Schwalmtal: Die Toten beim Namen nennen

Schwalmtal: Die Toten beim Namen nennen

In der Heil- und Pflegeanstalt Waldniel-Hostert wurden während der NS-Zeit schwerbehinderte Kinder ermordet und auf dem anliegenden Friedhof verscharrt. Mit einer Gedenkfeier erinnerten Schwalmtaler Hauptschüler gestern an die Verbrechen von damals.

Friedrich Heister ist zurückgekehrt an den Ort, an dem er vor 70 Jahren schon einmal war. Damals war der Mönchengladbacher ein Kind, sieben Jahre alt. Auf dem Friedhof der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt in Waldniel-Hostert war er bei der Beerdigung seines Vaters dabei. Nun ist er zurückgekommen, um das Grab seines Vaters zu finden – eine Parzelle auf einer weiten Rasenfläche. Nur der Katasterplan der Anstalt verrät, wo das Grab mit der Nummer 307 zu finden ist. Heister erinnert sich an die Beerdigung im Dezember 1938: "Ich denke oft an das Geräusch, als Klumpen gefrorener Erde auf den Sarg meines Vaters trafen", sagt der 77-Jährige leise. Sein pflegebedürftiger Vater Christian soll an einer Lungenentzündung gestorben sein – so steht es in den Krankenakten.

In der Heil- und Pflegeanstalt in Hostert, die die Provinzial 1937 von den Franziskanern erwarb, starben während der NS-Zeit unzählige Patienten. Viele psychisch Kranke und Behinderte wurden deportiert und ermordet, andere starben in Waldniel, weil sie nicht ausreichend versorgt wurden. Das, so vermutet Friedrich Heister, sei auch seinem Vater geschehen.

Die "Kinderfachabteilung" in Hostert wurde zur Kinder-Tötungsstation: Mindestens 30 schwerbehinderte Kinder starben dort, weil Arzt und Krankenschwestern ihnen im Rahmen des nationalsozialistischen "Euthanasie-Programms" ein Schlafmittel eingaben. Das Schicksal der behinderten Kinder, als "lebensunwert" eingestuft, als "nicht bildungsfähig" zum Tod verurteilt, berührt die Jugendlichen, die seit Jahren die Gedenkstätte in Hostert pflegen, sichtlich.

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Für die Gedenkfeier zum Tag der Befreiung von Auschwitz haben sie Schilder aufgestellt, die an die kleinen Opfer des NS-Regimes erinnern: "Johannes, 2 Jahre", steht auf einem der Schilder, einen halben Meter weiter "Margrit, 1 Jahr", ein Stückchen weiter "Heinz, 15 Jahre". Ohne die Schilder wäre es nur eine Rasenfläche. Weder Grabsteine noch Holzkreuze erinnern an die Toten, die dort verscharrt wurden.

Die Schüler haben mit den Schildern dafür gesorgt, dass die Namen der Ermordeten nicht in Vergessenheit geraten. Das ganze Jahr über kommen Besucher nach Hostert. Es sind Menschen wie Friedrich Heister, die nach Angehörigen suchen. "Ich bin froh, dass ich das Grab meines Vaters gefunden habe", sagt er. "Jetzt kann ich ihn wenigstens besuchen."

(RP)
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