Schwalmtal: Evangelische Kirche feiert 350-Jähriges

Schwalmtal : Evangelische Kirche feiert 350-Jähriges

Am 9. September 1667 kaufte die reformierte Gemeinde ein Grundstück zwischen Lange Straße und Festungswall, um ein Predigthaus zu bauen. Pfarrer Arne Thummes hat die spannende Geschichte der Kirche erforscht.

Die kleine evangelische Kirche an der Lange Straße in Waldniel ist etwas Besonderes. Sie ist die älteste Hauskirche im Jülicher Land und wurde zu einer Zeit gebaut, in der es die reformierten Gemeinden im Herzogtum Jülich sehr schwer hatten. Davon und von den Ereignissen in den folgenden Jahrhunderten berichtet Pfarrer Arne Thummes in seinem Buch, das pünktlich zum 350-jährigen Bestehen der Kirche erschienen ist.

Pastorat und Schulhaus um 1890. An der Fassade steht die Jahreszahl der Errichtung (1728) und "RPZW" - reformiertes Predigthaus zu Waldniel. Foto: Gemeinde

Der Waldnieler Pfarrer, der seit Jahren die Geschichte der evangelischen Gemeinde erforscht, wollte mit dem Buch keine "Geschichte von Steinen" vorlegen, wie er in der Einleitung schreibt, sondern die Geschichten und Schicksale der Menschen beleuchten - als "aktive Auseinandersetzung mit der lebendigen Geschichte gelebten Glaubens". Das ist ihm gelungen. Wer sich mit Thummes auf die Reise in die Vergangenheit begibt, erfährt viel Wissenswertes über die Menschen im alten Waldniel und über eine Zeit, in der sich die reformierte Gemeinde mit der Sponsorensuche für den Kirchenbau, mit konfessionellen Streitigkeiten und betrunkenen Predigern auseinandersetzen musste.

1547 wird die reformierte Gemeinde in Waldniel erstmals urkundlich erwähnt. Sie gehört damit zu den ersten reformierten Gemeinden am Niederrhein. Für 1611 ist ein Predigthaus nachweisbar. Es gehört nicht der Gemeinde, sondern ist gemietet. 1623 werden reformierte Gottesdienste im gesamten Amt Brüggen, wozu auch Waldniel gehört, verboten. Die Gläubigen müssen sich heimlich treffen, Privatleute und Adelige stellen für Gottesdienste ihre Häuser zur Verfügung. In Waldniel finden diese Zusammenkünfte zum Beispiel auf Haus Clee oder auf dem Brockhof (lag zwischen Kaiserpark und Gangesallee) statt. 1655 kommen erste Überlegungen auf, ein Predigthaus zu bauen. Doch dafür muss Geld her. Engagierte Mitglieder der Gemeinde reisen in den Jahren 1664 und 1665 den Niederrhein entlang und in die Niederlande, um Spenden "wegen eines hochnothwendigen predig und Gottes hauß" zu sammeln. Das Projekt gelingt: Am 9. September 1667 wird auf Haus Clee der Kaufvertrag für ein Grundstück zwischen Lange Straße und Festungswall unterschrieben. Verkäufer sind Wilhelm Wolters und seine Ehefrau Amerl.

Sein heutiges Aussehen (hier beim "Tag der Kunst" 2013) erhielt der Innenraum in den 60er- bis 70er-Jahren. Foto: Busch Franz-Heinrich sen.

Mit dem Bau scheint die reformierte Gemeinde vor der Unterzeichnung des Kaufvertrags begonnen zu haben. Denn den Aufzeichnungen zufolge ist man schon im November so weit, die Dachpfannen aufzulegen. Die Mauern sind dick, die Fenster klein und hoch, damit kein Eindringling hineinklettern kann. Die Tür ist massiv, sie hat schwere Schlösser - die Reformierten haben aus den Anfeindungen und Angriffen der Anfangsjahre ihre Lehren gezogen. Als "dunkel und unsymmetrisch" wird der Kirchenraum beschrieben. Auch der Prediger, der anfangs im hinteren Teil der Kirche wohnt, lebt beengt: Etwa 30 Quadratmeter stehen ihm und seiner Familie zur Verfügung. Mit den Predigern haben die Reformierten mitunter viel Ärger. Hermann Krauthoff geht mit 70 Jahren in den Ruhestand, was schon ungewöhnlich ist, weil man zu der Zeit eigentlich bis zum Tod im Amt bleibt. Mehrfach fällt er wegen Trunkenheit auf - für die reformierte Gemeinde eine schlimme Sache. Doch Krauthoff ist nichts gegen seinen Nachfolger Conrad Schipper: Der schwängert seine Magd, die fast noch ein Kind ist, heiratet sie aber. Die Gemeinde bemüht sich um ein Amtsenthebungsverfahren, was nicht leicht ist, und Schipper fällt immer wieder unangenehm auf: Er schlägt den Schulmeister, überfällt den Diakon mit einem Gewehr, so dass dieser stirbt, und flüchtet ins Kloster - aber nicht, ohne den Abendmahlskelch zu stehlen, der sich heute allerdings wieder im Besitz der Gemeinde befindet.

In der Anfangszeit werden in der Kirche auch Tote bestattet. Ein Grabgewölbe gibt es nicht - für die Beisetzungen wird man einfach die Steinplatten des Fußbodens entfernt, die Toten in der Erde beigesetzt und die Steine wieder aufgelegt haben. 1680 wird Freiherr Johann Engelbert von Bocholtz, Herr zu Waldniel, in der Kirche beerdigt. 1684 beschließt die Gemeinde, dass sich jeder für vier Reichstaler in der Kirche bestatten lassen kann - egal ob adelig oder nicht. Zwischen 1772 und 1796 sind im Sammelkirchbuch zwölf Bestattungen verzeichnet, Erwachsene ebenso wie Kinder. Wie viele Menschen in den übrigen Jahren dort beigesetzt wurden, ist nicht klar, das Kirchbuch hat Lücken. Doch wenn man davon ausgeht, dass die Zahl der Beisetzungen für diese Jahre vergleichbar hoch ist, müssen die Verstorbenen unter dem Kirchenboden eng beieinander liegen, nimmt Thummes an. Ideal für Bestattungen ist der tonhaltige Boden nicht. Noch in den 1960er-Jahren wird bei einer Renovierung ein Schädel gefunden.

Im Laufe der Zeit wird die Kirche immer wieder umgebaut und erweitert. 1707 bekommt das Predigthaus ein Glockentürmchen, die alte Glocke von damals ist erhalten. Der Gebäudekomplex wird um eine Schule und ein Wohnhaus für den Prediger erweitert. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist deutlich mehr Platz notwendig, als die Gemeinde durch viele Flüchtlinge aus dem Osten wächst. All die Umbauten, Erweiterungen und Renovierungen beschreibt Thummes in seinem Buch. Alte Zeichnungen, Pläne und Fotos der Kirche und der handelnden Personen zeigen, wie das Gotteshaus nach den Bedürfnissen der Menschen immer wieder verändert wurde.

(RP)
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