Viersen: "Gekungelt haben die damals auch"

Viersen: "Gekungelt haben die damals auch"

Viersens Stadtarchiv besitzt jetzt zwei Referate des ehemaligen Oberstadtdirektors van Kaldenkerken (1959–1974).

Viersens Stadtarchiv besitzt jetzt zwei Referate des ehemaligen Oberstadtdirektors van Kaldenkerken (1959—1974).

Ein Diner mit dem damaligen Ministerpräsidenten Franz Meyers im "Haus Kaiserbad" war maßgebend dafür, dass die kleine Kreisstadt Viersen Mitte der 1960er-Jahre nicht der Ballungszone von Mönchengladbach und Krefeld zugeordnet wurde. Karl-Heinz van Kaldenkerken, von 1959 bis 1974 Oberstadtdirektor in Viersen, stellte mit einigen Politikern damals die Weichen, dass Viersen ab 1970 mit Dülken, Süchteln und Boisheim zusammengefasst wurde.

"Aus dem Nähkästchen" hat van Kaldenkerken einen Vortrag genannt, den er mit einem Referat über das hundertjährige Bestehen der Festhalle der Stadt übergab. Vermittelt hat es sein Nachfolger, der spätere Landrat Hans-Christian Vollert. Beide Manuskripte verwahrt nun das Stadtarchiv. Bürgermeister Günter Thönnessen ermunterte Stadtarchivar Marcus Ewers zur näheren Beschäftigung mit den Schriften. Mit Blick auf bis zu 50 Jahre zurückliegende Vorgänge sinnierte er, ob man mit damaligen Akteuren eine gemeinsame Veranstaltung machen solle.

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"Hohen Respekt" zollte im Stadthaus unterdessen Vollert jenen Verwaltungsleuten und Politikern, die "mit großem Geschick" die Zukunft der gerade mal 45 000 Einwohner zählenden Kreisstadt strategisch vorbereiteten. "Das war eine spannende Zeit für Viersen", erklärte Vollert. Van Kaldenkerken habe frühzeitig erkannt, dass Viersen in ein existenzielles Spannungsfeld zwischen Stadt und Land geriet. "Gekungelt haben die damals schon", schmunzelte er. Die Viersener nahmen Kontakt zu ihren Nachbarn auf und boten — letztlich mit Erfolg — lukrative Ämter und Posten an. Vor allem die willigen Süchtelner Stadtvertreter profitierten, indem sie das Spiel mitmachten und dafür von vornherein Einfluss in Verwaltungsführung und Leitung politischer Gremien bekamen.

So stemmte sich nur Dülken gegen die Eingemeindung. Die stark industriell geprägte Stadt wollte sich mit Waldniel verbünden und eigenständig bleiben. Aber das Diner im "Haus Kaiserbad", das mehrfach unterbrochen wurde, weil Rückkopplungen mit der Staatskanzlei stattfanden, hatte Fakten geschaffen. "Dann entwickelte sich das Spiel, das gab nicht nur reine Freude. Dülkens Liebe für die Lösung war deutlich begrenzt", stellte Vollert fest.

Der Verlust des Kreissitzes schmerzte (Alt-)Viersen allerdings sehr, auch wenn ab 1974 der Kreis den Namen der Stadt trug. Lange wurde der Kreis von Kempen aus verwaltet und politisch regiert. "Manche Träume sind nicht aufgegangen", räumte Vollert ein. Viersen sollte zum Beispiel mal mehr als 100 000 Einwohner zählen. Bürgermeister Thönnessen riet Vollert übrigens, "mal häufiger essen zu gehen. Da gibt es oft die besten Ergebnisse."

(RP)
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