In Niederküchten gibt es die schönste Haltestelle im Grenzland

Haltestelle in Niederkrüchten: Ein Wartehäuschen zum Verlieben

Fast wie im Wohnzimmer: Wer würde an der Burgstraße in Niederkrüchten nicht gerne auf den Bus warten? Junge Graffitikünstler haben das triste Klinker-Wartehäuschen aufgepeppt. Und es soll noch gemütlicher werden.

Zugegeben, die neue gute Stube von Oberkrüchten ist ein bisschen zugig, aber dafür echt gemütlich. Das wuchtige Sofa wird eingerahmt von einer Kommode mit Blumenvase und einer Stehlampe. Ein Wandbild zeigt ein Schiff auf hoher See. Und vom Sofa schweift der Blick nach rechts durchs Fenster auf eine sonnenbeschienene Baumwiese. Die Tapete im schrillen gelb-pinken Streifenmuster ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber sie macht einfach gute Laune. Mitten im Ort ist eine kunterbunte, fröhliche Wohnlandschaft entstanden.

Die Haltestelle an der Burgstraße war für Generationen von Busnutzern ein langweiliges, rechtwinkliges Klinker-Konglomerat im 60er-Jahre-Stil. Jetzt ist sie ein Kunstwerk – und vielleicht ertappt sich der ein oder andere Wartende bei dem Gedanken, dass der Bus sich ruhig noch ein bisschen Zeit lassen kann.

Bushaltestellen tauchen in der Hitliste der Sehenswürdigkeiten einer Gemeinde im Allgemeinen eher nicht auf. Sie sind funktional, zweckmäßig, unscheinbar. Uninteressant eben. Und dann die Offenbarung in Oberkrüchten: Bushaltestellen können auch schön sein. Ein ganz neues Gefühl.

  • Bildband : Buswartehäuschen ist ein „Weltstar“

Für dieses Gefühl ist Steffen Mumm verantwortlich. Der 27-Jährige ist Graffitikünstler, Kalligraf, Lettering-Artist und Illustrator. Seine Kunst bringt er ebenso auf Papier wie auf Wände und sogar auf Motorhauben – je nachdem, was der Auftraggeber wünscht. Renommierte Unternehmen zählen zu seinen Kunden. Und Mumm hat ein Herz für Kinder und Jugendliche. In den vergangenen Sommerferien leitete er einen Graffiti-Workshop für Kids als Freizeitangebot in Niederkrüchten. Mit-Initiatorin war damals die Niederkrüchtener Streetworkerin Alexandra Jansen, die jetzt auch die Idee zur Bushaltestellen-Verschönerung hatte – es war ihr Abschiedsgeschenk, Jansen ist inzwischen Schulsozialarbeiterin an der Gesamtschule Brüggen.

„Der Grundgedanke war, das Wartehäuschen in ein Wohnzimmer zu verwandeln“, erzählt Mumm. Mit vier Jugendlichen tüftelte er das Design aus und skizzierte das Bild auf der zuvor grundierten Klinkerwand vor. Danach konnte der Graffiti-Nachwuchs die Konturen farblich ausfüllen. Witzige Details wie der Landschaftsblick aus dem Fenster oder das Blümchen auf der Kommode ließen die Jugendlichen während der Arbeit spontan einfließen. Einen Tag und etwa 20 Sprühflaschen später war das Werk vollbracht.

Fast schade, dass man sich auf das einladende Sofa nicht setzen kann. Noch nicht. Bürgermeister Kalle Wassong (parteilos), ebenfalls begeistert vom Ergebnis der Jugend-Aktion, kündigt an, dass in dem Wartehäuschen-Wohnzimmer demnächst Sitzgelegenheiten ins Bild integriert werden – wirklich zum Sitzen, nicht nur zum Gucken. Damit dürfte es noch gemütlicher werden. Praktisch, dass ins Buswartehäuschen einer der neuen Bücherschränke integriert wurde. Da kann der geneigte Buspassagier sich die Wartezeit mit einem guten Buch verkürzen. Aber aufgepasst: Nicht den Bus verpassen!

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