Niederkrüchten: Erinnerung an die Toten vom Lüsekamp

Niederkrüchten: Erinnerung an die Toten vom Lüsekamp

Im Dezember 1944 wurden 3000 Roermonder zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht. 14 Jungen und Männer wurden im Lüsekamp erschossen. Ihren Weg gehen Deutsche und Niederländer am Freitag gemeinsam nach

Die Jüngsten sind 16 Jahre alt. Wie die anderen Männer tragen sie Spaten, Schaufel und Hacke bei sich. Durch die eisige Kälte ziehen sie an diesem 26. Dezember 1944 von Roermond los. Es ist viertel nach fünf am Nachmittag, der Schnee dämpft jeden Schritt. Unterwegs wird es dunkel. Als die Männer im Lüsekamp ankommen, kurz hinter der Grenze, setzen sie die Spaten an. Fünf mal sechs Meter groß soll das Loch werden, das sie hier ausheben müssen. Im Schein von Taschenlampen arbeiten sie in der Kälte. Als es groß genug ist, bekommt jeder noch eine Zigarette, kann ein "Vater unser" beten.

Dann werden die ersten drei Männer an den Rand des Lochs geführt und erschossen. Die nächsten drei folgen. Und die nächsten. Und die nächsten. Ein Arzt prüft, ob sie alle wirklich tot sind. Dann schaufeln deutsche Fallschirmjäger das Grab zu.

Zum 20. Mal lädt das "Comité Voettocht 30. Dezember" jetzt Deutsche und Niederländer dazu ein, den Weg der Jungen und Männer gemeinsam zu gehen. Sie erinnern an die Niederländer Matthias Sevenich und Jan Tobben, die im Alter von 16 Jahren im Lüsekamp starben, an Thijs Oljans (18), Lodewijk Claessens (19), Wichard Oljans (21), Hubertus Selder (31), Johannes Hanno (32), Frans Denis (37), Lambertus Janssens (38), Louis Uphus (40), Willem Jongen (44) und Willem Winters (48), an den Deutschen Josef Fuchs (45) und an Franz, einen polnischen Partisanen, von dem man nur den Vornamen weiß. Sie erinnern auch an rund 3000 Roermonder zwischen 16 und 60 Jahren, die am 30. Dezember zur Zwangsarbeit nach Deutschland getrieben wurden.

Mit der Exekution der Jungen und Männer hatte die deutsche Wehrmacht ein Exempel statuiert. In einem Beitrag für das Heimatbuch des Kreises Viersen 2007 erläutert Klaus Marcus die Zusammenhänge: Am 15. Dezember 1944 hatte der Ortskommandant in Roermond die männliche Bevölkerung dazu aufgerufen, sich bis zum 18. Dezember zur Ausweiskontrolle zu melden. Viele Männer fürchteten offenbar, dass man sie zum Arbeitseinsatz nach Deutschland bringen wollte. Daher meldeten sich nur wenige. Es kam zu Razzien und Verhaftungen. Unter den Bodendielen in der Wohnung einer Mädchenschule hielten sich Jungen und Männer verborgen. Die Einstiegsluke lag, so erinnert Marcus, unter einem Kleiderschrank. So waren sie praktisch unauffindbar - doch ihr Versteck wurde verraten.

Der Deutsche Josef Fuchs hatte eine Niederländerin geheiratet und lebte mit ihr in Roermond. Als er im September 1944 zur Wehrmacht eingezogen werden sollte, versteckte er sich. Doch auch er wurde aufgespürt.

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Die Bekanntmachung der Urteile versah der Ortskommandant von Roermond am 28. Dezember mit dem Aufruf an die männlichen Einwohner, sich zu melden. Und mit einer Drohung: Wer der Meldepflicht nicht nachkomme und nach dem 30. Dezember ohne gültigen Ausweis in der Stadt angetroffen werde, werde sofort erschossen.

Daraufhin meldeten sich rund 3000 Roermonder zwischen 16 und 60 Jahren. Sie wurden noch am 30. Dezember auf einem Gewaltmarsch nach Dülken getrieben, wo sie in eisiger Kälte die Nacht unter freiem Himmel verbrachten. Am nächsten Tag wurde sie mit der Bahn zur Zwangsarbeit nach Wuppertal gekarrt.

Im Jahr 1947 fanden die Toten auf einem Friedhof in Roermond ihre letzte Ruhestätte, 1996 wurde an der Hinrichtungsstätte im Lüsekamp ein Gedenkstein aufgestellt. Seit 1997 gehen Bewohner des Grenzgebiets im Dezember dorthin.

Klaus Marcus mahnt: "Nur wenn wir Ereignisse wie im Lüsekamp 1944 nicht der Vergessenheit anheim fallen lassen, wenn wir uns vielmehr um Versöhnung bemühen, - nur dann werden wir in Zukunft in unserem gemeinsamen europäischen Haus in Frieden und Eintracht miteinander leben können."

(RP)
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