Der Lebensmittelhändler Picnic ist ab dem 9. April auch in Viersen unterwegs

Viersen : „Picnicen“ in Viersen

Seit vergangenem Jahr hat das Lebensmittel-Start-up Picnic sein Lager in Viersen – lieferte aber nur nach Krefeld, Neuss und Mönchengladbach. Doch die Nachfrage in Viersen sei groß, so das Unternehmen. Ab 9. April werden auch Viersener beliefert.

Bier, Waschmittel, Kartoffeln, Brot, Kaffee. Die roten meterlangen Regale stehen bis zur anderen Seite des riesigen Raums voll damit. Es sieht aus wie in einem üblichen Supermarkt. Allerdings herrscht hier eher die Devise „Nur Gucken, nicht Anfassen“, denn kaufen kann man hier nicht – zumindest nicht direkt. Ein lautes Dröhnen erfüllt den Raum. Die Kühlanlage gibt ihr bestes – mit Erfolg. Minusgrade herrschen im Raum. Wer sich unterhalten will, muss laut werden.

So sieht ein kurzer Einblick in das Viersener Lager des Lebensmittelhändlers Picnic aus, der nun auch hier an den Start geht. Etwa zehn Prozent aller Haushalte in Viersen sollen demnächst beliefert werden. Zumindest haben sich schon so viele registriert. „Wir haben 6000 Menschen auf der Warteliste. Das ist echt wahnsinn“, sagt Frederik Knaudt (33), einer der Mitbegründer von Picnic Deutschland. Erfunden wurde Picnic 2015 in den Niederlanden. Darüber hinaus sollen aus dem Lager in Viersen auch Schwalmtal, Neersen und Anrath beliefert werden.

Nach einer so kurzen Phase so viele Menschen beliefern zu können, sei gigantisch, schwärmt Knaudt. Picnic gab erst Anfang März bekannt, dass es demnächst auch in Viersen liefere. „Es gibt hier vermutlich keine Straße mehr, die wir nicht beliefern“, sagt Knaudt und ist sichtlich stolz. Der 33-Jährige ruft an seinem Laptop eine Grafik auf und dokumentiert das gestiegene Interesse. „Jeder rote Punkt bedeutet einen registrierten Kunden“, so Knaudt. Es ist deutlich zu erkennen, wie die roten Punkte seit Start von Picnic im Februar 2018, immer mehr und mehr wurden. „Dabei lieferten wir da noch gar nicht hier hin.“

Ebenfalls kurios: In Bayern und Baden-Württemberg tummeln sich zahlreiche rote Punkte. „Dabei liefern wir da überhaupt nicht hin“, sagt Knaudt und schmunzelt. Bislang beliefert Picnic nur in NRW. Neuss, Mönchengladbach, Krefeld sind die großen Ziele. „Da läuft es auch überall richtig gut, aber Viersen könnte dem noch die Krone aufsetzen“, sagt der 33-Jährige. Im Lager herrscht auf jeden Fall ein hohes Arbeitsaufkommen.

Klirr, Ratsch, Plong hört man immer wieder. Knapp 100 Mitarbeiter wuseln durch das riesige Gebäude, schieben große schwarze Wagen durch die roten Regalreihen und packen Lebensmittel in Boxen. „Auf jedem dieser Wagen ist Platz für 18 Boxen“, erklärt Till Hartmann (29), Supervisor Operations. Jede Box enthalte die Bestellung eines Kunden. „Die geht dann direkt so in unsere E-Flitzer und zum Kunden“, führt er aus.

Das Prinzip klingt denkbar einfach: Der Kunde installiert die App auf seinem Smartphone, registiert sich und bestellt Produkte. Die Bestellung landet dann bei Picnic. „Eine Software mit Algorithmus rechnet aus, welche Route für die Fahrer am Effizentesten ist“, erklärt Knaudt. So würden sie nicht im Kreis fahren oder unnötige Schlenker machen. Außerdem würde die Software bereits die Boxen auf die jeweiligen Wagen sortieren. Dabei werde auch darauf geachtet, dass bestimmte Lebensmittel nicht miteinander in Berührung kommen. „Hackfleisch ist beispielsweise getrennt“, sagt Hartmann. Die Lebensmittel würden zudem so wenig wie möglich angefasst werden.

Aber warum ist Picnic für die Viersener offensichtlich so interessant? Amazon-Fresh, Rewe-Delivery – große Konkurrenten gibt es genug. „Wir liefern kostenlos und dabei immer zum günstigsten Preis“, sagt Knaudt. Viele Kunden würden vor allem durch hohe Preise abgeschreckt. „Wir vergleichen immer und stellen sicher, auch am günstigsten zu sein. Das ist bei uns nicht nur Marketing.“ Dass Picnic es sich leisten kann, die Preise der anderen Lebensmittel-Lieferdienste zu unterbieten, macht Knaudt an drei Punkten fest. Erstens: Das Unternehmen verzichtet komplett auf Filialen, liefert die Ware direkt vom Lager aus. Das spare enorme Kosten. „Es gibt weniger Miete und wir fahren viel weniger mit Autos oder Lkw hin und her“, sagt Knaudt.

„Wir vergleichen uns gerne mit dem Milchmann von früher“, erklärt Knaupp. Damals habe es auch keine Geschäfte gegeben, und der Milchmann sei von Straße zu Straße gefahren. „Unser Vorteil ist nun, dass wir ein viel größeres Sortiment haben.“ Sollte es ein Produkt nicht geben, können Kunden sich dieses in der App wünschen. „Wenn sich genügend Kunden ein neues Produkt wünschen, nehmen wir es auf“, sagt Knaudt. Picnic sei in Deutschland mit vier Kartoffelsorten gestarten, „nun haben wir 19 im Sortiment“.

Das zweite Erfolgsgeheimnis sei die exakte Kalkulation von Lebensmitteln. „Wir schmeißen nichts weg und bestellen produktgenau“, so Knaudt. Das sei im Supermarkt nicht vorstellbar. „Wenn da abends Kunden reinkommen, möchten die ja die selbe Auswahl wie am Morgen haben.“ Deshalb müssten Supermärkte viel wegschmeißen.

Der letzte Punkt ist die Wartezeit. „Bei uns können die Kunden bis 22 Uhr bestellen. Wir liefern am Tag darauf und geben sogar ein 20 minütiges Zeitfenster, wann unsere Fahrer da sind“, sagt Knaudt. Die Auslieferung findet immer zwischen 14 und 22 Uhr statt. Per App können die Kunden ihre Zulieferer sogar auf ihrer Route verfolgen. Sie werden dort mit Bild und Namen angezeigt. „Wir geben den Menschen so eine komplette Transparenz“, sagt Knaudt.

Fast wie im Supermarkt: lange Regale gefüllt mit Lebensmitteln. Foto: Sebastian Esch
Jede Box enthält die Bestellung eines Kunden. Foto: Sebastian Esch

Gegen 12 Uhr werden an diesem Tag die ersten vollen Wagen in die E-Flitzer geladen. Neun Touren stehen für die Fahrer auf der Tagesordnung – noch alle außerhalb von Viersen. „Das ändert sich bald. Die erste Auslieferung hier findet am 9. April statt.“ Dann fährt der Milchmann wieder auch durch Viersen, allerdings mit mehr Sortiment.

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