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Kreis Viersen: Kammer zieht im Greta-Prozess besondere Schwere der Schuld in Betracht

Erzieherin aus dem Kreis Viersen vor Gericht : Kammer zieht im Greta-Prozess besondere Schwere der Schuld in Betracht

Auch kurz vor Ende des Prozesses gegen eine Erzieherin, die laut Anklage in einer Viersener Kita ein zweijähriges Mädchen ermordete, zweifelt die Verteidigung der 25-Jährigen trotz medizinischer Gutachten die Todesursache weiter an.

Unerwartet stellten die Anwälte am Donnerstag den Antrag, einen Bakteriologen hinzuziehen, der nachweisen soll, dass Greta nicht durch Fremdverschulden starb, sondern durch eine multiple Infektion mit verschiedenen Bakterien und Viren. Staatsanwalt sowie Nebenklage lehnten diesen Antrag ab, da die dazu befragte Rechtsmedizinerin bereits Stellung genommen habe. Die Nebenklägerin fügte hinzu: „Die Todesursache Gretas steht fest: Eine Sauerstoffunterversorgung führte zu einem hypoxischen Hirnschaden. Es gibt keine organische Ursache für die Ereignisse am 21. April 2020.“

An diesem Tag wurde Greta in der Kita ohne Vitalfunktionen aufgefunden. Nach einer Reanimation durch den Notarzt wurde im Krankenhaus in alle Richtungen untersucht. Trotz intensivmedizinischer Behandlung starb Greta einen Tag nach ihrem dritten Geburtstag.

Bei der wegen Mordes angeklagten Erzieherin könnte im Falle einer Verurteilung eine besondere Schwere der Schuld festgestellt werden. Die 25-Jährige könnte dann nur in Ausnahmefällen schon nach 15 Jahren aus der Haft entlassen werden. Das hatte zuvor bereits die Staatsanwaltschaft gefordert. Neben diesem Hinweis erteilte die Schwurgerichtskammer am Donnerstag zwei weitere rechtliche Hinweise. Die angeklagte Erzieherin wurde in einem Gutachten als voll schuldfähig eingestuft. Eine psychiatrische Gutachterin erklärte vor Gericht, die Angeklagte sei bei ihrer Arbeit überfordert gewesen und habe sich gegenüber den Kindern nicht durchsetzen können. Daher seien übersteigerte Bestrafungsaktionen denkbar, um ihre Machtposition wieder herzustellen. „Ein Kleinkind, das eine schwere Sanktion erfährt, wiederholt dieses Verhalten normalerweise nicht“, so die Sachverständige. Es sei daher möglich, dass die Erzieherin der kleinen Greta beim Mittagsschlaf als „überschießende Sanktion“ den Brustkorb und damit die Luft abgedrückt und das Mädchen so ermordet habe.

In ähnlicher Weise soll die Angeklagte auch drei weitere Kita-Kinder misshandelt haben. Auch in diesen Fällen soll sie den Kleinkindern den Brustkorb fest zusammengepresst und sie damit in Lebensgefahr gebracht haben. Diese Fälle waren erst durch die Ermittlungen nach Gretas Tod bekannt geworden. Die 25-Jährige ist wegen der „heimtückischen Tötung eines Kindes und der Misshandlung von Schutzbefohlenen“ angeklagt. Zudem fügte die Kammer am Donnerstag ein Mordmerkmal hinzu: Das angeklagte Tötungsdelikt könne „aus sonstigen niedrigen Beweggründen“ begangen worden sein. Dies begründete der Vorsitzende Richter mit dem Stärke-Macht-Gefälle im Verhältnis zwischen Täter und Opfer: „Das könnte beispielsweise vorliegen, wenn ein Kind erstickt wird, weil es nicht schlafen möchte“, so Lothar Beckers.

Schließlich erklärte die Kammer, dass das ebenfalls bereits von der Staatsanwaltschaft geforderte Berufsverbot erteilt werden könne. Zu Beginn des Prozesstages hatte die Kammer den Antrag der Nebenklage abgelehnt. Diese wollte ein zusätzliches Gutachten beantragen, das der Erzieherin einen Hang zur Begehung schwerer Straftaten nachweisen sollte. Die psychiatrische Sachverständige habe sich bereits dazu geäußert, so die Begründung. Der Prozess wird am 1. März fortgeführt. Falls der Antrag der Verteidigung abgelehnt wird, werden dann die Plädoyers gehört.