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Der schlechteste Radweg der Stadt Viersen

Viersen : Auf dem schlechtesten Radweg der Stadt

Schlaglöcher und Baumwurzeln machen Radfahrern in Viersen das Leben schwer

Die Stadt überprüft derzeit die Nutzungspflicht für Fahrradwege. Beim Fahrradweg an der Nettetaler/Boisheimer Straße von Boisheim nach Dülken soll die Radwegpflicht dennoch bestehen bleiben — trotz desolatem Zustand.

Ring, kling, pling – ständig gibt meine Fahrradklingel Geräusche von sich. Unfreiwillig. Bei jeder Baumwurzel, die ich überfahre, bei jedem Schlagloch. Davon gibt es hier viele. Schlaglöcher, Furchen und Baumwurzeln, die den Asphalt von unten hochdrücken, an manchen Stellen sogar aufbrechen. Der Weg ist in einem so schlechten Zustand, dass ich erhebliche Schwierigkeiten beim Fahrradfahren habe. Immer wieder schüttelt es mich durch.

Unsere Autorin Annika Lamm testete den Radweg zwischen Boisheim und Dülken. Mit einer Kamera nahm sie die Schäden am Fahrradweg auf, die das Fahren auf dem Weg beschwerlich gestalten. Foto: Martin Röse

Der vier Kilometer lange Fahrradweg entlang der Nettetaler/Boisheimer Straße weist erhebliche Mängel auf. Zu Beginn führt der Weg noch auf gleichmäßigem Asphalt über eine gepflasterte Strecke bis zu einer kleinen Brücke an der Landstraße entlang. Dann müssen Radfahrer ein kleines Stück über die Straße fahren, um von Boisheim weiter nach Dülken zu kommen. Nach dem Abbiegen auf die Nettetaler Straße verändert sich der Zustand des Fahrradweges. Er wird deutlich schlechter. Dennoch ist hier durch ein blaues Schild die Nutzungspflicht des Radweges für Fahrradfahrer gekennzeichnet.

Dieses Schild zwingt Radfahrer auf den mangelhaften Fahrradweg. Foto: Martin Röse

Der ehemalige zweite Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahhrad-Clubs (ADFC), Hartmut Genz, kritisiert den mangelhaften Zustand des Radweges, zu dessen Nutzung die Stadt per blauem Schild zwingt. Genz sagt: „Wenn dort schon ein blaues Schild aufgestellt ist, erwarte ich auch, dass der Radweg in einem gewissen Zustand vorzufinden ist.“ Er betont, dass in Viersen in punkto Fahrradfreundlichkeit noch einiges getan werden muss und bedauert, dass die regelmäßige Wartung der Fahrradstrecken scheinbar keine Priorität bei der Stadt hat: „Wenn die Stadt auf Mängel hingewiesen wird, wie wir vom ADFC das oft machen, stellen die lediglich ein Schild mit der Aufschrift ‚Achtung Radwegschäden‘ auf. Sonst wird nichts unternommen.“ Den Fahrradweg an der Nettetaler/Boisheimer Straße würde er persönlich mit der Schulnote sechs bewerten. In ebenso schlechtem Zustand seien die Rad- und Gehwege von den Süchtelner Höhen bis Dornbusch, von Viersen nach Dülken und der Fahrradweg an der Freiheitsstraße: Aber vor allem „der lenkerbreite Fahrradweg von Boisheim nach Dülken ist eine Unverschämtheit“, so Genz.

Solche Baumwurzeln machen das Fahren auf dem Weg sehr holprig. Foto: Martin Röse

Tatsächlich bin ich bei dem engen Fahrradweg über den ausbleibenden Gegenverkehr froh. Der Radweg ist an manchen Stellen so abschüssig, dass man bei entgegenkommenden Fahrradfahrern Gefahr laufen würde, in die Böschung zu rutschen. Dass ich auf der Strecke niemanden begegne, der mit dem Fahrrad unterwegs ist, könnte ein Zeichen dafür sein, dass die Viersener vom desolaten Zustand des Weges wissen und ihn meiden. Mir macht das Fahrradfahren auf diesem Weg jedenfalls keinen Spaß. Zum Glück hat es in den vergangenen Tagen wenigstens nicht geregnet, so dass sich in den Schotterabschnitten, die den asphaltierten Weg immer wieder unterbrechen, keine Pfützen oder Schlamm bilden konnten.

Diese Furchen zeichnen den Fahrradweg an der Nettetaler Straße. Foto: Martin Röse

Jochen Häntsch, Vorsitzender der SPD-AG 60plus, die den Arbeitskreis „Radwege“ ins Leben rief und 2015 schon einen Mängelkatalog über die Radwege Viersens erstellte und der Stadt präsentierte, sieht das Problem bei der personellen Unterbesetzung im Fachbereich. Außerdem würde der Stadt das Geld für eine Sanierung fehlen. Der Fahrradweg von Boisheim nach Dülken spielt in dem Mängelkatalog eine große Rolle. Häntsch erklärt, dass aus seiner Sicht jedoch „im Grunde genommen der gesamte Radweg an der Nettetaler Straße neu geplant werden müsste“, wozu auch Bäume gefällt werden müssten, um den Weg breiter zu machen. Die Kosten für eine solche Maßnahme „würden mit Sicherheit bei über einer Million liegen“, schätzt er. Er zweifelt aber an einer schnellen Veränderung der Verhältnisse.

Susanne Fritzsche, Technische Beigeordnete der Stadt Viersen, räumt ein, dass die derzeitigen Maßnahmen zur Instandhaltung des Fahrradwegs nicht ausreichen: „Wir führen zwar immer Reparaturen durch, der Komfort wird dadurch jedoch nicht dauerhaft besser“, sagt sie. Fritzsche ist sich bewusst, dass der Fahrradweg an der Nettetaler/Boisheimer Straße keinen Fahrkomfort bietet, deswegen würde im Planungsausschuss nach der Sommerpause dieses Jahres versucht, „eine langfristige Lösung zu finden“, so Fritzsche. Eine komplette Neuplanung sei aber nicht wahrscheinlich. Es gebe auch ein Nahverkehrskonzept, das in den nächsten Jahren umgesetzt werden soll, um Mängel endgültig zu beheben. Die Stadt möchte in den nächsten Jahren außerdem eine Mitgliedschaft bei der „Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Städte in NRW“ beantragen.

Ich fahre weiter auf dem Fahrradweg, der jetzt stellenweise gleichmäßiger wird und dann sogar doch ganz angenehm zu fahren ist. Ich merke, wie viel schneller und sicherer man auf einem Fahrradweg in gutem Zustand unterwegs sein kann. Trotzdem bin ich froh, als ich am Ende der Tour vom Rad steigen kann, das Vorankommen auf dem schlecht instand gehaltenen Weg war doch sehr mühsam.