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Viersen: Die Wahlen aus der Sicht einer Erstwählerin

Viersen : Die Wahlen aus der Sicht einer Erstwählerin

Die RP-Schülerpraktikantin Meret Coenen überlegt, wie sie ihre Wahlentscheidung treffen soll.

"Weißt du schon, was du wählst?" - Eine Frage, die bis vor einiger Zeit noch zu den Gesprächen von Eltern und Verwandten gehörte, bei denen ich einfach auf Durchzug gestellt habe. Inzwischen wird sie immer öfter an mich gerichtet.

Bis vor ein paar Wochen habe ich es hingenommen, dass in regelmäßigen Abständen Wahlprogramme im Briefkasten lagen, die Straßenlaternen mit den Gesichtern unbekannter Männer und Frauen zugepflastert wurden und an jeder Ecke möglichst ausdrucksstarke Wahlsprüche zu lesen waren.

Als ich aber meine erste Wahlbenachrichtigung in der Hand hielt, überkam mich dann doch eine Mischung aus Belustigung und Verwirrung. Ich bin 16 Jahre alt und gehe in die zehnte Klasse. Ich habe noch drei Jahre Schule vor mir, keine konkreten Pläne für meine Zukunft, aber man lässt mich über die Zukunft Europas entscheiden. Schon seit einigen Jahren habe ich den Spruch von wahlerprobten Erwachsenen im Ohr: "Aber man muss wählen gehen."

Viele Eltern meiner Freunde haben bei der vergangenen Bundestagswahl den "Wahl-O-Mat" benutzt, um sich ihre Wahlentscheidung zu erleichtern. Das tue ich jetzt auch. Die ersten Fragen kann ich guten Gewissens beantworten. Zu Themen wie gleichgeschlechtlicher Ehe oder der Organspende habe ich eine klare Meinung. Doch nach ein paar Klicks frage ich mich zum Beispiel, ob ökologische Tierhaltung automatisch "biologisch" ist, was die Finanztransaktionssteuer ist und was eine Europaarmee macht, wenn zum Beispiel zwischen Deutschland und Frankreich Krieg ausbricht. Rätselnd sitze ich vor dem Laptop. Fetzen aus dem Politikunterricht flattern mir durch den Kopf, über Marktwirtschaftssysteme und Steuern und Grundgesetze. Ich überlege: Worauf lege ich eigentlich Wert, und in was für einer Gesellschaft möchte ich leben? Möchte ich automatisch Organspender sein? Sollte man nur Rente von seinem Heimatland bekommen, auch wenn man in seiner Wunschheimat seit Jahren Erfolg hat und Steuern zahlt? Die Unerfahrenheit und Unwissenheit sind nur das eine Problem. Es ist wie im Supermarkt: Man hat ganze Regalreihen voll mit Joghurt vor sich stehen und kann sich nicht entscheiden. Der mit Vanille sieht gut aus, aber andererseits nimmt Mama immer Erdbeere und das schmeckt ja auch.

  • Symbolbild.
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So ähnlich ist das mit dem Wählen: Es gibt beinahe ein Überangebot an Partein. Die Großen wie CDU, SPD und Grüne kenne ich. Aber was hat die AfD eigentlich für Vorstellungen und was will die ÖDP? Ich will eine Partei finden, die mit meiner Weltanschauung möglichst übereinstimmt, aber wie viele Abstriche sind dabei in Ordnung? "Man will halt das Richtige wählen, aber man findet nicht so wirklich eine Partei, die in allen Punkten mit einem übereinstimmt. Da muss man dann Prioritäten setzen und das ist eben noch etwas schwer", sagt mein bester Freund Lennart (16). Ich glaube, das trifft es ziemlich gut. Die meisten Jugendlichen sind sich der Verantwortung bewusst, die sie mit ihrem Stimmrecht erhalten, und wollen nach bestem Wissen und Gewissen handeln.

(RP)