Norbert Dahmen: "Es fällt mir schwer, zu gehen"

Norbert Dahmen: "Es fällt mir schwer, zu gehen"

Der Dortmunder Stadtrat hat Viersens Kämmerer gestern zum neuen Rechtsdezernenten gewählt. In der Großstadt möchte sich der 51-Jährige beruflich weiterentwickeln, am liebsten schon ab dem 1. August

Wann haben Sie sich dazu entschieden, Viersen zu verlassen - und warum?

Dahmen Ich bin jetzt 51 Jahre alt, meine beiden Söhne sind volljährig: Die Zeit für eine weitere berufliche Weichenstellung ist ideal. Kurz vor den Osterferien habe ich durch Zufall die Stellenanzeige der Stadt Dortmund gelesen. Gesucht wurde ein Rechtsdezernent, ich bin Volljurist. Feuerwehr und Rettungswesen, Ordnungswesen und Bürgerdienste fallen in meinen neuen Aufgabenbereich, das decke ich ja auch schon in Viersen ab - das passt also. Für Finanzen bin ich dann nicht mehr zuständig, das ist schade. Ich denke, dass ich mich in der Großstadt Dortmund beruflich weiterentwickeln kann. Früher habe ich ja schon in der Kölner Stadtverwaltung gearbeitet, ich weiß also, wie die Abläufe in einer großen Stadt sind.

Haben Sie die Großstadt vermisst?

Dahmen Das nicht, ich mag auch Städte in der Größe Viersens. Aber das ist jetzt eine Chance, die man nur einmal im Leben bekommt.

Wie hat Bürgermeisterin Sabine Anemüller reagiert, als Sie ihr mitgeteilt haben, dass Sie gehen wollen?

Dahmen Am 24. April hat man mir aus Dortmund mitgeteilt, dass mich die CDU im Stadtrat für die Aufgabe des Rechts- und Ordnungsdezernenten vorgeschlagen hat, am gleichen Abend habe ich sie informiert. Sie war natürlich überrascht, hat aber nicht versucht, mich umzustimmen. Sie kennt mich und weiß, dass ich nicht zu Schnellschüssen neige, meine Entscheidungen ruhig und besonnen treffe. Wir haben drei Jahre gut zusammengearbeitet. Wegzugehen, ist keine Entscheidung gegen Viersen - sondern eine für Dortmund.

Was hat Dortmund, was Viersen nicht hat?

Dahmen Den BVB (lacht). Dortmund ist eine sehr aktive Großstadt, die wirtschaftlich so gesund ist, dass sie nicht in der Haushaltssicherung ist. Das ist eine der Städte in NRW, die den Strukturwandel geschafft hat und einen stetigen Bevölkerungszuwachs verzeichnet.

Sie sind Fan des 1. FC Köln, jetzt werden Sie also auch Fan von Borussia Dortmund?

Dahmen Ja.

Dortmund ist keine Kreisstadt. Wie froh sind Sie darüber, dass Sie künftig keine Kreisumlage mehr zahlen müssen?

Dahmen Es gibt vieles, das die Stadt und den Kreis Viersen verbindet. Die Kreisumlage war für mich immer eher ein trennender Faktor. Ich halte die Aufgabenbündelung an einer Stelle in der Stadt, so wie es etwa in Dortmund ist, für vorteilhafter. Es ist sinnvoller, wenn man sämtliche Service-Dienstleistungen für den Bürger direkt im Rathaus erledigen kann. Wir sind eben als Rathaus näher dran am Bürger.

Beim Amtseintritt in Viersen 2014 haben Sie dem Stadtrat gesagt, Sie wollen in Viersen heimisch werden, den Haushalt konsolidieren, dabei eine Vision für die Stadt entwickeln. Aus Ihrer Sicht: Wie erfolgreich waren Sie?

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Dahmen Wir sind in kleinen Schritten weit gekommen. Die Stadt kommt drei Jahre früher als geplant aus der Haushaltssicherung, die Tür dazu war 2017 einen Spalt geöffnet, Politik und Verwaltung haben sie dann rechtzeitig aufgestoßen, bevor sie sich wieder schließen konnte. Der Zeitpunkt, die Haushaltssicherung zu verlassen, war noch nie so günstig wie 2018. Ich bin dafür kritisiert worden, dass ich den Haushaltsentwurf nicht im Juli, sondern erst im September eingebracht habe. Hätten wir ihn so früh eingebracht, wie es die reine Lehre vorsieht, hätten uns aber viele verlässliche Daten noch nicht vorgelegen. Wir haben auch viele Bauprojekte angeschoben, vor allem im Bereich der Schulsanierung. Wir haben deutlich mehr Baubeschlüsse als in den vergangenen Jahren, haben das Personal um fünf Stellen aufgestockt. Wir sind in einem laufenden Prozess, von daher tut es mir fast leid, dass ich ihn jetzt nicht weiter begleite. Die zweite Fortschreibung des Brandschutzbedarfsplans ist auf den Weg gebracht, als Ordnungsamt sind wir deutlich präsenter auf den Straßen. Wir haben es geschafft, dass die Stadt lebendiger geworden ist. Wir haben Chancen genutzt, und zwar, ohne die Stadt kaputtzusparen.

Mussten Sie auch Niederlagen hinnehmen?

Dahmen Das sehe ich nicht so, es geht ja um Prozesse, und ich habe viele angestoßen. Mit den Schulsanierungen hätte ich gerne früher begonnen, mich gerne auch stärker um das Thema Bürger-Haushalt gekümmert, die Bürger an der Entstehung mitwirken lassen. Aber dafür fehlte die Zeit.

Wann haben Sie in Viersen Ihren letzten Arbeitstag?

Dahmen Das werde ich noch mit dem Dortmunder Oberbürgermeister und Sabine Anemüller abstimmen. Ich persönlich strebe einen Wechsel zum 1. August an. Dann wäre ich schon in Dortmund, wenn dort die Eckdaten für den nächsten Haushaltsentwurf festgelegt werden.

Wer übernimmt in Viersen Ihre Aufgaben, bis Ihre Stelle des Beigeordneten und Stadtkämmerers neu besetzt ist?

Dahmen Mein erster Vertreter ist der Erste Beigeordnete Paul Schrömbges.

Auch die Technische Beigeordnete Beatrice Kamper hat angekündigt, die Stadtverwaltung zu verlassen. Zwei Dezernenten äußern recht zeitnah Wechselabsichten - da könnte doch der Eindruck entstehen, in der Stadtverwaltung läuft es nicht rund.

Dahmen Nein, es hat sich jetzt einfach eine berufliche Chance ergeben, die ich nutzen möchte. Klar, meine Aufgaben in der Haushaltssicherung zu erfüllen, war anstrengend. Aber die Arbeit, die Stadt, die Menschen haben mir immer Spaß gemacht.

Was schätzen Sie an Viersen?

Dahmen Zum Beispiel die kurzen Entscheidungswege. Hier werden Themen umgesetzt, die in manch anderen Städten viel länger ausdiskutiert werden. Viersen hat einen ganz besonderen Reiz, ich hoffe nur, dass die Pläne für die S 28 bald verwirklicht werden, damit die Stadt für Auswärtige besser erreichbar ist. Ich habe hier so viele schöne Ecken kennengelernt, das ist eine ganz spannende Region. Auch deshalb fällt es mir schwer, zu gehen.

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(RP)
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