Viersen: Droht Caritas-Einrichtungen das Aus?

Viersen : Droht Caritas-Einrichtungen das Aus?

Geschäftsführer Peter Babinetz schlägt Alarm: "Das Land will Qualität, ist aber nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen."

Eigentlich wollte Peter Babinetz gestern "nur" den Jahresbericht 2013 vorlegen, doch der wurde fast zur Nebensache. Der Geschäftsführer des Caritasverbandes für die Region Kempen-Viersen nutzte die Gelegenheit und sprach Klartext: Sinkende Zuwendungen bei steigenden Kosten - die Caritas hat an zahlreichen Stellen die Grenze der Belastbarkeit erreicht. "Sollte die Schere zwischen Anforderung und Ausstattung in den kommenden Jahren weiter auseinandergehen, werden Schließungen nicht unmöglich sein", warnte Babinetz die Politik eindringlich.

Zwar verzeichnet der Caritasverband für die Region Kempen-Viersen eine steigende Nachfrage nach pflegerischen Leistungen. Gleichzeitig muss er seine Arbeit für Menschen in Not unter schwierigeren Bedingungen erledigen. "Immer mehr pflegebedürftige Menschen benötigen unsere Hilfe", sagen die 1. Vorsitzende Dr. Ingeborg Odenthal und Geschäftsführer Babinetz. Die sechs Caritas-Pflegestationen im Kreis Viersen verzeichneten 2013 erneut eine Rekordnachfrage: 3782 Menschen wurden in ihrem häuslichen Umfeld von der Caritas gepflegt. Damit kletterte die Zahl der Patienten im dritten Jahr hintereinander auf einen neuen Höchststand.

Problematisch ist laut Babinetz, dass die Vergütungssätze der Krankenkassen die Kosten oft nicht decken: Sämtliche Leistungen werden pauschal abgerechnet, unabhängig vom tatsächlichen Zeitaufwand. Erheblich ausgeweitet hat der Caritasverband sein Engagement im Rahmen des "Betreuten Wohnens" für Senioren. Zu den bisherigen fünf Standorten kamen weitere vier hinzu.

Inzwischen betreuen Caritas-Mitarbeiterinnen die Mieter in insgesamt 218 Wohnungen in Viersen, Kempen und Willich. Nach langer Planungsphase fiel Ende 2013 der Startschuss zu einem der ambitioniertesten Projekte in der fast 95-jährigen Geschichte des regionalen Caritasverbandes: Das denkmalgeschützte Altenheim Irmgardisstift in Süchteln wird mit 34 Appartements zu einem Seniorenzentrum weiterentwickelt und damit dauerhaft in seinem Bestand gesichert.

Trotz der positiven Jahresbilanz blicken Odenthal und Babinetz sorgenvoll in die Zukunft. "Es wird zu einer immensen Herausforderung, die Wirtschaftlichkeit unserer Dienste und Einrichtungen sicherzustellen", sagen sie. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: Die Finanzierung der Leistungssysteme hinkt der Kostenentwicklung immer stärker hinterher. Beispielsweise bezahlt die Caritas, anders als manch anderer Anbieter, alle ihre Beschäftigten nach Tarif. Wirtschaftliche Handlungsräume werdeneingeschränkt, reglementiert oder gänzlich zurückgefahren. Zusätzlich verschärft wird die Situation durch den Fach- und Führungskräftemangel in der Pflege.

Ein Beispiel für unzureichende Finanzierung ist das Fachseminar für Altenpflege. Die Einrichtung wird bereits ab diesem Jahr erneut dauerhaft ins Minus rutschen, wenn das Land NRW nicht seine reduzierte Finanzierung von derzeit 280 Euro pro Schüler und Monat wieder auf mindestens 360 Euro erhöht. Babinetz: "Es grenzt an einen Skandal, dass das Land die Fachseminare nach wie vor nicht ausreichend finanziert und die Träger wirtschaftlich im Regen stehenlässt. Wie das zu den Klagen über den drohenden Pflegenotstand passt, bleibt das Geheimnis der verantwortlichen Politiker." Sollte es bei der Unterfinanzierung bleiben, müsse der Verband aus der Ausbildung aussteigen.

Weiteres Unheil aus Düsseldorf droht dem Caritasverband und vielen anderen Trägern auch im Bereich der stationären Pflege alter Menschen: "Wenn das neue Pflegerecht NRW so kommt, wie es derzeit geplant ist, können viele Altenheime in ihrer Existenz gefährdet sein", sagt der Geschäftsführer. Fachleute sprechen sogar von einem "Anschlag auf die Altenheime". Babinetz: "Betroffen wären letztlich die alten Menschen, die künftig weniger Wahlmöglichkeiten und schlechtere Versorgungsangebote haben, sollten die Pläne so umgesetzt werden."

Auch bei der Finanzierung von Kindertagesstätten sorgen die Rahmenbedingungen für Probleme. Zwar erhalten die Träger vom Land jährlich 1,5 Prozent mehr zur Refinanzierung der anrechenbaren Kosten. "Das aber ist viel zu wenig, wenn zum Beispiel die tariflichen Personalkosten, wie im vergangenen Jahr, um 4,25 Prozent steigen", so Babinetz. Das Land wolle Qualität, sei aber nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen. Der Caritasverband unterhält zwei integrative Kindertagesstätten in Dülken und Süchteln. Babinetz: "Das führt dazu, dass die Träger aus Kostengründen in den kommenden ein bis fünf Jahren auch aus diesem Bereich aussteigen werden."

(RP)
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