Kreis Viersen: Die Inklusions-Checker sind unterwegs

Experten aus Viersen: Die Inklusions-Checker

Oft sind es gerade die kleinen Dinge im Alltag, die Menschen mit Behinderungen Teilhabe erschweren. Ein Team der Lebenshilfe prüft, wo’s hakt. In Viersen zum Beispiel bei Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer.

Wenn André Sole-Bergers und sein sechsköpfiges Experten-Team irgendwo auftauchen, stehen die Chancen gut, dass die Welt an dieser Stelle bald ein kleines bisschen besser wird. Für Menschen mit Behinderungen. Aber beispielsweise auch für die Mutter mit dem Kinderwagen. Oder den Jugendlichen mit der Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Der 37-Jährige ist Inklusionsmanager bei „Viersen für alle“. Sein Arbeitgeber, die Lebenshilfe Kreis Viersen – ein Selbsthilfeverband für Menschen mit geistiger Behinderung –, hat ihn für diese Aufgabe drei Jahre lang freigestellt. Unterstützt wird das Projekt finanziell von der Aktion Mensch.

Im August ging’s los. Wie können Menschen mit Behinderungen besser am Leben teilhaben? Sole-Bergers trommelte seine sechs Experten zusammen. Zum Beispiel Eva Lipka, die geistig behindert ist und im Heilpädagogischen Zentrum (HPZ) arbeitet. Oder Roman Wittpohl, der im Rollstuhl sitzt. Schnell kamen die ersten Anregungen zusammen. Wittpohl beispielsweise kann nur mit einem Betreuer einkaufen gehen. Nicht, weil er nicht selbstständig einkaufen könnte. Sondern weil es in seinem Supermarkt keine Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer gibt.

Rollstuhlfahrer Roman Wittpohl ist in Tönisvorst fündig geworden: Dort hat der Real-Markt Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer. Foto: Lebenshilfe

Die Truppe um den gelernten Heilpädagogen Sole-Bergers hakte nach. Wo im Kreis Viersen gibt’s Supermärkte und Discounter mit Einkaufswagen für Rolli-Fahrer? „In Lobberich zum Beispiel haben drei von sechs Discountern diese speziellen Wagen“, berichtet Sole-Bergers. In der Kreisstadt Viersen hingegen kein einziger. „Zwei Geschäfte hatten zwar mal welche, aber die waren ihnen entwendet worden.“ In Kempen ließ sich der Penny-Markt schnell von den Vorteilen überzeugen. „In der Nähe liegen zwei Altenheime, direkt über dem Ladenlokal ein Wohnheim der Lebenshilfe – da sah auch der Marktleiter einen Gewinn für sein Geschäft“, berichtet Sole-Bergers. Die Einkaufswagen wurden gekauft.

  • Kreis Viersen : Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung

So etwas ist natürlich der Idealfall. Eine Win-Win-Situation, von der beide Seiten profitieren. Kürzlich erst hat der 37-Jährige in Sachen rolligerechte Einkaufswagen mit der Zentrale von Aldi Süd gesprochen. „Für einen einzelnen Markt sollen diese speziellen Einkaufswagen nicht angeschafft werden, aber ich bekam die Auskunft, dass das Thema dort jetzt mal grundsätzlich diskutiert werden soll.“

Längst nicht mehr diskutiert wird über spezielle Funkklingeln – eine Idee des Runden Tischs für Stadtmarketing in Kempen. In der Innenstadt haben zahlreiche Ladenlokale Stufen vor der Tür. Das macht es nicht nur Menschen mit Behinderungen schwer, hineinzukommen, sondern beispielsweise auch Mütter (oder Vätern) mit Kinderwagen. Roman Wittpohl checkte auch dort im Rolli die Lage, vor einigen Wochen wurden in Kempen knapp 60 Schilder mit der Aufschrift „Bitte klingeln – Wir helfen Ihnen“ samt einer Funkklingel montiert. Der Signalgeber ist so angebracht, dass ihn auch Kunden im Rollstuhl gut erreichen und auch Blinde ihn lesen können; der Hinweis wird in Brailleschrift wiederholt. „Das spricht sich rum, jetzt will auch die SPD in Lobberich solche Klingelschilder einsetzen“, berichtet Sole-Bergers. Auch für die Stadt Viersen ist die Truppe im Einsatz. „Eine Arbeitsgruppe übersetzt derzeit Amtstexte in Leichte Sprache“, berichtet der 37-Jährige. Der Job mache ihm sehr viel Spaß. „Wir bekommen viele Rückmeldungen, die Leute sind sehr aufgeschlossen.“

Am Montag fahren Sole-Bergers und einige Mitglieder seines Teams, die vom HPZ acht Stunden pro Woche für ihre Einsätze freigestellt sind, zum Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium. Im Gepäck: Ein Rolli und Spezialbrillen. Damit die Schüler ihre Schule mal aus der Sicht eines Menschen mit Behinderung erleben können.

Mehr von RP ONLINE