dass, wie Christa Siemes erzählt, Lili Yuan ihre Schüler auswählt und ihnen deutlich sagt, ob sie das Talent zur Tuschmalerei haben und sich weiter ausbilden lassen sollen - oder nicht. Denn die Schüler bilden, in einem bestimmten Maße, die Kunst des Meisters ab.

Siemes hat ihr Talent bescheinigt bekommen. Die sogenannte Gongbi-Malerei beherrscht sie gut. Dabei handelt es sich um eine sehr detaillierte und genaue Malerei nach einer Vorlage. Siemes zeichnet zum Beispiel eine Fuchsie aus ihrem Garten, überträgt sie auf Papier und vervollständigt die Pflanze schließlich mit Tusche. Bis zu 22 Schichten Farbe trägt sie auf das Blatt auf, um Plastizität und Lebendigkeit zu erreichen. Zwischen jeder Lage muss die Farbe trocknen.

Die Farben stammen aus China oder Korea, ebenso wie das Papier. Das fertige Blatt wird vom Maler selbst aufgezogen. Die Arbeit an einem Bild besteht "aus einem Drittel Malen und zwei Dritteln Aufziehen", erklärt Siemes.

In der sogenannten Xieyi-Malerei "möchte ich noch besser werden, da habe ich meine Grenze noch nicht erreicht", beschreibt Siemes ihre Auseinandersetzung mit der freien chinesischen Tuschmalerei. In der Xieyi-Malerei geht es weniger um naturgetreue Abbildung, sondern um die Gefühle und Vorstellungen des Malers.

Die chinesische Tuschmalerei ist eine langwierige Arbeit. Das Wort Entschleunigung kommt einem in den Sinn. Meditation aber sei es nicht, sagt Siemes, eher "höchste Konzentration". Das Bild muss schon im Kopf fertig sein, um aufs Papier zu gelangen. Ein einmal gemaltes Motiv kann nicht mehr verändert werden.

Mittlerweile hat Siemes in einigen Ausstellungen gemeinsam mit weiteren Schülern von Lili Yuan ihre Arbeiten gezeigt, zum ersten Mal 2012 im Krefelder Schloss Greiffenhorst, 2015 und 2017 im Krankenhaus Nettetal sowie im Haus Maria Hilf in Viersen.

Fertig ist ein chinesisches Tuschbild übrigens erst dann, wenn der Name (Siemes hat sich die Buchstaben in chinesische Schriftzeichen übertragen lassen) darauf steht sowie mindestens ein Zeichen, das mit einem Stempel aufgedrückt wird. Bei Siemes sind es die Zeichen für Geduld, Malerei und den Affen - ihr Geburtsjahr 1944 war im chinesischen Kalender ein Jahr des Affen.

(b-r)