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Serie Mein Jahr In China: Deutsche Jugendliche haben es schwerer

Serie Mein Jahr In China : Deutsche Jugendliche haben es schwerer

Leon Zehner ist seit Herbst in der Provinz Yunnan. Er arbeitet dort als freiwilliger Helfer in der Entwicklungshilfe. Der 18-Jährige aus Amern hat festgestellt, dass die chinesischen Kinder kaum selbst Entscheidungen für ihre Zukunft treffen.

schwalmtal/ Lanping Wenn man sich im Ausland befindet, setzt man sich nicht nur mit der fremden Kultur auseinander, sondern vergleicht sie auch mit der eigenen. Dazu muss man wohl sagen, dass solche Kulturvergleiche immer sehr subjektiv sind, und mir ist auch bewusst, dass ich nur einen kleinen, eher ländlichen Ausschnitt von China kennengelernt habe.

Als ich im Süden Chinas ankam und die ersten chinesischen Schüler kennengelernt habe, war mein erster Eindruck, dass die Kinder gegenüber deutschen Kindern noch unreifer und weniger selbstständig sind - jedenfalls nach den Maßstäben, die wir in Deutschland allgemein für Entwicklung ansetzen: Kichern beim Begrüßen, mangelnde Kreativität bei fiktiven Aufgaben im Unterricht oder wenig Hinterfragung bei kritischen Themen sind nur einige Beispiele dafür. Selbst Gleichaltrige wirken im Umgang mit anderen Menschen wie kleine Kinder. Die Konsequenz daraus ist, dass meine chinesischen Freunde meist zwischen 25 und 30 Jahren alt sind.

Dabei sind Chinesen in vielerlei Hinsicht selbständiger als wir. Vor allem im Haushalt werden sie früh als Hilfen gebraucht. Womit sie sich in ihrer Lebenszeit aber kaum auseinandersetzen müssen, sind eigene Entscheidungen. Auf welche Schule die Schüler gehen, entscheiden die Schulen. In der Schule selbst lässt der Frontalunterricht selten eine eigene Meinung zu. Striktes Auswendiglernen ist angesagt.

Fähigkeiten wie Kreativität und Selbstbewusstsein bleiben dadurch eher auf der Strecke. Selbst nach der Schule werden die wichtigen Entscheidungen von den Eltern getroffen. Als ich HeXinLei, einen guten Freund fragte, was er nach der Schule studieren möchte, antwortete er: "Ich würde gerne Lehramt studieren, aber mein Vater möchte, dass ich Ingenieur werde."

Für Schüler, die keine Chance haben zu studieren, gibt es sowieso kaum Optionen. Zwangsweise folgt man seinen Eltern und übt ihren Beruf aus. Dadurch habe ich das Gefühl, dass ich erst mit Dreißigjährigen auf einer Wellenlänge bin.

Allerdings muss man auch sehen, dass die Menschen hier offensichtlich glücklich sind. Das Leben wird oft locker genommen. Vieles lässt sich auf den Entzug von Entscheidungen zurückführen. Während in Deutschland viele Menschen schon an der Frage verzweifeln, welches Fach sie in der achten Klasse nun zusätzlich wählen, was sie nach der Schule studieren, ob sie das Mädchen, mit dem sie seit zwei Jahren zusammen sind, heiraten, und ob sie vielleicht doch nochmal den Beruf wechseln, ist in China vieles eindeutig. Entscheidungen sind nicht nötig.

Hinter Entscheidungen stecken Erwartungen. Hinter Traditionen oder unausweichlichen Lebensereignissen eher nicht. Ohne Erwartungen auch keine Enttäuschungen. Ohne Enttäuschungen ein glücklicheres Leben.

Mit meinen Erfahrungen und meinen damit verbundenen Vorstellungen wäre das kein lebenswertes Leben, weil dieses genau von diesen Lebensentscheidungen abhängt. Wenn man sich aber auf das Gedankenspiel einlässt und sich vorstellt, dass es das Wort "Entscheidung" im Kopf gar nicht gibt, dann hat man auch keine Sehnsucht danach. Aus dieser Sicht kann ich mich für die glückliche Lebensweise der Chinesen freuen.

Viel schwerer haben es da die deutschen Jugendlichen. Sie haben die schwierige Aufgabe aus dem großen Angebot an Zukunftswegen die richtige Entscheidung zu treffen.

Bis zum nächsten Mal - zàijiàn!

(RP)