Viersen : Machs's gut, Ali

Ali Haurand ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Der Viersener zählte zu den bekanntesten Jazzmusikern weltweit. Auf seine Initiative fand in Viersen das erste Jazzfestival statt

Ganz in Schwarz gekleidet und mit einer Stofftasche in der Hand: So kannten viele Viersener Ali Haurand. Wenn er nicht gerade irgendwo auf der Welt ein Konzert gab, erledigte er die täglichen Einkäufe in seiner Heimatstadt zu Fuß und mit Jutebeutel - "der Umwelt zuliebe". Den Mann in Schwarz werden die Viersener nie wieder in der Fußgängerzone sehen: Am Montag, 28. Mai, starb Ali Haurand im Alter von 74 Jahren.

Dass er einmal ein gefragter Musiker werden würde, wurde Alfred Josef Antonius Haurand, genannt Ali, nicht in die Wiege gelegt. Zwar war er in jungen Jahren Stammgast im Jazzclub "Zwiebel" in Dülken, doch seine Mutter wünschte sich, dass der Sohn "etwas Ordentliches" lernen sollte. Haurand ging also zunächst ins Hotelfach. Auf sein Talent wurde die Musikszene eher zufällig aufmerksam: 1965 griff der damals 21-Jährige beim Kneipenbummel in Düsseldorf aus Spaß zum Bass - und wurde prompt von Zuhörern gefragt, an welcher Hochschule er denn studieren würde.

Künftig sollte die Musik seinen weiteren Lebensweg bestimmen. Von 1966 bis 1973 studierte er an der Folkwang-Hochschule Essen und an der Rheinischen Musikhochschule. Schon während des Studiums gab er die ersten Konzerte im Trio oder Quartett, trat in Belgien, Frankreich, Spanien und der Tschechoslowakei auf. Doch wo immer er im Laufe der Jahre Konzerte geben sollte: Seine Heimatstadt Viersen vergaß Haurand nie. Ab 1967 fanden unter seiner Leitung im Keller der Festhalle Konzerte im VHS-Jazzclub statt. Aus dem Jazzclub entwickelte sich 1992 der Jazz Circle - ebenfalls unter Haurands Leitung. Bis heute veranstaltet der Jazz Circle Konzerte - allerdings nicht mehr im Keller der Festhalle, sondern im Weberhaus in Süchteln.

1976 gründete Haurand mit Michel Portal und Bob Jones das European Jazz Quintet, das ein Jahr später in der Besetzung mit Leszek Zadlo, Pierre Courbois, Gerd Dudek und Alan Skidmore mit "Live At Moers" debütierte. Aus dem Quintet ging das European Jazz Ensemble hervor - ein Musiker-Pool, dem 50 Musiker aus 16 Ländern angehörten, die in wechselnden Besetzungen in rund 60 Ländern spielten. Das zehnjährige Bestehen des European Jazz Ensembles 1986 war für Haurand auch der Anlass, bei der WDR-Jazzredaktion anzuklopfen, die daraufhin Aufnahmen und eine finanzielle Beteiligung für ein Festival zusagte. Der Kulturausschuss der Stadt Viersen sprach sich ebenfalls dafür aus, und 1987 fand das erste internationale Jazzfestival in Viersen statt.

Fast drei Jahrzehnte blieb Haurand künstlerischer Leiter des Viersener Festivals. Immer wieder wurde im Laufe der Jahre über die Finanzierung diskutiert, immer wieder auch über die Auswahl der Musiker. Viele bekannte Stars kamen in den vergangenen Jahrzehnten in die Festhalle - unter ihnen Marla Glen, Chick Chorea, Charlie Mariano und Nils Landgren. 2005 wurde Haurand mit dem französischen Kunstpreis "Chevalier de l'Ordre des Arts et des lettres of France" ausgezeichnet.

Haurand pflegte die Kontakte zu Musikern weltweit, die ihn auch im heimischen Viersen besuchten. In seinem Kellerkontor schrieb Haurand unermüdlich Briefe, um Ensemble und Festival voranzubringen - zunächst auf einer Olivetti-Schreibmaschine, später am Computer. Im Keller verbrachten Musiker lange Nächte. Was viele nicht wissen: Haurand war auch ein begeisterter Hobbykoch. Für Musiker, die beim Viersener Jazzfestival auftraten, bereiteten Haurand und seine Ehefrau Doris Franzen-Haurand Gulasch zu - und das kiloweise.

Seine Energie steckte Haurand in "die dritte Sprache der Musik", wie er den Jazz als improvisierte Musik nannte, und in die Vermittlung der "schrägen Tönchen". So gehörte zum Viersener Jazzfestival auch ein Workshop, in dem Haurand und Musiker-Kollegen einige Tage vor Festival-Beginn Kindern und Jugendlichen die Freude am gemeinsamen Improvisieren vermittelten.

So sehr um das Fortbestehen des Jazzfestivals gestritten wurde, so sehr war die Stadt auch dankbar dafür, dass Haurand durch seine Kontakte bekannte Musiker nach Viersen holte. 2011 erhielt er die Stadtplakette in Silber. 2016 wurde der Keller der Festhalle, in dem alles begann, zum Ali-Haurand-Keller benannt.

Einst lauschten dort die Jazzfans in rauchgeschwängerter Luft den Bands. Während des Festivals, das in diesem Jahr vom 21. bis 23. September stattfindet, wird der Keller zur Bühne 3. Längst ist dort, wie in den übrigen Räumen der Festhalle auch, Rauchverbot - weshalb Jazzfans Haurand oft im Innenhof trafen, wo er von Konzertreisen erzählte und von den Musikern, die mit ihm gespielt und vor ihm gegangen waren. Die Roth-Händle in der Hand, konnte Haurand erzählen wie kein Zweiter. Er wird fehlen.

(RP)