Viersen: Landwirte starten in die Feldsaison

Viersen: Landwirte starten in die Feldsaison

Kartoffelbauer Peter Mertens bereitet im Februar den Ackerboden für seine Knollen vor. Damit sie gut gedeihen, streut er Kalidünger. Die Körner kauft er wie viele seiner Kollegen bei einer Genossenschaft

Landwirt Peter Mertens hat berufsbedingt eine etwas andere Zeitrechnung. Er zählt nicht, wie viele Tage, Wochen oder Jahre noch vor seinem Ruhestand liegen. Er zählt die Ernten. "Ein Landwirt hat in seinem Leben 35 bis 40 Ernten. Ich habe noch sieben oder acht vor mir", sagt der 52-Jährige. Mertens baut Kartoffeln an, sein Hof steht in Oberbeberich. Mitte März pflanzt er die ersten Knollen. "Mitte Juni fängt die Ernte an", sagt der Viersener. Damit seine Frühkartoffeln der Sorte Annabelle gut gedeihen, muss er aber schon jetzt im Februar aufs Feld: "Die Pflanzen brauchen Dünger. Ohne die Nährstoffe geht es nicht."

Seinen Mineraldünger bezieht Mertens über die Raiffeisen-Warengenossenschaft (RWG) Schwalm-Nette. Rund 400 Landwirte in der Region seien ihr angeschlossen, sagt Bernd Wolfs, geschäftsführender Vorstand: "Von Straelen bis Wegberg, von der niederländischen Grenze bis zur Niers." Auf Viersener Stadtgebiet gehörten ihr 90 Prozent der rund 80 Landwirte an. Die RWG hat Standorte in Dülken, Börholz, Niederkrüchten und Dam. Sie versteht sich als Partner ihrer Mitglieder, lagert und vermarktet zum Beispiel ihr Getreide, verkauft als Vollsortimenter unter anderem Futtermittel, Pflanzenschutzstoffe, Saatgut, Baustoffe und eben Mineraldünger. Die Landwirte sind Eigentümer des Unternehmens. "Sie müssen ihre Geschäfte aber nicht über die Genossenschaft abwickeln", betont Wolfs.

Foto: Jörg Knappe

Am RWG-Standort in Dülken decken sich die Landwirte im Februar mit der jeweils passenden Mineralstoffmischung für die Grunddüngung ein. "Sie bereitet den Boden auf die Saison vor", erläutert Wolfs. Kalidünger sei bei rund 300 Landwirten gefragt, "jeder braucht im Durchschnitt acht Tonnen". Auch Mertens streut rund acht Tonnen Kalidünger. Er hat 35 Hektar Ackerland, auf zehn davon baut der Viersener Kartoffeln an. Die restliche Fläche nutze er für Getreide wie Gerste und Hafer, "dazu kommt noch ein bisschen Mais". Darüber hinaus tauscht Mertens wegen der Fruchtfolge Flächen mit Kollegen: Er pflanze in diesem Jahr auf acht Hektar "fremdem Land" Kartoffeln, sagt er. Dafür baue wiederum ein anderer Landwirt auf einem Teil seines Landes andere Kulturen an.

Für ihn als Direktvermarkter sei die Qualität der Kartoffeln entscheidend, sagt Mertens. "Die Hausfrau und der Hausmann, die in der Küche stehen und Kartoffeln schälen: Das sind meine Kunden." Er verkauft seine Knollen auf dem Hof in Oberbeberich, doch die meisten Kunden beliefert er seit 25 Jahren von seinem Lager in der Eifel aus. Rund 400 Tonnen Kartoffeln erntet Mertens jedes Jahr. Die müssen dem Hausmann oder der Hausfrau schmecken, sonst suchen sie sich einen neuen Lieferanten. "Wenn ich zu viel dünge, beeinträchtigt das den Geschmack", sagt er. So sorge etwa Stickstoff dafür, dass die Pflanze schneller wächst - aber auch dafür, dass sie weniger Aroma entwickelt. Kalisalze benötige die Kartoffel für die Zellstabilität: Ist sie damit gut versorgt, lässt sie sich besser lagern. Weitere wichtige Nährstoffe sind Phosphor, Calcium, Magnesium und Schwefel. "Im Kalidünger ist das Magnesium mit drin", sagt Mertens. "Ich benutze so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig."

Am Düngerstreuer kann Landwirt Peter Mertens genau einstellen, wie weit die Körner fliegen sollen. Auch die Menge pro Quadratmeter lässt sich vorgeben. Foto: Nadine Fischer
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Wenn es frostig ist, fährt der Landwirt mit seinem Düngerstreuer zur Raiffeisengenossenschaft nach Dülken und lädt den körnigen Dünger auf. "Frost ist Gold wert", sagen Mertens und Wolfs. Er lockere den Ackerboden auf, sorge zudem dafür, dass die Traktoren nicht zu tief in den Boden sinken und ihn schädigen. Rund 1600 Kilogramm Dünger passen auf Mertens Ladefläche, er fährt also einige Male zwischen seinen Feldern und dem Raiffeisenmarkt hin und her.

Steht der Düngerstreuer auf dem Acker, muss der Landwirt anhand einer Tabelle mechanisch die Schaufeln der Maschine justieren. So kann er etwa beeinflussen, wie weit die Düngerkörner fliegen oder wie viele pro Quadratmeter landen. Auf dem Boden lösen sie sich dann durch die Luftfeuchtigkeit auf. Zu beobachten, wie sich die Pflanzen im Laufe des Jahres entwickeln, "das ist erdig", sagt Mertens. "Ich freue mich, wenn die ersten Knollen aus der Erde kommen oder das Getreide sprießt." Aber: "Diese Leidenschaft, die ich als junger Landwirt hatte, die ist weg. Diese überbordende Bürokratie, die hinter unserem Beruf steckt, macht einen einfach mürbe." Lieferungen muss er zum Beispiel dokumentieren, den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, Maßnahmen zum Arbeitsschutz, Formulare fürs Gewerbeaufsichtsamt ausfüllen. Wenn Mertens im Februar bei Temperaturen um Null Grad auf seinem Feld steht und mit dem Fuß aufstampft, dann weiß er, ob der Boden gefroren ist oder schon taut. Doch das zu wissen, reicht heute nicht mehr: Er müsse dazu Tabellen ausfüllen und der Landwirtschaftskammer als Nachweis einreichen, sagt Mertens. Mittlerweile habe er das Gefühl, von 400 Stellen kontrolliert zu werden. "Das, was ich als Landwirt gelernt habe, ist längst nicht mehr entscheidend."

Bevor Mertens das Gelände der Warengenossenschaft verlässt, muss sein Traktor auf die große Waage. Foto: Fischer

Der 52-Jährige ist Landwirt in dritter Familiengeneration, seine Frau Lisa unterstützt ihn bei der Buchhaltung. Aber: "Ich bin ein auslaufender Betrieb", sagt er. Weder Sohn noch Tochter möchten den Hof weiterführen, und dafür hat er Verständnis. Aber es gebe genug Kollegen, die sicher schon mit den Füßen scharren und sein Land übernehmen wollen.

In Dülken lagern rund 2000 Tonnen Kalidünger. Foto: Nadine Fischer

Deutschlandweit schrumpfe der Bestand an Ackerfläche um 80 Hektar pro Tag, in NRW um 17, bekräftigt Wolfs: Landwirte müssten auf immer weniger Boden ihre Erträge erzielen. Auch deshalb sei es unerlässlich zu düngen. Eine Erfolgsgarantie liefert das Düngen jedoch nicht. "2016 konnte ich wetterbedingt nur 150 statt 500 Tonnen Kartoffeln ernten. Da hatte ich ein echtes Problem", erzählt Mertens. "Ich habe eben nur 35, maximal 40 Ernten, davon muss ich leben." Hat er sein Soll erfüllt, gibt er sein Land gerne an einen Kollegen weiter. "Ich sehe mich als Verwalter auf Zeit. Nach meinen 40 Ernten erntet ein anderer 40-mal", sagt er. "So sehen das sicher 90 Prozent der geborenen Bauern."

Wenn Peter Mertens den Dünger streut, wird es staubig. Durch die Luftfeuchtigkeit lösen sich die Körner später auf. Foto: Fischer
(RP)