Niederkrüchten: Ein Stein für jeden Toten

Niederkrüchten: Ein Stein für jeden Toten

Am Lüsekamp gibt es einen großen Gedenkstein — und viele kleine. Der große erinnert an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte. Die kleinen halten das Gedenken lebendig. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr

Am Gedenkstein im Lüsekamp, der an die Ermordung von 14 Menschen durch ein deutsches Erschießungskommando am 26./27. Dezember 1944 erinnert, ist ein Gedicht zu lesen. "Steine" heißt es. Es steckt wetterfest hinter der Scheibe eines unscheinbaren Metallkästchens und geht so (Auszug):

Hans Pongs zeigt den ersten Stein, der am Mahnmal abgelegt wurde. Foto: Busch Franz-Heinrich sen.

Der Stein in meiner Hand

kalt wenn ich ihn nehme

erwärmt sich

wenn meine Hand ihn umschließt

speichert meine Körperwärme.

Wenn wir einige Steine

aus unseren Händen

am Gedenkstein niederlegen

  • Mönchengladbach : Das Gedenken lebendig halten

lassen wir ein wenig Wärme

von uns hier.

Heinrich Heithausen hat dieses Gedicht geschrieben und vor einigen Jahren bei der alljährlich am 30. Dezember stattfindenden Gedenkfeier im Lüsekamp vorgetragen. Hans Pongs und seine Lebensgefährtin Truus van den Broek-Janssen hat es so bewegt, dass sie für das Gedicht einen dauerhaften Platz in dem besagten Metallkästchen am Gedenkstein schufen. Einen eigenen Stein platzierten sie gleich daneben.

Offenbar sind die beiden nicht die einzigen, die von den Versen berührt wurden. Denn seither wächst die Zahl der Steine, die vorbeikommende Wanderer dort ablegen, von Jahr zu Jahr. Die Wärme derer, die sie in Händen hielten, hält die Erinnerung lebendig. Das ist Hans Pongs sehr wichtig: "Ich empfinde als Deutscher keine Schuld, wenn ich hier stehe. Aber ich habe eine Verantwortung für das Gedenken."

Das 1996 auf Initiative des Niederkrüchtener Gemeinderats errichtete Mahnmal erinnert an 13 Niederländer und einen polnischen Partisanen, die am 26. und 27. Dezember 1944 durch ein Exekutionskommando der deutschen Wehrmacht erschossen wurden. Der jüngste war gerade mal 16 Jahre alt. Ihr Vergehen: Sie hatten sich, wie alle Roermonder, aus Angst einer Anordnung widersetzt, nach der sich alle männlichen Einwohner zwischen 16 und 60 Jahren am 18. Dezember 1944 zum Arbeitseinsatz in der deutschen Ortskommandatur in Roermond zu melden hatten. Niemand kam. Dann wurden die 14 Männer bei einer Razzia entdeckt. An ihnen ließ Ortskommandant Major Ulrich Matthaeas ein grausames Exempel statuieren.

Die barbarische Aktion zeigte Wirkung: Am 30. Dezember 1944 meldeten sich fast 3.000 verängstigte Roermonder zum Arbeitseinsatz. Sie wurden von der Heilig-Herz-Kirche aus noch am selben Tag durch Schnee und Eiseskälte auf einen Fußmarsch (Voettocht) nach Dülken getrieben. Die Nacht verbrachten sie stehend und frierend auf der Dülkener Radrennbahn im heutigen Stadtgarten. Von dort wurden sie in die Zwangsarbeit verschleppt. Viele kehrten nie mehr zurück. Jedes Jahr erinnern die Viersener Pax Christi Gruppe und das Roermonder "Comité Voettocht 30 december" an diese Ereignisse aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs.

Hans Pongs und Truus van den Broek-Janssen sind öfter im Lüsekamp. Manchmal kommen sie mit den Menschen, die hier vorbeispazieren oder radeln, ins Gespräch. Einige sind sehr interessiert, andere blocken ab. Einmal haben Eltern ihre dort neugierig stehen gebliebenen Kinder weggezogen. Das sei nichts für sie.

Dass man auch anders mit Geschichte umgehen kann, zeigt eine Begebenheit, an die sich Truus van den Broek-Janssen gern erinnert: Ein älteres Ehepaar setzte sich in der Nähe des Gedenksteins auf eine Bank, vier Enkel tollten um sie herum. Jeder hatte einen Stein in der Hand. Darauf schrieben sie ihre Namen: Tijn 13 Jahre, Siep 12 Jahre, Jent 10 Jahre und Rijk 6 Jahre. Sie legten ihre Steine auf die vielen anderen Steine und blieben dort stehen. Sie wirkten stolz.

Der Regen hat ihre Namen inzwischen ein bisschen verwaschen. Aber ihre Steine sind immer noch da.

(jo-s)
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