Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Ausbildungs-Aktion "Check in Berufswelt"

Kreis Viersen : „Heute bewerben wir uns um junge Leute“

Bei einem Festakt zum zehnjährigen Bestehen von „Check in Berufswelt“ ging es um alte Tugenden, neue Trends und dramatischen Wandel in der Welt der Ausbildung. NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) würdigte die Aktion.

Den nun wirklich dramatisch zu nennenden Wandel der Zeiten machte ein Satz von Birgit Roos, Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Krefeld, deutlich: „Früher haben sich junge Leute bei uns beworben; heute bewerben wir uns bei jungen Leuten, um sie für uns zu gewinnen.“ Roos sagte diesen Satz bei einem Festakt zum zehnjährigen Bestehen von „Check in Berufswelt“. Das Ziel der Aktion, junge Leute und Wirtschaft  zueinander zu bringen, ist aktuell wie eh und je, die Rahmenbedingungen aber haben sich komplett gedreht: Früher waren Ausbildungsplätze knapp, heute sind junge Leute das rare Gut. Die Wertschätzung für „Check in“ drückte sich auch darin aus, dass NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) ein Grußwort sprach.

Die Ministerin dankte für das große Engagement, würdigte „Check in Berufswelt“ als Beitrag zur Berufsorientierung junger Menschen und kündigte politisch eine Initiative zur Stärkung der beruflichen Bildung an. Es gelte, den Wert der beruflichen Bildung als Alternative zum Studium in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken. Das duale Berufsbildungssystem sei „ein Grundpfeiler für die Stärke unseres Wirtschaftssystems“.

Die rund 200 Gäste aus Politik und Wirtschaft aus dem Kreis Viersen, Krefeld und dem Rhein-Kreis Neuss werden es gern gehört haben, denn immer noch gilt das Studium bei vielen jungen Leuten als Königsweg in eine erfolgreiche berufliche Zukunft – ein Trend, der den Fachkräftemangel in den Betrieben verschärft. Der „Check in“-Tag, bei dem Jugendliche einen Tag lang in Unternehmen reinschnuppern können, würdigte Hans-Jürgen Petrauschke, Landrat des Rhein-Kreis Neuss, dann auch als Chance, Irrwege zu vermeiden. „Wer mitmacht, erspart sich möglicherweise Jahre einer falschen Ausbildung“, sagte er bei einer Podiumsrunde und meinte damit falsche Entscheidungen sowohl für Ausbildungen wie für ein Studium. Petrauschke benannte auch etwas, das sich bei allem Wandel nicht geändert habe:  Um eine Ausbildung erfolgreich durchzustehen, müssten junge Leute „zuverlässig, freundlich und strebsam sein sowie den Willen zum Durchhalten haben“.

Viersens Landrat Andreas Coenen wies, auch mit Blick auf die Anwesenheit der Ministerin, auf strukturelle Nachteile des ländlichen Raums  bei der Gewinnung  von Auszubildenden hin. Die Wege zu den Betrieben seien einfach länger als in der Stadt –  ein nicht zu unterschätzendes Problem für junge Leute. Coenen warb daher dafür, den Öffentlichen Nahverkehr zu stärken;  es sei „wichtig, dass der ländliche Raum da gut aufgestellt ist“.

Nicht nur Schüler auf dem Sprung in die Ausbildung, auch Studienaussteiger, die für sich feststellen mussten, dass ein Studium nichts für sie ist, sind eine interessante Gruppe für die Unternehmen. Darauf wies  Birgit Roos hin. In seinem Rückblick auf zehn Jahre „Check in Berufswelt“ konnte IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz mit eindrucksvollen Zahlen aufwarten. Erfunden wurde die Aktion in Krefeld,  angetrieben von Steinmetz’ Vorgänger Dieter Porschen, einem der Ehrengäste des Festaktes. Im ersten Jahr 2009 firmierte die Aktion noch  als „Tag der offenen Unternehmen“,  bevor dann ab 2010 das Konzept nachgeschärft und in „Check in Berufswelt“ umbenannt wurde.

Heute wird „Check in“ von einem Netzwerk von 17 Initiatoren getragen, seit 2009 haben rund 35.000 Schüler den Tag  für einen Besuch in Unternehmen der Region genutzt. „Ein volles Grotenburg-Stadion“, sagte Steinmetz schmunzelnd. Am Konzept wurde ständig gearbeitet: So gibt es heute junge Leute als „Botschafter“ für „Check in“, in der Zukunft wollen die Organisatoren auch in Sportvereinen für diesen Tag werben. Die Wirtschaft braucht ihn: Bis 2030, sagte Steinmetz, fehlten den Betrieben im Kammerbezirk  53.000 Fachkräfte – „eine besorgniserregende Zahl“.

Das Hauptziel, Einblicke in die Berufswelt zu geben, bleibt zentral. Die Vielfalt an Berufen sei kaum noch zu überblicken, betonte Steinmetz; es gebe 327 Ausbildungsberufe;  rund 200 davon würden im IHK-Kammerbezirk angeboten; 75 Prozent der Auszubildenden konzentrierten sich auf die „Top Ten“, also die zehn beliebtesten Berufe; dabei gebe es eine Fülle von Berufsbildern, die „nicht im Fokus stehen“, sagte Steinmetz.

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