Dringend gesucht im Kreis Viersen: Kräfte für Gastronomie

Kreis Viersen : Dringend gesucht: Kräfte für Gastronomie

Für die „Lüttelforster Mühle“ sucht Inhaber Dirk Zimmermann einen neuen Koch, im „Kaiserhof“ setzt man auf Förderung der Auszubildenden. Warum Mitarbeiter für Hotel, Küche und Service schwer zu finden sind.

„Es ist kaum noch möglich, geeignetes Fachpersonal für unsere Küche und unseren Service zu finden“, sagt Dirk Zimmermann (63), Inhaber der Lüttelforster Mühle. Sein Problem: Vor einigen Tagen hat sich der Chefkoch von dem Schwalmtaler Betrieb nach nur einem halben Jahr Einarbeitung abgewandt. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die „Lü“ beteiligt sich deshalb an einer Online-Befragung der Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Nordrhein zum Thema Fachkräftemangel.

Die Fluktuation unter den  20 Mitarbeitern der Lüttelforster Mühle ist laut Zimmermann immens. „Es macht heutzutage keinen Spaß mehr in der Gastronomie und Hotellerie“, sagt der 63-Jährige, der die 600 Jahre alte Mühle an der Schwalm vor 13 Jahren mit einem Kompagnon als Ruine übernommen und zu einem Gasthaus mit Hotel im Naturpark Schwalm-Nette gemacht hat. 40.000 Gäste pro Jahr nutzen dieses Angebot.

 „Die Lüttelforster Mühle ist sicherlich kein Einzelfall“, sagt Isabel Hausmann, stellvertretende Geschäftsführerin der Dehoga Nordrhein. Fachkräftemangel sei im Hotel- und Gaststättengewerbe in aller Munde. Zahlreiche  gastronomische Betriebe in der Region versuchen verzweifelt, geeignetes Personal zu finden und an sich zu binden. Zumal, so  Hausmann, die Zahl der Gastgewerbe-Beschäftigten in NRW in den vergangenen Jahren von 300.000 auf 400.000 gestiegen ist: „Es fehlen Mitarbeiter in Küche, Restaurant und Rezeption. Die Gäste stehen öfter vor verschlossenen Türen, als es dem Gastronom oder Hotelier lieb ist.“ Der Tipp der Expertin: „An der eigenen Attraktivität als Arbeitgeber zu arbeiten.. Vier-Tage-Wochen stehen bei den jungen Leuten hoch im Kurs. Sie legen viel Wert auf Work-Life-Balance.“ Weiterbildungsangebote und gemeinsame Veranstaltungen tragen ebenso dazu bei, Mitarbeiter zu gewinnen und auch zu halten: „Ebenso wie Wertschätzung und Rückmeldungen zur geleisteten Arbeit“, so Hausmann.

„Fachkräftemangel ist ganz klar ein Thema auch bei uns“, sagt Katrin Faerber-Hiller (57). Sie führt mit ihrem Mann Josef, der im Vorstand der Dehoga Mönchengladbach-Viersen aktiv ist, das Restaurant und Hotel „Kaiserhof“ in Willich. Dabei seien  sowohl Auszubildende als auch erfahrene Service-Mitarbeiter schwer zu finden.  im „Kaiserhof“ ist ein Team von 15 bis 20 fest angestellten Kräften beschäftigt Dazu kommen ebenso viele Aushilfskräfte. Aktuell werden fünf Jugendliche ausgebildet.

Ein Grund für den Personalmangel sieht Faerber-Hiller in der Region, die schwer zu erreichen sei. „Wir befinden uns im ländlichen Raum, eben nicht in einer Großstadt.“ Auch die Einstellung des Nachwuchses zu Arbeitszeiten habe sich gewandelt: „Jungen Leuten ist auch wichtig, dass ihre Arbeit zu den ,normalen’ Arbeitszeiten ihrer Freunde passt.“ Freie Sonntage und freie Wochenenden seien gewünscht.

Auch „Lü“-Inhaber Dirk Zimmermann ist dabei so selbstkritisch, dass er vor der eigenen Türe kehrt. „In der Gastronomie sind die Mitarbeiter früher vielleicht über Gebühr strapaziert worden, und die Bezahlung war nicht so wie heute.“ Dieses Image habe sich aber grundlegend geändert. „Der Mindestlohn, den ich ausdrücklich unterstütze, sollte dazu beigetragen haben, dass die Mitarbeiter mit einem ordentlichen Gehalt nach Hause gehen“, sagt Zimmermann. Bei ihm werde das Arbeitszeiten-Gesetz „strikt eingehalten“.

Doch beim Gesetzgeber sieht Dirk Zimmermann einen Grund des Übels, dass die Gastronomie Hände ringend nach Personal sucht: „Wir haben Veranstaltungen, die laufen über mehr als zehn Stunden. Laut Gesetz muss ich dem Mitarbeiter nach zehn Stunden eine elf-stündige Ruhepause geben. Bei Hochzeiten müssen wir also mit zwei Schichten fahren, was sich natürlich auf die Preiskalkulation auswirkt.“ In solchen Fällen würde sich der Gastronom „mehr Flexibilität seitens der Politik“ wünschen.

Zimmermann hat bereits einige Hebel umgelegt, um den Mitarbeitern entgegen zu kommen. So ist sein Betrieb montags und dienstags geschlossen, um dem Personal Gelegenheit zu geben, zwei Tage zu entspannen und neue Kräfte zu tanken. „Die familienbetriebene Taverne“, nennt Zimmermann ein Beispiel, „hat mit Arbeitszeitenregelung und tariflicher Bezahlung aber nichts an der Mütze – und kann 24/7 offen halten.“ Mittlere gastronomische Betriebe im Grünen hätten es da deutlich schwerer. „Dort würde ich von den politisch Verantwortlichen mehr Verständnis und eine gastronomiefreundlichere Haltung erwarten.“

Was Zimmermann ebenfalls vermisst:  eine bessere Verkehrsanbindung. „Seit Jahren wird uns versprochen, dass sonn- und feiertags wieder ein Bus in das Naherholungsgebiet fährt. Nichts ist bislang geschehen“, kritisiert er mit Blick auf die Verkehrsbetriebe. Da sein Betrieb insbesondere an diesen Tagen sehr gut besucht sei, seien dann flexible Mitarbeiter und Aushilfskräfte gefordert – und auch die seien  vielfach auf den ÖPNV angewiesen.

Der Mühlenbetrieb ist 2018 mit einem Integrationspreis ausgezeichnet worden: „Teilweise kommen sie von weither mit einem klapprigen Rad  zur Arbeit“, sagt Zimmermann  Um diese Mitarbeiter  zu binden, bietet er auf Wunsch Deutschunterricht an – kostenfrei und während der Arbeitszeit.

In puncto Ausbildung sieht es laut Dehoga auch nicht besser aus: Jeder achte Koch und jeder siebte Restaurantfachmann bricht die Ausbildung ab. Zu stressig, zu anstrengend und zu wichtig ist den meisten die Freizeit. Isabell Hausmann appelliert aber auch an junge Menschen, sich für die Gastronomie zu entscheiden. „Jeder möchte Essen gehen und auf Reisen übernachten. Wenn sich niemand findet, der arbeiten möchte, geht ganz viel verloren“, meint Hausmann. Wer im Gastgewerbe arbeite, habe frei, wenn andere arbeiten: „Und einen sicheren Arbeitsplatz, der nicht ins Ausland verlegt werden kann.“

Auch Katrin Daerbers-Hillers und ihr Mann tun einiges, um Nachwuchs zu finden und zu halten. „Wir nutzen alle Medien zur Bewerbersuche. Neben klassischen Inseraten auch soziale Medien wie Facebook.“  Was außerdem geholfen habe: „Mund-zu-Mund-Propaganda“.

Um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben, seien verschiedenen Faktoren wichtig. „Wir zahlen über Tarif“, sagt Katrin Faerber-Hiller. Außerdem lege man Wert auf eine individuelle Förderung. „Wir achten auf Fähigkeiten und Interessen der Auszubildendenn und versuchen, in diese Richtung zu fördern.“ Oft müssten Interessen  erst geweckt werden. Wer sich etwa für Wein interessiert, könne mir zur größten Fachmesse ,Pro Wein’ in Düsseldorf kommen. Faerber-Hller ist überzeugt: „Unser Beruf ist toll.“

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