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Frank Gellen über die wichtigsten Themen für Brüggen in 2022

Interview Frank Gellen, Brüggens Bürgermeister : „Das ist eine Chance wie damals die Fußgängerzone“

Brüggens Bürgermeister Frank Gellen spricht im RP-Interview über das Integrierte Handlungskonzept und die drei „B“: Baden in Dahmensee, den Borner Modulhauspark und die Burg.

In diesem Jahr werden in Brüggen zahlreiche Entscheidungen getroffen. Fällt jetzt auch endlich die von vielen erwartete Grundsatz-Entscheidung in der Bäderfrage?

Frank Gellen Beide Gemeinderäte haben die Entscheidung für die weitere Planung für ein interkommunales Bad getroffen.  Nun geht es darum, eine beschlussfähige Planung zu erarbeiten — ungeachtet der Lage mit den drei Bürgerbegehren zum Freibad in Niederkrüchten.  Geplant ist jetzt ein Gespräch mit NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach, um die Möglichkeiten einer Förderung auszuloten.  Möglich wäre dabei ein Förderprogramm etwa zur Mobilisierung von Brachflächen. Ein Projekt wie das interkommunale Bad von Brüggen und Niederkrüchten hat es in dieser Form in Nordrhein-Westfalen noch nicht gegeben.   Dabei gibt es sicherlich viele offene Fragen. Vielleicht muss man aber auch anders denken und offen für neue Wege sein, eben weil es ein solches Projekt noch nicht gab. Die Bäderkommission muss jetzt tagen, die Räte müssen die nächsten Planungsschritte machen. Dabei geht es etwa um Fragen, welche Gutachten notwendig sind. Diese Planung wird aber sicher noch anderthalb bis zwei Jahre dauern. 

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Auch Familie Bultmann, die das Areal für das gemeinsame Bad zur Verfügung stellen will, hat dort Pläne ...

Gellen Ja, sie plant flankierende Angebote zum Bad, etwa im Bereich Gastronomie und Freizeit. Je attraktiver dieser Bereich durch eine Kooperation von öffentlichen und privaten Projekten wird, desto besser.

Zu den innovativsten Projekten zählt der Plan für einen Modulhauspark in Born. Bisher kennt die Öffentlichkeit dazu keinen Entwurf. Wie ist der Stand des Vorhabens?

Gellen Wir haben dazu bereits zahlreiche Gespräche mit Unternehmen aus den Bereichen Bau und Energie, auch mit Generalunternehmern, geführt, die es als Musterprojekt entwickeln könnten. Diese Gespräche sind sehr wohlwollend verlaufen und es gab viele gute innovative Ideen.

Wird es bei der ausgewählten Fläche nahe des Borner Sees bleiben? Dagegen hatten ja Anwohner protestiert.....

Gellen Nein. Wir werden die zunächst betrachtete Fläche unweit des Borner Sees nicht dafür nutzen können. Sie ist mit 6000 Quadratmetern zwar groß und würde Platz für 24 bis 25 Modulhäuser bieten. Aber sie reicht nicht aus, um die anfallenden Kosten zu kompensieren und gleichzeitig das Ziel von bezahlbarem Wohnraum zu erreichen. Für diese Fläche wären die Kosten für Kanal und Erschließung zu hoch. Diese müssten dann auf die Häuser umgelegt werden.  Deshalb werden wir für dieses Projekt eine andere Fläche suchen, durchaus auch in Born. Wir brauchen dabei aber nicht nur ein größeres Areal, sondern auch eines, bei dem die Ausgangsbedingungen für die Erschließung günstiger sind.

 Gegen einen Modulhauspark protestierten vergangenes Jahr Anwohner.
Gegen einen Modulhauspark protestierten vergangenes Jahr Anwohner. Foto: Daniela Buschkamp

 Das Integrierte Handlungskonzept für den Brüggener Ortskern umfasst mehr als 30 Vorhaben. Doch angesichts des frühen Planungsstadiums für die meisten ist es sehr abstrakt. Welche Chancen sehen Sie dadurch für Brüggen?

Gellen Wenn die Förderung genehmigt ist, wird es ein positiver Schub wie selten für Brüggen, vergleichbar mit den Plänen für die Fußgängerzone aus den 1970er-Jahren. Mit der Förderung können viele Dinge angegangen werden, die wichtig sind.  Vieles müssten wir perspektivisch sowieso angehen. Mit dem Handlungskonzept haben wir die Chance, diese Vorhaben nicht allein finanzieren zu müssen, sondern dafür eine bis zu 60-prozentige Förderung nutzen zu können. Über  jede einzelne Maßnahme hat aber die Politik zu entscheiden. Der Vorteil: Dafür haben wir acht Jahre Zeit.

Was gehört zum Handlungskonzept?

Gellen Etwa das Rathaus. Das platzt aus allen Nähten und ist nicht barrierefrei. Wir haben uns jetzt mit der katholischen Kirchengemeinde über den Verkauf einer bebauten Fläche rechts am Nikolausplatz geeinigt; diese  könnten wir zukünftig nutzen und hätten dann mehr Platz. Ein weiteres Beispiel ist der Nikolausplatz selbst. Nachdem dort Bäume aus Sicherheitsgründen gefällt werden mussten, ist klar, dass der Platz nicht mehr attraktiv ist. Beides – Rathaus-Erweiterung und Platzumgestaltung – könnte man perspektivisch miteinander verbinden. Und beides ist mit einer Förderung für die Gemeinde günstiger also ohne. Ein zukunftsweisendes Konzept muss dabei die auch die Veränderungen in der Arbeitswelt – wie etwa die Home-Office-Frage – clever aufgreifen.  

 Das Rathaus in Brüggen ist zu klein geworden.
Das Rathaus in Brüggen ist zu klein geworden. Foto: Daniela Buschkamp

Zum integrierten Handlungskonzept zählt auch die Burg. Was können Sie sich für Brüggens Wahrzeichen vorstellen?

Gellen In der Burg stehen große Investitionen an, etwa beim Brandschutz und bei der Heizung. Damit die Gemeinde dies übernimmt, müsste die Burg in ihr Eigentum übergehen. Wir befinden uns zurzeit in Gesprächen mit den Eigentümerinnen, die aber noch nicht abgeschlossen sind. Der Pachtvertrag läuft im Jahr 2024 aus. Das Ziel sollte es ein, die Burg zu erneuern und sie weiterhin für die Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Für Hochzeiten wird die Burg gut angenommen. Mit der Politik ist ein attraktives Nutzungskonzept zu erarbeiten. Dabei ist die Frage, welche Ausrichtung man sich wünscht.

 Auch Brüggens Wahrzeichen steht im Handlungskozept..
Auch Brüggens Wahrzeichen steht im Handlungskozept.. Foto: Daniela Buschkamp

Kaum ein Thema hat so viele Menschen bewegt wie die beschlossene Fällung des Silberahorns. Glauben Sie, dass das Thema die Brüggener dauerhaft spalten  und für Politikverdrossenheit sorgen wird? Wie gehen Sie als Bürgermeister damit um?

Gellen Ich bin froh, dass die Diskussion ruhig geworden ist. Ich danke allen Vertretern des demokratisch gewählten Rates, ich danke aber auch allen, die für den Erhalt des Baumes waren, aber letztlich die demokratisch getroffene Mehrheitsentscheidung akzeptiert haben. Schade, dass einige wenige in sozialen Medien mit Beleidigungen, Drohungen und Vandalismus Grenzen überschritten haben. Trotz der bereits getroffenen Entscheidung für die Fällung haben wir uns im Rat nochmal mit den 1300 gesammelten Unterschriften für den Erhalt des Baumes beschäftigt. Damit wollte der Rat auch ein Zeichen setzen, dass der Bürgerwille wertgeschätzt wird. Allerdings muss man auch eine getroffene Entscheidung akzeptieren. Natürlich ist es schade, einen gesunden Baum zu entfernen. Wir werden den Silberahorn aber nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion fällen, sondern warten damit, bis der Rat bei Genehmigung der Förderung die Entscheidung zur Neugestaltung des Kreuzherrenplatzes fällt.

 Viele Menschen im Westkreis Viersen wünschen sich eine Möglichkeit, legal in einem See schwimmen zu können. Eine Möglichkeit wäre der Dahmensee. Gibt es dazu konkrete Überlegungen und einen Zeitplan?

Gellen Das ist ein spannendes Thema. Es gibt Überlegungen, einen kleinen Bereich zu einem Strandbad auszubauen. Dazu haben wir Gespräche mit der unteren Naturschutzbehörde des Kreises Viersen geführt und positive Signale erhalten. Allerdings brauchen wir dafür, auch aus Sicherheitsgründen, einen Betreiber und die notwendige Infrastruktur, etwa Parkplätze und Toilettenanlagen. Ein möglicher Partner könnte die DLRG sein. Die Umsetzung eines solches Projekts benötigt aber Zeit, dabei ist vieles zu bedenken. Die aus rechtlichen Gründen notwendigen Planungsschritte würden noch mindestens zwei Jahre dauern. Eine Umsetzung noch wahrscheinlich länger.

 Laut Etatentwurf 2022 ist die Ausgleichsrücklage verbraucht.  Das macht vielen Brüggenern Sorge. Was entgegnen Sie darauf?

Gellen Brüggens Haushalt 2022 ist nicht desaströs, auch wenn die Ausgleichsrücklage verbraucht ist. Wir haben es geschafft, einen ausgeglichenen Haushalt zu planen, sind noch von einer Haushaltssicherung entfernt. Auch wenn es zukünftig schwierig wird. Die Gewerbesteuererträge sind aktuell besser ausgefallen als im Haushaltsansatz, dadurch erhalten wir im nächsten Jahr niedrigere Schlüsselzuweisungen des Landes. Auch in den Folgejahren werden die Schlüsselzuweisungen wieder niedriger ausfallen. Es gibt eine Steigerung der  Kosten, etwa für Personal, auch wegen des neuen Tarifabschlusses. Gleichzeitig brauchen wir mehr Personal, denn es gibt, etwa im Sachgebiet Planung, Bauen, Technik, eine Fülle von Aufgaben. Zudem sind die Aufwendungen für die Kreisumlage Jugendamtsumlage stark gestiegen.

Wäre ein eigenes Jugendamt der  drei Westkommunen ein Alternative?

Gellen Zurzeit ist das rechtlich nicht möglich. Eine der drei Gemeinden müsste mindestens 20.000 Einwohner haben. Nur Schwalmtal ist kurz davor. Zudem ist dies ein schwieriger, sensibler Bereich: Beim Schutz von Kindern muss schnell und kompetent reagiert werden. Das Kreisjugendamt leistet hier sehr gute Arbeit.

Was werden die Kernfragen bei künftigen Ausgaben sein?

Gellen Auch wenn 2022 noch ein ausgeglichener Haushaltsplan möglich war, müssen wir uns doch fragen: Was gehen wir ab jetzt an? Was können wir uns leisten? Jede Investition bietet auch einen Gegenwert. Längerfristige Investitionen sind über Kredite möglich, die Investitionen werden  dann über Jahre abgeschrieben. Beim Integrierten Handlungskonzept haben wir etwa die Möglichkeit, eine Förderung von bis zu 60 Prozent zu erhalten. Oder aber wir warten ab und müssen dann gegebenenfalls später alles allein finanzieren. Es geht nicht um eine unverantwortliche Verschuldung, sondern um ein Abwägen und Investieren mit Augenmaß. Dafür wird es eine politische Willensbildung geben.

 Die Corona-Pandemie prägte und prägt  den Alltag. Was wünschen Sie sich, insbesondere unter diesem Vorzeichen,  für 2022?

 Gellen Zu Beginn der Pandemie vor zwei Jahren war die Solidarität groß, haben die Stärkeren den Schwächeren geholfen, gab es die Hoffnung, gemeinsam gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Doch inzwischen fehlt diese Solidarität, es droht eine Spaltung der Gesellschaft. Ich bedaure alle Menschen zutiefst, die jetzt allein in Krankenhäusern oder Seniorenheimen von der Pandemie betroffen sind. Wir haben viel durch Corona verloren, die Pandemie hat die  Menschen einsam gemacht. Bleibt zu hoffen, dass wir wieder zurück zu einer solidarischen Gemeinschaft finden.