Viersen: Ein Jahr mit Viersens Landwirten

Viersen : Ein Jahr mit Viersens Landwirten

Pflanzen, ernten, Bücher führen: In einer neuen Serie begleitet unsere Redaktion Bauern durch ihren Alltag. Im März beginnen sie, ihre Felder zu bewirtschaften

Die leicht runzelige Annabelle hat sich gut entwickelt. Aus der länglichen Knolle sind kräftige dunkelgrüne Triebe gewachsen, und dunkelgrün sei gut, sagt Landwirt Bernd Fitzen. "Dann sind die Triebe stabil." Jetzt im März kann diese vorbildlich keimende Annabelle ihre Reise antreten: Raus aus Landwirt Fitzens Lagerhalle auf seinem Hof in Dülken und ab aufs Feld. Bestenfalls kann Fitzen bald dort, wo sie auf der Erde landet, ein paar gelbfleischige, aromatische Frühkartoffeln der Sorte Annabelle ernten. Jedes Jahr startet der 48-Jährige mit den Frühkartoffeln in die Pflanzsaison. Insgesamt 115 landwirtschaftliche Betriebe in Alt-Viersen, Dülken, Süchteln und Boisheim beginnen jetzt nach und nach mit der Felderwirtschaft.

Auf der Ladefläche stapeln sich die Vorkeimkisten. Foto: knappe

Säen, Pflanzen, Bewässern, Mähen, Ernten - die Bauern haben in den kommenden Monaten viel zu tun. "Das Zeitfenster, in dem nichts passiert, ist mittlerweile klein", sagt Alexander Platen, Landwirt aus Süchteln und Vorstandsmitglied der Kreisbauernschaft Krefeld-Viersen. So würden etwa im November und Dezember die letzten Zuckerrüben gerodet und der Winterweizen bestellt, ergänzt der 35-Jährige.

Die Kartoffeln werden über Becher-Räder nach unten geleitet. Foto: Fischer

"Der Beruf Landwirt ist so vielfältig wie kaum ein anderer. Man ist nicht nur Ackerbauer, sondern muss auch handwerklich geschickt sein und technisches Verständnis haben", sagt Fitzen. Was ihn stört: "Man muss immer mehr Büroarbeit erledigen, immer mehr dokumentieren, um Produktionsstandards zu erfüllen. Das ist ein immenser Verwaltungsaufwand." 2006 übernahm er seinen Betrieb. Der Dülkener steht in fünfter Generation an der Spitze eines Familienunternehmens, zu dem auch Vater Heinz und Sohn Markus gehören. Früher gab es auf dem Hof Kühe und Schweine, Knechte und Mägde - seit 1972 sind die Kühe weg, Knechte und Mägde gibt es längst nicht mehr. Stattdessen hat die Familie einen Mitarbeiter und hält 1000 Mastschweine. Und: "Der Ackerbau ist zunehmend bedeutender geworden", sagt Fitzen. Insgesamt 100 Hektar werden bewirtschaftet, auf rund 60 Hektar davon Kartoffeln gepflanzt. Damit zählt sein Betrieb zu den größeren in Viersen, denn im Durchschnitt bewirtschaftet ein Bauer im Stadtgebiet rund 42 Hektar.

Dunkle Keime verheißen kräftige Kartoffelpflanzen. Foto: Fischer

Insgesamt bauen Viersens Landwirte auf 4800 Hektar vor allem Winterweizen, Kartoffeln, Mais und Rüben an, auch Futtergras spielt eine wichtige Rolle. Darüber hinaus wachsen auf etwa 20 Prozent der Fläche zum Beispiel rote Bete, Lauch und Zwiebeln. Die lehmigen Böden ließen es zu, dass sie vielseitig genutzt werden, erläutert Alexander Platen. "Das ist Fluch und Segen zugleich." Denn die Flächen seien heiß umkämpft, "viele Interessen treffen aufeinander".

Im Abstand von 75 Zentimetern zieht die Pflanzmaschine Furchen, in die sie später die keimenden Kartoffeln fallen lässt. Sie wird computergesteuert und nutzt GPS-Signale. Foto: Knappe

Familie Fitzen hat sich Mitte der 1970er-Jahre entschlossen, Frühkartoffeln anzubauen. "Man muss sich von der Konkurrenz abgrenzen", sagt Fitzen - und der Anbau von Frühkartoffeln sei "etwas spezieller". So wird etwa eine durchlöcherte Folie über die Knollen gespannt, das habe einen Treibhauseffekt und lasse sie schneller gedeihen. Viele Verbraucher würden ihre Frühkartoffeln gerne zum Spargel genießen, sagt er. Das werde für die Kartoffelbauern immer problematischer. Denn der Spargel werde immer zeitiger geerntet, also müssten auch die Frühkartoffeln mittlerweile möglichst zehn bis 14 Tage früher gepflanzt werden, erläutert er. "Am 15. Februar haben wir die ersten Frühkartoffeln gepflanzt, weil das Wetter passte", erzählt Fitzen. Im März war der 48-Jährige dann noch ein paar Mal mit der Pflanzmaschine auf dem Feld unterwegs. Wichtig: Der Boden muss trocken und locker sein, damit die keimenden Pflanzkartoffeln genug Sauerstoff bekommen.

Bereits im Herbst hat Fitzen auf den Ackern Bodenproben entnommen, im Winter wurde gedüngt, danach das feinkrümelige Saatbeet vorbereitet. Die Knollen ließ er sich im Januar von Partnern aus Deutschland und den Niederlanden anliefern. Auf dem Hof werden sie per Hand in die weißen Vorkeimkisten sortiert. So lagern dort nun rund 100 Tonnen runzlelige Annabelles - das ist Fitzens bevorzugte Sorte.

Ein Gabelstapler hebt die Vorkeimkisten auf die Pflanzmaschine, die sie aufs Feld transportiert. Was folgt, ist ein computergesteuerter Ablauf. Die Maschine arbeitet mit GPS-Daten, kennt Werte wie den 75 Zentimeter großen Abstand der Pflanzreihen, zieht sie parallel, lässt die Pflanzkartoffeln im Abstand von 30 bis 40 Zentimetern in die je nach Jahreszeit zehn bis 18 Zentimeter tiefen Furchen fallen. Sie fügt unter den Pflanzen fein dosiert Dünger hinzu und bedeckt sie mit Erde. "Dieser technische Fortschritt ist schön. Früher musste körperlich viel härter gearbeitet werden", sagt Fitzen. Je Hektar verteilen seine Helfer und er zwei bis 2,6 Tonnen Pflanzgut, ernten im Jahr je nach Sorte und Erntezeit zwischen vier und 80 Tonnen. Insgesamt verlassen grob geschätzt rund 3000 Tonnen Kartoffeln pro Jahr den Hof.

"Um den 15. Mai ernten wir die ersten Kartoffeln", erzählt der Landwirt. "Wir müssen das ganze Jahr über Ware anbieten können", ergänzt er. Gepflanzt werden deshalb später auch Lager- und Industriekartoffeln. Haupternte ist ab September bis Mitte Oktober, "unsere Region ist relativ früh dran". Das liege an Faktoren wie dem Wetter und der Bodenbeschaffenheit. Der Großteil seiner Industrieware wird in Waldniel beim Kartoffelhändler Weuthen verladen. Der sei einer der größten Deutschlands, "durch die Frachtnähe ist die Region gestärkt", sagt Fitzen. "Das sind hier mal 50 Cent, die man spart, da ist es mal ein Euro - in der Vermarktung ist das kriegsentscheidend". Die Industriekartoffeln werden zum Beispiel an Pommes-Frites-Fabriken in Belgien und den Niederlanden verfrachtet.

Seine Speisekartoffeln verkauft Fitzen an Bauernläden und Abpackbetriebe. Die Wochenpreise handelt die Erzeugergemeinschaft REKA mit rund 1100 Mitgliedsbetrieben im Rheinland aus. In Anlehnung daran vermarkten die Landwirte ihre Kartoffeln. Da sei Verhandlungsgeschick gefragt, sagt Fitzen. "Im Moment sind die Preise eigentlich gut." Für 100 Kilo Speisekartoffeln kann er mit rund 25 Euro rechnen, für die gleiche Menge Industriekartoffeln mit rund 20 Euro. Dafür werde bei der Industrieware weniger aussortiert. "Speisekartoffeln müssen schön aussehen, der Geschmack ist zweitrangig." Gefragt seien Kartoffeln, die nicht grün oder angerissen sind. 30 Prozent der Ernte wolle der Handel gar nicht haben, "das ist frustrierend". Der Ausschuss werde an Tiere, vor allem Rinder verfüttert. "Wir haben ein Wachstum im Bereich der industriellen Lebensmittel", hat er beobachtet. Die Nachfrage nach frischen Produkten, also auch frischen Kartoffeln, sinke. Familie Fitzen stemmt sich gegen den Trend: "Bei uns kommen fast täglich Kartoffeln auf den Tisch - in allen Variationen."

(RP)