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Kreis Viersen hat einzige aktive Obermeisterin einer Gebäudereiniger-Innung in Deutschland

Handwerk in Krefeld und Viersen :  Die erste Innungsobermeisterin in NRW

Nadine Ludwigs ist neu an der Spitze der Gebäudereiniger-Innung Mittlerer Niederrhein. In ihrer Branche ist sie die einzige aktive Obermeisterin.

Ältere Frau im bunten Kittel,  Haube auf, Gummihandschuhe an, dazu Eimer und Putzlappen: „Das sind wir nicht“, sagt Nadine Ludwigs. Noch immer gebe es in der Öffentlichkeit dieses Klischee von der Reinigungskraft – ihre Branche werde stark unterschätzt, ergänzt die Geschäftsführerin des Viersener Unternehmens Gebäude-Service Ludwigs. Immerhin: „Wir haben durch Corona an Akzeptanz hinzugewonnen, das hat uns unheimlich Auftrieb gegeben“, betont sie. Als neue Obermeisterin der Gebäudereiniger-Innung Mittlerer Niederrhein setzt Ludwigs da an. „Ich möchte erreichen, dass unsere Branche und unsere Mitarbeiter wesentlich mehr geschätzt werden“, sagt die 38-Jährige. Seit Oktober ist sie im Amt, und das ist durchaus etwas besonderes:  „Ich bin in unserem Handwerk die einzige aktive Obermeisterin in Deutschland. In NRW bin ich außerdem die erste überhaupt“, erzählt sie.

Sie folgt auf den Krefelder Thomas Schmitz, der nach 23 Jahren das Amt abgeben wollte. Zum Innungsbezirk gehören neben dem Kreis Viersen die Städte Krefeld und Mönchengladbach. Die Innung hat rund 40 Mitgliedsbetriebe, 30 bis 40 Betriebe in der Region seien ihr nicht angeschlossen, erzählt Ludwigs. „Ich bin die Verbindung zur Basis, die Schnittstelle vor Ort“, sagt die Nettetalerin, die sich auch als Ziel gesetzt hat, neue Mitglieder zu gewinnen.

Fünf Jahre lang war Ludwigs bereits stellvertretende Obermeisterin, sie ist im Vorstand der Kreishandwerkerschaft Niederrhein – fühlt sich also gut auf ihre neuen Aufgaben vorbereitet. Mit dem Wechsel an der Spitze werde es sicher „einen frischen Wind“ geben, sagt sie. Als Frau, noch recht jung, dazu anders als ihr Vorgänger nicht im Handwerk ausgebildet, sondern Akademikerin, gehe sie vermutlich manche Dinge anders an. Auch, wenn an der Basis 80 bis 90 Prozent der Angestellten Frauen seien: „Unsere Branche ist in der Führungsebene immer noch eine Männerdomäne“, sagt sie. „Es ist halt ein klassisches Handwerk.“

Ludwigs ist in Nettetal-Lobberich aufgewachsen, dort bauten ihre Eltern Werner und Rosella den Gebäude-Service auf. „Anfangs waren sie zu zweit, mein Vater als Gebäudereinigermeister, meine Mutter erledigte die Büroarbeit“, sagt die 38-Jährige. „Heute haben wir rund 400 Mitarbeiter.“ Seit 40 Jahren besteht das Unternehmen, 2011 wurde der Betriebssitz nach Viersen an die Krefelder Straße verlegt, 2018 Nettetal als Standort aufgegeben. „Wir sind ein Familienunternehmen“, betont  Ludwigs: Ihr Vater und sie bilden die Geschäftsführung, die Mutter ist Prokuristin. Heute geht Ludwigs in ihrem Job auf. „Das ist mein Hobby: Ich lebe das, ich liebe das, was ich mache“, sagt sie.

Dabei wollte sie als Jugendliche noch vor allem eins: Beruflich etwas ganz anderes machen als die Eltern. Psychologin werden, zum Beispiel. Stattdessen entschied sie sich doch dazu, an der Hochschule Niederrhein  Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Reinigungs- und Hygienemanagement zu studieren.  2012 stieg  Ludwigs in den elterlichen Betrieb ein. Seit drei Jahren ist sie Geschäftsführerin.

Auch, wenn die zweifache Mutter keine klassische Handwerksausbildung hat: „Ich habe die Branche von der Pike auf kennengelernt“, sagt sie. Als Kind habe sie im Lager gespielt, als Jugendliche in den Ferien je nach Bedarf tagsüber den Fenster- und Fassadenreinigern geholfen, abends Gebäude gereinigt, außerdem in der Verwaltung mitgeholfen.

Dass sich Ludwigs schon im Studium auf Reinigungs- und Hygienemanagement spezialisiert hat, ist nun in Pandemiezeiten ein Gewinn für das Unternehmen. Dennoch: Corona sei eine Herausforderung, sagt sie. Als beim ersten Lockdown unter anderem Schulen und Kitas schlossen, fielen Aufträge weg, Mitarbeiter waren verunsichert, hatten Angst, sich bei der Arbeit zu infizieren. Das Unternehmen musste Schulungen organisieren, Personalpläne anpassen, Reinigungszeiten etwa in  Pflegeeinrichtungen und Seniorenheimen mussten aufgestockt werden. „Ich bin jetzt mehr denn je gefragt im Unternehmen“, sagt Ludwigs. 

Als Innungsobermeisterin möchte sie alle Unternehmen unterstützen.