Brüggen: Der Geheimgang der Burg

Brüggen : Der Geheimgang der Burg

In den Gewölben unter dem Brüggener Burgwall werden schnell Erinnerungen lebendig: Die Kasematten dienten im 2. Weltkrieg als Zufluchtsstätte für die Bevölkerung, bis in die 70er galten sie als "Abenteuerspielplatz" der Dorfjugend. Nun sollen sie wieder geöffnet werden.

44 Meter lang sind die Gewölbe auf jeder Seite im westlichen und östlichen Burgwall unterhalb der Brüggener Burg. Tunnel, die nun von elektrischem Licht beleuchtet sind. Bei der ersten Begehung nach der Sanierung werden Erinnerungen wach. "Ich habe hier das erste Mal geknutscht", sagt sich Ratsmitglied Helmut Stoffers (57) schmunzelnd. Und auch Stadtführer Gert Dörnhaus (65) erinnert sich: "Als Kinder sind wir da durchgekrochen." Ratsherr Dieter Lankes (57) berichtet von einem Besuch der Gänge zu Schulzeiten, gemeinsam mit Lehrer Cremer.

Der Burgwall aus dem 16. Jahrhundert war nicht nur Schutz bei kriegerischen Auseinandersetzungen um die Burg, sondern diente auch später noch der Bevölkerung: als Zufluchtsstätte im zweiten Weltkrieg, während der Luftangriffe. Bis in die 70er Jahre "spielte" in den Kasematten vor allem die Dorfjugend, dann wurden die Gänge mit Eisengittertoren verschlossen, gerieten langsam in Vergessenheit. Nun sollen die Kasematten für die Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden, vor allem bei Stadtführungen. Dem Projekt voraus gingen statische Untersuchungen zur Tragfähigkeit der Gewölbe, das Mauerwerk musste mit Spezialbeton saniert, neue elektrische Leitungen verlegt werden.

Burgherr Hans-Willi Stroetges — die Burg ist seit 1934 im Besitz seiner Familie — erinnert sich an die Zeit der Luftangriffe. "Vier Monate lang haben wir hier gehaust und auch nachts drin geschlafen", erzählt der 77-Jährige, dessen Familie während der Evakuierung wieder heimgekehrt war. "Wir wurden damals von August Engels, der war Leiter des örtlichen Deutschen Roten Kreuz, ärztlich betreut", erzählt Stroetges. Er deutet an der Mauer entlang: "Hier standen spezielle Betten für Luftschutzbunker. Auch während des Tages mussten wir uns als Kinder im Gang aufhalten. Wir waren hier sicherer als im vier Meter dicken Burgturm. Schließlich sind zwölf Meter Erde über uns."

Rudolf Engels (66) war damals zwei Jahre alt. Bei Fliegeralarm wickelte ihn seine Mutter in eine Decke und trug ihn in die Kasematten, berichtet Engels, "die Decke habe ich lange in Ehren gehalten." Vor und nach dem Krieg dienten die Kasematten der Familie Dortans-Engels als Vorratsraum, "kaum jemand hatte damals hier einen Keller", sagt Engels. Seine und auch die Familie Stroetges hätten zu dieser Zeit schon den heutigen Eingang benutzt, andere Brüggener gelangten von links in den Gang, wieder andere von östlicher Seite. Ein mitunter gespenstisches Unternehmen, das in späteren Jahrzehnten die Jugend reizte. Wenn die Kasematten bald wieder geöffnet werden (Buchung über die Tourist-Info der Gemeinde in der Burg), können auch später als Engels und Stroetges Geborene diese Gänge entdecken. Ganz vergessen scheinen die Kasematten aber in den vergangenen 30 Jahren nicht gewesen zu sein. An einer Wand prangt noch ein Graffito: "I love Jessica".

(RP)
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