In Viersen ist die Zahl der Obdachlosen in 20 Jahren um 90 Prozent gesunken

Obdachlosigkeit in Viersen : „Die allerletzte Möglichkeit“

Kommende Woche drohen die ersten Nachtfröste. Das wird zu einem Problem für Obdachlose. In Viersen entwickelt sich die Zahl der Männer und Frauen ohne Dach über dem Kopf seit Jahren rückläufig. Woran liegt das?

„Das sieht ja alles ganz gut aus“, lobt ein Mitglied des Sozialausschusses. „Aber übernachten möchte man hier doch lieber nicht“, schiebt er hinterher. Er steht im Wärmeraum der im Sommer frisch hergerichteten Notunterkunft der Stadt Viersen an der Josefstraße. Dort können die eine Bleibe finden, die kein Dach über dem Kopf haben.

Claudia Ulonska aus dem Fachbereich Soziales führt die Mitglieder des Sozialausschusses durch die Notunterkunft. Foto: Martin Röse

Bundesweit steigt die Zahl der Obdachlosen. Die Grünen wollten deshalb wissen, wie die Situation in Viersen ist, schließlich ist Wohnraum auch in der Kreisstadt knapp. Sozialdezernentin Çigdem Bern lud die Mitglieder des Sozialausschusses ein, sich vor Ort in der Notunterkunft ein Bild zu machen. Dort berichtete Claudia Ulonska, Abteilungsleiterin im Fachbereich Soziales und Wohnen, von der Arbeit der „Fachstelle für Hilfen in Wohnungsnotfällen“. Vor 20 Jahren nahm die mit vier Sozialarbeiterinnen besetzte Fachstelle ihre Arbeit auf, im selben Zeitraum sank die Zahl der Menschen, die in Viersen in Obdachlosenunterkünften leben, um fast 90 Prozent: Statt 121 am 30. Juni 1999 waren es auf den Tag genau 20 Jahre später nur noch 14 Personen.

Die Notunterkunft an der Josefstraße. Foto: Martin Röse

Das Vorsorgeteam legt bereits los, bevor ein Problem akut wird. „Wir bekommen beispielsweise Hinweise von Gerichtsvollziehern, dass eine Räumungsklage ansteht“, sagt Ulonska. Und dann versuchen die Mitarbeiter der Fachstelle, diese Klage zu verhindern, nutzen ihre zahlreichen Kontakte zu Jugendamt, Gesundheitsamt, Sozialamt, aber auch zu nicht-städtischen Einrichtungen wie Schuldner- oder Drogenberatung. Und den Wohnungsgesellschaften und Genossenschaften, aber auch privaten Vermietern. Ergebnis: Die Zahl der Räumungsklagen sinkt nahezu kontinuierlich (von 101 im Jahr 2014 auf 73 in 2018). Und noch seltener als zur Klage kommt es dann tatsächlich zu einem Räumungstermin. Im vergangenen Jahr mussten nach 68 Räumungsterminen lediglich drei Haushalte vom Amt in einer Obdachlosenwohnung untergebracht werden.

Blick in den Küchenbereich des Männertraktes der städtischen Notunterkunft. Foto: Martin Röse

Die letzte Möglichkeit ist die Notunterkunft, aufgeteilt in einen Bereich für Frauen und für Männer. Tagsüber sind die Betten tabu, es herrscht striktes Alkoholverbot, einen Fernseher gibt es nicht. Zu gemütlich soll es den Obdachlosen nicht gemacht werden. 2011 Übernachtungen wurden dort im vergangenen Jahr registriert, wer in der Notunterkunft nächtigt, hat oft nicht nur ein Problem: Es sind Menschen, die alkohol- oder drogenkrank sind, aus der Landesklinik oder aus der Haft entlassene Männer und Frauen, auch psychisch eingeschränkte Personen. Und es gibt eine Tendenz: Während bis vor wenigen Jahren nur sehr selten alleinstehende obdachlose Frauen in der Übernachtungsstelle untergebracht wurden, wird der Frauentrakt mittlerweile fast durchgängig zur Unterbringung genutzt. Und: Mittlerweile seien häufiger auch ältere Personen und behinderte Menschen unterzubringen, so Ulonska. Die Stadt hat darauf reagiert. Ein Zimmer hat einen rollstuhlgerechten Zugang – über eine Terrassentür.

Leichter wird die Arbeit der Fachstelle nicht. Nach den Beobachtungen der Stadtverwaltung ist es zurzeit schwierig, Obdachlosenhaushalte in ein ordentliches Mietverhältnis zu vermitteln. Grund sei der enge Wohnungsmarkt. Das gelte vor allem für angemessene Wohnungen für Menschen, die Sozialleistungen beziehen. „Haushalte mit einer problematischen Vorgeschichte haben im Wettbewerb um solche Wohnungen gegenwärtig kaum eine Chance.“

Was ist eigentlich mit den Leuten, die in den Parks und Grünanlagen anzutreffen sind und häufig Alkohol trinken? Sie sind in der Regel nicht obdachlos. Sie haben gewöhnlich eine Wohnung und nutzen die Parks lediglich als Treffpunkt.

Mehr von RP ONLINE