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Eier mit Speck 2018: Ein Feuerwerk aus Musik, Tanz und Sommergefühlen

Eier mit Speck 2018 : Ein Feuerwerk aus Musik, Tanz und Sommergefühlen

Das Festivalprogramm bei „Eier mit Speck“ 2018 war ein Volltreffer: Auch in diesem Jahr

Auf das feine Gespür der Festivalmacher in Sachen Live-Qualität war auch in diesem Jahr wieder Verlass. Wer sich am Freitag in die sengende Nachmittagssonne vor der EmS-Bühne traute, wurde schon früh am Tage mit teils formidablen Auftritten belohnt.

Das fing an mit einer Gänsehaut-Performance der diesjährigen Young-Talents-Gewinnerin Talents Gewinnerin Cass Mae zur Festival-Eröffnung. Die blinde junge Frau mit dem absoluten Gehör faszinierte das Publikum mit ganz und gar EmS-untypischen Tönen. Mal ernst und getragen, mal heiter und immer mit viel Tiefe fanden ihre Songs den direkten Weg in die Herzen der Festivalbesucher. Cass Mae und ihre beiden musikalischen Begleiter wurden folgerichtig nicht ohne Zugabe entlassen. Nach der anschließenden Punk-Party mit den Gladbacher Lokalmathadoren Tourette‘s folgte das nächste Highlight: Hautenge Jeans, dazu wallende Lockenmähne und Jeansweste über der nackten Brust – nicht nur optisch nahm Hitten-Frontmann Alex Panza das bekannt feierfreudige Viersener Publikum mit auf eine Zeitreise in die ganz frühen 1980er-Jahre. Das war Iron Maiden in jung, frisch und unverbraucht – dem Publikum gefiel es. Großer Spaß für alle Beteiligten.

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Ebenfalls unter die Kategorie erfreuliche Überraschungen fiel der anschließende Auftritt von Razz. Die vier Jungs aus dem Emsland boten feinen britpoppigen Indie-Rock im Stile etwa von Kings of Leon geprägt von hypnotisch-treibenden, treibenden, minimalistischen Gitarrengrooves.

Dann kam der Orkan – nicht vom Himmel, an dem die Sonne sich mittlerweile gnädig hinter den Baumkronen verbarg, sondern in Person von Baboon-Frontfrau Cecilia Boström. Warum The Baboon Show, so der vollständige Bandname, als einer von Schwedens besten Live-Acts gilt, wurde schnell klar: Wie ein Irrwisch tobte und sprang Boström im eine Spur zu knappen Minikleid über die Bühne. Stimmgewaltig, akrobatisch und energiegeladen performte die Powerfrau, als ginge es ums Überleben, vorangetrieben von einer bestens eingespielten Band. Kick-Ass-Punkrock, schnörkellos, ehrlich und mit der nötigen Spur Selbstironie. Stark.

Im Anschluss bestätigte der Niederländer Jett Rebel den ihm vorauseilenden Ruf als hochkarätiger Musiker und intelligenter Songschreiber. Mit sichtbarer Spielfreude mischte er Versatzstücke aus Soul und Funk zu mitreißenden Popnummern mit Vintage-Charme. Ein Punk-Veteran im Publikum brachte den vorletzten Auftritt des Abends auf den Punkt: „Kirmes-Punk“, so sein achselzuckendes Statement zur Performance der englischen Pub-Punker Dirt Box Disco. Womöglich den hohen Temperaturen geschuldet, die dem Publikum tagsüber doch einigermaßen arg zugesetzt hatten, wollte auch beim abschließenden Auftritt von RDGLDGRN aus Washington der Funke nicht so recht überspringen. Da half auch der eine Spur zu anbiedernde Ausflug in vermeintlich typisch deutsches Fußball-Liedgut nicht. So blieb die Band unter ihren Möglichkeiten, was aber verschmerzbar war, weil es vorher schon so viel Schönes gegeben hatte.

Den Samstag eröffnete das Viersener Powerrock-Trio Radio Invaders mit einer energiegeladenen Schwermetall-Performance. Viel Druck nach vorn, präzises Timing, eine runde Sache. Dann schon wieder ein früher Höhepunkt: Die JayJay & The Ufo Vom Schneider Band ist ein Session-Projekt mit bemerkenswerter Besetzung, die riesige musikalische Erfahrung mit der viel bemühten, hier definitiv authentischen „Street Credibility“ verbindet. Der Düsseldorfer Rapper JayJay („Knüppel Klopp“), Tote-Hosen-Drummer Vom Ritchie, Ausnahmebassist Ufo Walter und Tom Schneider, Gitarrist der legendären Fehlfarben spielten souverän und mit viel Spaß an der Sache ihr ganzes Können aus. Groovetechnisch extrem auf den Punkt, politisch stets kritisch, dabei von bezwingender Lässigkeit. Klasse Vorlage für die Kieler Rock-Reggae-Truppe Tequila & the Sunrise Gang, die gleichfalls einen starken Auftritt hinlegten.

Kapelle Petra legten anschließend den finalen Grundstein für eine fette Party: Als Gazelle und der Rest der Bande auf die Bühne kamen, ragte bereits in der Mitte des Publikums ein großes Pappschild mit „Heute ist Geburtstag“ in die Luft. Guido „Opa“ Scholz, Rainer „Der tägliche Siepe“ Siepmann und Markus „Ficken“ Schmidt hatten gerade mal zwei Lieder gespielt, da wurde bereits Wasser in die tobende Menge gespritzt, bis in die hintersten Reihen wurde ausgelassen getanzt. Und bei „Geburtstag“ gab es am Hohen Busch die größte und längste Polonaise, die es seit dem vorherigen Besuch der Band vor zehn Jahren gab. Mit D-Flame und DJ Sparc konnte im Anschluss nicht jeder Festivalbesucher viel anfangen. Gute Stimmung herrschte beim Mix aus Hip-Hop und Reggae trotzdem, auch wenn das Publikum sich etwas zwischen Getränkewagen, Pommesbude und Toilettenschlange verstreute. Doch bald brodelte es wieder vor der Bühne: Großstadtgeflüster war für viele Besucher eine heiß erwartete Band am gesamten Wochenende. Bereits vor der planmäßigen Spielzeit wurde es in den Reihen vor der Bühne etwas enger. Jen Bender erschien mit Krücken, ein Hocker am Mikrofon sollte der Sängerin der Formation aus Berlin als Ruheinsel auf der Bühne dienen. Es kam anders: Gerade mal für zwei Lieder hielt es das Energiebündel auf dem Stuhl. Tanzen, anfeuern, mitfeiern, ein richtiges Feuerwerk an Emotionen abfeuern und das Publikum vom ersten Beat an um den Finger wickeln: Das geht auch auf Krücken! Denen soll Band-Kollege Raphael Schalz übrigens im Vorfeld eine party-taugliche Optik verliehen haben, erzählte Bender bei einer Ansage zwischen den Songs. Rot-gelbe Streifen schmückten die Gehhilfen. Ein Krönchen setzte die Band ihrem Auftritt mit dem letzten Titel der Konzertliste auf: „Ich muss gar nix!“ hallte es aus nahezu jeder Kehle zum gleichnamigen Hit der Band. Großstadtgeflüster standen musikalisch, aber insbesondere auch in puncto Atmosphäre und Unterhaltung Madsen, den Headlinern des Abends, in nichts nach.

Im Anschluss behielten Metal-Veteranen Helmet eine solide Masse des Publikums, die Menschenmasse lichtete sich jedoch etwas. Dies lag jedoch keineswegs an der Leistung der Band: Die Truppe um Page Hamilton donnerte mit viel Wucht durch knapp über eine Stunde Metal-Programm. Bei Madsen war es wieder zum Bersten voll, auf den Campingplätzen hingegen herrschte nahezu gespenstische Stille. Nicht jeder drängelte sich aber in die Mitte – manche machten es sich auch auf dem Boden oder an den Buden bequem.

Fulminant war der Sonntags-Auftakt mit der Metal Marching Band Blaas of Glory aus den Niederlanden. Die verrückten Holländer drehten richtig auf: Mit der Verve eines bipolaren Spielmannszuges auf LSD dekonstruierten sie in der Folge zahlreiche Rock- und Metal-Hymnen: Es war eine pure Freude. Mit Akkordeon, Banjo, Blechbläsern und Trommeln auf  Polka und Marschmusik gebürstet, entfachten sie bei längst totgespielt geglaubten Stücken ganz neue Qualitäten. Nebenbei lockte das enthemmte Spektakel so viele Zuschauer wie noch nie an einem Sonntagmorgen auf die Rockwiese. Standesgemäß: die Zugabe als Polonaise durch das restlos begeisterte Publikum. Mit Pauke und Trompete ging es weiter bei The Prosecution – Skacore mit Trompete und Saxophon. Auch wenn das Publikum   kleiner ausfiel als an beiden Tagen zuvor, die Stimmung trübte es nicht. Rapper Fatoni animierte anschließend sehr zielstrebig zum Mitsingen: Aus beliebigen Gegenständen aus dem Publikum wie einem Schuh oder Schnuller hatte er kurzerhand einen Text zum Rappen gesponnen. Höhepunkt des gesamten Festivals bildete aber der Abschluss mit MIA. – die Band rund um die charismatische Frontfrau „Mieze Katz“ setzte ein gebührendes Finale für das 13. Jahr „Eier mit Speck“.