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Frauenzentrum Viersen: Beratung bei sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt

Hilfe für Missbrauchsopfer : Schock und Scham lähmen viele Opfer

Das Frauenzentrum Viersen berät bei sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt. Im Jahr 2018 kam 351 Frauen in die Beratung, davon hatten 96 psychische oder physische Gewalt erlebt, 44 Frauen berichteten über sexuelle Gewalt.

Der aktuelle Missbrauchsvorwurf gegen einen Tanzlehrer aus dem Kreis Viersen zeigt, wie wichtig es ist, Präventionsarbeit und Aufklärung zu leisten. Das Frauenzentrum Viersen berät Mädchen und Frauen.

Wie äußert sich sexueller Missbrauch bei Kindern und Jugendlichen?

Knoben: Das ist sehr schwierig zu erkennen. Es sind individuelle Symptome und Verhaltensauffälligkeiten, die aber auch andere Ursachen haben können. Es muss bei Auffälligkeiten nicht direkt ein sexueller Missbrauch dahinter stehen. 40 Prozent der Betroffenen zeigt laut Statistik zunächst gar keine Auffälligkeiten, was das Ganze noch schwieriger gestaltet. Schlaf-, Ess- und Kommunikationsstörungen sollten auf jeden Fall im Auge behalten werden. Auffällig ist auch, wenn Kinder und Jugendliche nicht mehr von den Eltern angefasst werden wollen oder es zu Verletzungen kommt. All das können Hinweise sein, die, wie gesagt, aber auch andere Ursachen haben können.

Gibt es Warnzeichen, auf die  Eltern beziehungsweise Erziehungsberechtigte achten sollten?

Lassak: Generell sollten Eltern immer aufmerksam auf Andeutungen reagieren, ihre Kinder ernst nehmen und auf deren Gefühle und Bedürfnisse reagieren. Das Kind braucht das Gefühl, ernst genommen zu werden. Das fängt schon beim Grenzen setzen an. Kinder setzen selber Grenzen in Sachen Berührung und die sind zu akzeptieren. Das Küsschen für Oma erzwingen oder die Umarmung vom Onkel anordnen, sollte unterlassen werden.

Wie sollten sich betroffene Mädchen und Frauen verhalten?

Knoben: Wenn ein sexueller Missbrauch stattgefunden hat, sollte sich die Betroffene jemandem anvertrauen. Das Schamgefühl ist groß, zumal solche sexuellen Übergriffe meist im persönlichen Nahraum passieren. Es ist zudem wichtig, eine Fachberatungsstelle aufzusuchen, um fachliche Hilfe zu erhalten und rechtliche Schritte einleiten zu können.

Wo liegt die größte Hemmschwelle, bevor Betroffene sich entscheiden, Vorfälle zu melden und Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Lassak: Scham und Schock hindern oft daran, handlungsaktiv zu werden. Der Betroffenen ist es peinlich. Dazu kommt, dass Opfer von Tätern unter Druck gesetzt werden. Es kann zu Drohungen gekommen sein oder alles wurde unter dem Mantel der Geheimhaltung verpackt.

Wie ist der Ablauf bei einer Vorfallsmeldung im Frauenzentrum?

Knoben: Wir sind für junge Frauen ab 16 Jahren zuständig. Kommen jüngere Mädchen zu uns, vermitteln wir sie an die entsprechenden Stellen weiter. Natürlich können auch Mütter, deren Töchter betroffen sind, zu uns kommen. Als erstes erfolgt ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin. Danach schauen wir ganz individuell, was die betroffene Frau braucht. Wie ist der Ist-Zustand, wird ein Anwalt benötigt, muss eine weitere Stelle benachrichtigt werden? Wir hören zu und gehen alle Schritte, die wir besprechen, gemeinsam mit der Frau.

Wie sehen Hilfsangebote für Mädchen und Frauen aus, die sexuelle oder häusliche Gewalt erlebt haben?

Lassak: Die Palette ist groß. Neben Informationen, Krisenintervention, Gewaltschutzberatung sowie Orientierungsgesprächen bieten wir kurz- und langfristige Beratung und therapeutische Begleitung sowie Beratung für Angehörige und Bezugspersonen an.

Welche Präventionsangebote bietet das Frauenzentrum an?

Knoben: Zu unseren Angeboten gehören Präventionsarbeit gegen sexuelle Belästigung und Gewalt für Schülerinnen und Schüler ab der Klasse acht. Wir schulen Erzieher/-innen, Pädagogen/-innen und Lehrer/-innen in Sachen Präventionsarbeit zu sexualisierter Gewalt an Mädchen und Jungen. Das Erkennen und Handeln betreffend häusliche Gewalt ist ebenfalls Thema im Schulungsbereich für Erwachsene. Die Präventionsveranstaltungen zur häuslichen Gewalt und zur sexualisierten Gewalt finden in Kooperation mit dem Kommissariat Vorbeugung Viersen statt.

Wie können betroffene Mädchen und Frauen Kontakt aufnehmen?

Lassak: Mädchen und Frauen können uns dienstags, mittwochs und donnerstags von jeweils 9 bis 11 Uhr telefonisch erreichen.

Mit welchen Kooperationspartnern arbeitet das Frauenzentrum?

Knoben: Wir arbeiten mit allen im Kreis Viersen ansässigen Beratungsstellen zusammen, angefangen vom Opferschutz über Jugendämter bis hin zur Polizei. Wir sind im Arbeitskreis Missbrauch an Mädchen und Jungen und dem daraus entstandenen Krisenstab des Kreises Viersen organisiert. Dazu sind wir Mitorganisatorinnen des Runden Tisches Häusliche Gewalt des Kreises Viersen.

Wie viele Frauen im Kreis Viersen erleben jährlich sexuelle oder häusliche Gewalt?

Lassak: Wenn wir auf das Jahr 2018 im Kreis Viersen blicken, so hatten wir 351 Frauen in der Beratung. 96 Frauen davon hatten psychische und physische Gewalt erfahren. 44 Frauen erlebten sexuelle Gewalt.