Klinik-Reform im Kreis Viersen Perinatalzentrum am AKH in Gefahr

Analyse | Kreis Viersen · Kein Krankenhaus im Kreis Viersen wird schließen müssen, wenn die neue Krankenhausplanung NRW gesetzlich verankert wird. Allerdings müssen alle Häuser mit Einschnitten klar kommen. Was das Ministerium vorsieht.

In der Kinderklinik St. Nikolaus betreibt das AKH Viersen derzeit ein Perinatalzentrum Level 2. Ob es erhalten bleibt, ist fraglich.

In der Kinderklinik St. Nikolaus betreibt das AKH Viersen derzeit ein Perinatalzentrum Level 2. Ob es erhalten bleibt, ist fraglich.

Foto: Martin Röse

Die mahnenden Stimmen aus der Kreispolitik scheinen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Denn die ursprünglich geplanten, zum Teil recht drastischen Einschnitte wird es bei den Krankenhäusern im Kreis Viersen nicht geben. Das ergibt sich aus den Übersichten, die das NRW-Gesundheitsministerium jetzt zur Umsetzung des neuen Krankenhausplans veröffentlicht hat.

Zur Erinnerung: Seit 2019 läuft der Prozess zur Optimierung der flächendeckenden stationären medizinischen Versorgung in Nordrhein-Westfalen. Die Corona-Pandemie verzögerte das Verfahren. 2022 lag dann ein mit externer Unterstützung erstellter Plan des Ministeriums vor. Das Positive: Das Ministerium spielte mit offenen Karten, Krankenhäuser als Leistungserbringer und Krankenkassen als Kostenträger wurden ebenso einbezogen wie Städte und Kreise.

Der Kreis Viersen hat in einer schriftlichen Stellungnahme Einwände gegen mögliche Einschnitte bei den anderen vier Häusern der Grundversorgung im Kreis Viersen – das Allgemeine Krankenhaus (AKH) Viersen, das Städtische Krankenhaus Nettetal, das St.-Irmgardis-Krankenhaus Süchteln und das Kempener Heilig-Geist-Hospital geltend gemacht.

„Was jetzt auf dem Tisch liegt, ist zunächst ein Vorschlag, wie die Reform umgesetzt werden könnte. Der Umsetzungsprozess ist damit noch nicht beendet“, sagt Kim Holger Kreft, Geschäftsführer des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) Viersen in seiner Eigenschaft als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Krankenhäuser im Kreis Viersen und in der Stadt Krefeld. Die einzelnen Häuser haben nun im Zuge des Anhörungsverfahrens Gelegenheit, schriftliche Stellungnahmen zu dem Konzept des Ministeriums abzugeben.

Diese Chance werden sie wohl auch nutzen. Auch wenn die Häuser in den Prozess einbezogen worden sind, können sie einzelne Kürzungen oder komplette Streichungen ihrer Leistungsangebote nicht nachvollziehen. „Unsere Erwartungshaltung ist klar: Das Ministerium muss nachbessern“, betont Kreft im Gespräch mit der Redaktion.

Das Ministerium habe immer betont, dass Schwerpunkte für bestimmte Leistungsgruppen gebildet werden müssten. Das haben beispielsweise das AKH Viersen und das Kempener Hospital im Bereich der Kardiologie gemeinsam getan. „Die Zusammenarbeit funktioniert gut“, sagt Kreft. Gleichwohl sei es unverständlich, wenn etwa für die Leistungsgruppe „Kardiale Devices“ – das sind Behandlungen mit Herzschrittmachern und implantierten Defibrillatoren – gar keine Klinik im Kreis Viersen mehr vorgesehen sei. Das Kempener Hospital betreibt dieses Verfahren. Die Begründung der Ablehnung durch das Ministerium: Diese Leistungsgruppe sei im Vergleich zu anderen kardiologischen Bereichen nicht so sehr durch akute Notfälle geprägt. Hier sei eine weitergehende Konzentration auf Großkliniken sinnvoll und daher kein Standort im Kreis Viersen vorgesehen. „Die Patientinnen und Patienten können mehrere Leistungsanbieter in den nächstgelegenen Stadtgebieten Mönchengladbach und Krefeld erreichen“, so das Ministerium.

Ähnliches gilt für die Gruppe der so genannten Ablationen, bei denen krankhafte Erregungsherde am Herzen mithilfe eines Katheters behandelt werden, sodass das Herz wieder normal schlagen kann. Hier geht das Ministerium von einem Überangebot der Krankenhäuser in der Region aus. Die Folge: Das AKH Viersen, das im Vergleich zu anderen Kliniken deutlich weniger Fälle beantragt, soll diese Leistung laut Entwurf nicht mehr anbieten, zumal es als einziges Haus kein entsprechendes Kardio-MRT-Gerät hat.

Ob das AKH Viersen künftig auch ein so genanntes Perinatalzentrum wird betreiben können, ist angesichts der Stellungnahme des Ministeriums offen. Die Wohnortnähe sieht das Ministerium hier nicht als entscheidendes Kriterium für die Versorgung von Frühgeborenen an. Und weil das AKH in den vergangenen Jahren hier „deutliche geringere Fallzahlen als alle anderen Krankenhäuser mit vergleichbarem Leistungsspektrum“ in der Region erbracht hat, hält das Ministerium eine Konzentration auf die anderen drei Anbieter – einer ist das Städtische Elisabeth-Krankenhaus in Mönchengladbach-Rheydt – für sinnvoll.

Die Fallzahlen, die die einzelnen Krankenhäuser erreichen, sind im Regelfall der Maßstab für die weitere Genehmigung durch das Ministerium. Aber es gibt bekanntlich keine Regel ohne Ausnahme: Und davon könnten sowohl das Städtische Krankenhaus Nettetal als auch die LVR-Klinik für Orthopädie in Süchteln am Ende profitieren. In dem Lobbericher Haus werden zum Beispiel seit Jahren Patientinnen und Patienten erfolgreich künstliche Hüftgelenke eingesetzt. Und obwohl das Krankenhaus die erforderlichen Fallzahlen in der Leistungsgruppe „Endoprothetik Hüfte“ nicht erreicht, soll dieses Angebot fortbestehen können. Eine Begründung des Ministeriums ist die Lage des Hauses im deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Hier müsse „eine gesamtwirtschaftliche Tragfähigkeit“ des Krankenhauses gewährleistet werden.

Ein Sonderfall ist die LVR-Klinik für Orthopädie: Hier stellt das Ministerium fest, dass bei den Implantationen von künstlichen Hüft- und Kniegelenken die Mindestkriterien nicht erfüllt sind. Dazu erklärt Vorstandsvorsitzende Dorothee Enbergs: „So entsteht der Eindruck, unser Haus müsse schließen.“ Das sei aber nicht richtig. Es gehe bei den Mindestkriterien nicht um Qualitätskriterien, sondern um die Erfüllung von Strukturvorgaben, wie beispielsweise die Verfügbarkeit eines Gefäßchirurgen. Positiv aus Sicht des Ministeriums positiv: Die Fachklinik des Landschaftsverbandes Rheinland – Träger ist also das Land – verfügt „über eine hohe Expertise auf dem Gebiet der Endoprothetik“ und erbringe seit Jahren hohe Fallzahlen. Enbergs: „Es stehen also weder eine Schließung des Hauses bevor, noch Stornierungen oder Absagen von Operationen. Im Gegenteil – wir haben viel vor und stehen zu unserer Verantwortung als Fachklinik in unserer Region.“

Ebenfalls eine gute Nachricht: Das Hospital zum Heiligen Geist kann die erst im vergangenen zertifizierte „Stroke Unit“ zur Akutbehandlung von Schlaganfällen auch künftig betreiben. Es ist die einzige Einrichtung ihrer Art im Kreis Viersen. Darauf nimmt das Ministerium Rücksicht und verweist auf das Versorgungsgebiet des nordöstlichen Kreisgebietes. Die Nähe zu Krefeld scheint bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt zu haben. Im Gegenteil: Das Maria-Hilf-Klinikum Krefeld soll dieses Leistungsangebot abgeben. Die bislang dort erbrachten Fallzahlen werden dem Helios-Klinikum Krefeld zugeschlagen.

Zu guter Letzt: Das Irmgardis-Krankenhaus Süchteln als kleinste Klinik im Kreis Viersen profitiert von seinem geriatrischen Schwerpunkt, dem einzigen dieser Art im Kreis Viersen. Der soll erhalten bleiben.