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Der Fall Greta - so lief der Prozessauftakt vor dem Landgericht Mönchengladbach

Kita in Viersen : Der Fall Greta – so lief der Prozessauftakt

Seit Dienstag sitzt die Erzieherin Sandra M. auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft wirft der 25-Jährigen Mord vor. Sie soll die kleine Greta getötet haben. Bei der Verlesung der Anklageschrift flossen im Gerichtssaal Tränen.

Es ist eine lange, quälende Aufzählung, die Staatsanwalt Stefan Lingens zum Prozessauftakt gegen die 25-jährige Erzieherin Sandra M. verliest. Minutengenau schildert er in seiner Anklageschrift, wann in welcher Kindertagesstätte ein Notruf abgesetzt wurde, weil ein Kind medizinischer Hilfe bedurfte. Zum Beispiel im Familienzentrum Florastraße in Krefeld: „Am 2.11.2017 wurde um 13 Uhr der Notruf abgesetzt“, sagt Lingens. Weil ein kleiner Junge röchelte. Der nächste Notruf erfolgte dann am 16. Februar 2018. Diesmal war der Junge nach dem Windelwechseln schlapp und schläfrig, kaum wachzubekommen. Zehn Tage später, um 10.31 Uhr, der nächste Notruf.

Sandra M. ist die Frau, die der Staatsanwalt dafür verantwortlich macht. Sie ist wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen in neun Fällen angeklagt – und wegen Mordes. Denn auch bei der kleinen Greta in der Viersener Kita Am Steinkreis soll die 25-Jährige den Brustkorb der Zweijährigen so stark gedrückt haben, dass das Mädchen keine Luft mehr bekam und einen schweren Hirnschaden erlitt.

Als der Staatsanwalt fertig ist mit der Schilderung der Geschehnisse in den vier Kindertagesstätten, in denen Sandra M. von August 2017 bis April 2020 arbeitete, ist es still im Saal. Einige Zuhörer weinen leise.

In die lange Schlange vor dem Landgericht Mönchengladbach hatten sich zum Prozessauftakt auch zwei Frauen aus Viersen eingereiht: Michaela Castor, die Leiterin der Kita Am Steinkreis, und Sabine Rau, die damalige Leiterin des Viersener Jugendamtes. Anders als die Kitas in Krefeld, Kempen und Tönisvorst hatte das Viersener Jugendamt das Landesjugendamt über den Notarzteinsatz informiert.

Es ist ein kurzer Prozessauftakt – nach nicht mal 20 Minuten schließt der Vorsitzende Richter Lothar Becker die Verhandlung. Neben der Verlesung der Anklageschrift stand nur eine kurze Befragung der Angeklagten auf dem Programm. Die junge Frau mit den längeren braunen Haaren im grünen Strickpullover sprach die Antworten mit erstickter, leiser Stimme: In Kempen geboren? – „Ja.“ Deutsche Staatsangehörige? – „Ja.“ Nicht verheiratet? – „Ja.“

Mehr als 20 Zeugen sollen an den verbleibenden 18 Verhandlungstagen gehört werden. Kostenpflichtiger Inhalt Weil sich die Angeklagte bisher zu der Sache nicht eingelassen hat, stellt sich die Staatsanwaltschaft auf einen Indizienprozess ein. Der Staatsanwalt ist zuversichtlich, dass auch ohne ein Schuldeingeständnis der Angeklagten eine Verurteilung wegen Mordes herauskommen wird. Was ihn so zuversichtlich stimmt? „Die Angeklagte sitzt seit Mai in Untersuchungshaft. Die ordnet ein Richter nur bei dringendem Tatverdacht an“, erklärt Lingens.

Juristisch interessant wird die Frage sein, ob das Gericht tatsächlich ein Mordmerkmal erfüllt sieht. Die Staatsanwaltschaft sieht das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt. Das greift allerdings nur, wenn das Opfer auch fähig zum Argwohn war, wie Juristen sagen. Lingens: „Ich gehe davon aus, dass auch ein knapp drei Jahre altes Kind zum Argwohn fähig ist und Zutrauen oder Misstrauen äußern kann.“ Er denke, dass die Angeklagte genau dieses Zutrauen ausgenutzt hat.