Viersen: "Ich habe viele Menschen sterben sehen"

Viersen: "Ich habe viele Menschen sterben sehen"

In Israel hat Bernd Kruse viele Gesichter des Todes gesehen. Seine Fau starb durch die Kugel eines Heckenschützen. Vor 24 Jahren wanderte er mit seinen Kindern nach Deutschland aus. Eine Geschichte von Flucht und Vergebung.

Ein Hakenkreuz auf seinem Auto kann Bernd Kruse nicht sonderlich schocken. "Das war damals in Remscheid. Ich gehe offen damit um, dass ich Jude bin. Dann passiert so was", sagt der 55-Jährige. "Natürlich finde ich es auch schlimm, dass neben jeder Synagoge ein Polizist stehen muss, aber es ist nur eine Minderheit, die rassistisch denkt."

Wer selbst in einen Gewehrlauf geblickt hat, wer zusehen musste, wie Kameraden von einer Miene zerfetzt wurden, wer seine Vorfahren im Holocaust und seine Frau durch ein Attentat verlor, der hat gelernt, das Leben differenziert zu betrachten.

Vor 25 Jahren fasste Kruse den Entschluss, nach Deutschland auszuwandern. Zu viel Terror und Tod hatte er erlebt.

"Neun Jahre zuvor hatte ein Heckenschütze meine Frau getötet. Sie hatte auf dem Markt für den Sabbat eingekauft. Als am Abend die Uniformierten bei uns klingelten, da wusste ich: Sie kommt nicht wieder. Das war 1981."

Mit zwei Kindern, 19 Monate und drei Jahre, musste sich der Israeli durchschlagen. "Meine Kinder waren zu klein, um es zu verstehen. Aber ich war sehr zornig auf die Täter", sagt er. "Vergeben kann ich die Tat auch heute nicht, aber ich kann sie auf sich beruhen lassen und den Hass nicht weitertragen."

Bis heute hat Kruse nicht vergessen, was sein Großvater, der den Holocaust überlebte, ihm als Zehnjährigem sagte. "Ich sagte: Das waren die Deutschen. Er sagte: Das waren die Nazis. Er hat die ganze Nacht mit mir diskutiert, bis ich begriffen hatte, nicht zu verallgemeinern, sondern konkret zu werden."

Kruse war Berufssoldat, wie sein Vater und dessen Vater. Seine Dienstzeit fiel mit der Ersten Intifada zusammen. "Wer schon mal in den Lauf eines Gewehres geschaut hat, der weiß, warum Menschen aus Syrien fliehen. Wenn man gesehen hat, wie andere Menschen getötet werden, ist man nicht mehr derselbe wie vorher", sagt der 55-Jährige.

"Ich habe hunderte Menschen sterben sehen", sagte der ehemalige Soldat. Zweimal geriet er in Lebensgefahr. Einmal, als sie Patrouille fuhren und auf eine Miene stießen. "Das Auto vor uns samt Insassen wurden in Stücke gerissen. Wir überlebten schwer verletzt", erzählt er. "Das zweite Mal gerieten wir mit sieben Mann in einen Hinterhalt. Ich habe als Einziger überlebt. Ich war einen Ticken schneller in Deckung als die anderen."

Kruse beendete seine Militärzeit im Jahr 1990. Er wollte das Ende seiner Dienstzeit feiern und mietete ein Lokal an. "Ich war froh, an einem Stück überlebt zu haben", erinnert er sich. Kurz bevor die Feier begann, flog das Lokal bei einem Bombenattentat in die Luft und mit ihm ein israelisches Brautpaar, das dort gerade einen Empfang abhielt. Danach traf Kruse die Entscheidung: "Meine Kinder hatten schon ihre Mutter verloren, sie sollten nicht noch den Vater verlieren. Wir wandern aus nach Deutschland." Dort, in Duisburg-Hochfeld, war er 1959 geboren worden und nach drei Jahren nach Israel in den Kibbuz seines Großvaters bei Haifa gezogen. Als deutschstämmiger Jude ging er 1990 nach Deutschland zurück, das Land, das er heute seine Heimat nennt.

Seine Ausbildung als Krankenpfleger wurde in Deutschland nicht anerkannt, obwohl er durch das Militär besser ausgebildet war als jede Krankenschwester. Auch Deutsch musste er lernen. "Jeden Tag fünf Wörter", sagte er. Zunächst habe er sich mit Hilfswörtern wie "Gib mir das Dingsbums!" durchgeschlagen. Weil er anfangs die Artikel nicht wusste, schuf er sich einen Universalartikel: ein genuscheltes "de".

Heute ist Kruse Lehrer für Altenpfleger beim Verein zur Förderung der Altenpflege. Er ist seit 1997 Mitglied in der SPD. In Viersen ist er sachkundiger Einwohner im Ausschuss für Gesundheit und Soziales. "Ich bin im Kibbuz früh mit sozialistischen Gedanken in Berührung gekommen. Für mich kommt als politische Heimat nur die SPD in Frage."

Die Politikmüdigkeit vieler Deutscher kann er nicht verstehen. "Wir leben hier seit 70 Jahren in Frieden. Das hat auch die Politik gemacht", sagt Kruse. Die Unterschiede zwischen einem Leben in Krieg und Frieden kennt er nur zu gut.

(RP)
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