Der ewige St. Martin - seit 50 Jahren spielt Franz-Heinrich Busch in Viersen den heiligen Mann

Brauchtum : Der ewige St. Martin

Wenn Franz-Heinrich Busch am Freitag in den Sattel steigt und den Mantel teilt, dann ist das ein Jubiläum. Seit 50 Jahren ist er der St. Martin von Helenabrunn – und sein Kostüm ist mitgewachsen.

Wenn Franz-Heinrich Busch den Brustpanzer anlegt, den Römerhelm auf den Kopf setzt, den Mantel umhängt und zum Schwert greift, dann ist das immer wieder ein besonderer Moment für ihn – und das seit nunmehr 50 Jahren. So lange reitet er nämlich Jahr für Jahr als St. Martin durch Helenabrunn und führt den Martinszug an. „Das Gefühl, die freudige Aufregung, wenn man als St. Martin in den Sattel steigt, daran hat sich in all den Jahren nichts geändert“, sagt der Viersener, der von einem landwirtschaftlichen Betrieb in Helenabrunn kommt und mit Pferden groß geworden ist.

Andere Kinder hatten ein Dreirad, er ein Pferd. Und selbst die Hausaufgaben erledigte er im Stall, auf dem Pferderücken sitzend. Als er alt genug war, begleitete er seinen Vater, der auch den St. Martin spielte, im Zug und hielt das Pferd. „Ich gehörte quasi zum Bodenpersonal“, scherzt Busch.

Mit 14 Jahren stieg er selbst zum ersten Mal als St. Martin in den Sattel – einem Notfall geschuldet. Sein Vater war kurzfristig verhindert, und es gab keinen Ersatzmann. „Wir wissen nicht mehr, ob er damals im Stau stand oder plötzlich erkrankt war. Tatsache war nur, es war keiner da und nachmittags fiel die Entscheidung, dass ich reiten sollte“, erinnert sich Busch. Das Kostüm passte, und der jugendliche Reiter schlüpfte in die Rolle, sattelte sein Pferd Schakki, ein brauner Vollbluthengst von der Rennbahn, und ritt. Danach war für ihn klar: Diese Aufgabe wollte er nicht mehr abgeben.

Mitschüler, die im Zug mitgingen sangen so seinerzeit nicht „St. Martin ritt durch Schnee und Wind“, sondern „Franz-Heinrich ritt“. Heute rufen ihm die Enkelkinder indes zu: „Opa, da bist du ja!“ Daran merke er, dass er Generationen als St. Martin begleitet hat, sagt Busch. Auch wenn er selbst nicht mehr aktiv reitet, steigt er zweimal im Jahr in den Sattel. Denn der Viersener ist nicht nur der St. Martin von Helenabrunn, sondern auch der von der Körnerschule. Allerdings geht er dort erst seit rund 25 Jahren in den Einsatz. Die eigenen Söhne gingen dort zur Schule, und als ein St. Martin für den Schulzug gesucht wurde, schlugen seine beiden Söhne sofort den Papa vor, weil er ja eh der St. Martin sei.

War es früher das eigene Pferd, das zum Martinspferd wurde, so kommt das Ross heute aus einem Mönchengladbacher Stall. Am Freitag geht, wie im Vorjahr, Snowboy wieder in den Einsatz. Das Kostüm ist dabei immer noch das Alte. „Dank breiter Gummizüge im Rückenteil ist es mitgewachsen und hat bestimmt schon 70 oder 80 Jahre auf dem Buckel, da es nicht nur mein Vater schon trug, sondern auch dessen Vorgänger“, erzählt Busch. Aufbewahrt wird es übrigens bei seinen Eltern im Keller. Dort hat es einen festen Platz.

50 Jahre als St. Martin haben eine Vielzahl von Anekdötchen mitgebracht. Einmal riss der Zügel vom dem rustikalen Paradegeschirr, das das Pferd trug. Ein anderes Mal goss es in Strömen und Busch stand mit dem Pferd alleine mit der Feuerwache am Feuer. „Alle waren zur Tütenausgabe gegangen und dann nach Hause. Der Besitzer des Pferdes hing in Wegberg fest und kam mit einer Stunde Verspätung sein Pferd holen. Ich hatte solche Sorge um das Tier im Regen, dass ich ihm meinen Mantel umgehängt habe. Ich selbst war eh schon klitschnass“, erzählt Busch.In jungen Jahren gab es sogar einmal Schelte für den St. Martin und auch für den armen Mann. Der hatte St. Martin nämlich vor der Bettlerszene ein Schnäpschen angeboten. „Den tranken wir gerade, als das Feuer auf einmal hell aufflammte und wir wie im Scheinwerferlicht von allen, die mittlerweile am Martinsfeuer angekommen waren, zu sehen waren. Das gab böse Schelte“, plaudert Busch aus dem Nähkästchen.

Und dann gibt es da noch die Nelsenstraße. An der führt an St. Martin kein Weg vorbei. Busch reitet dort immer einmal hin, denn hier bekommt sein Pferd einen Zuckerklümpchen – und er frisch gebackene Mutzen. „Das hat Tradition und gehört dazu“, sagt der 63-Jährige. Ans Aufhören denkt er indes noch lange nicht. In seiner St.-Martin-Rolle steckt Herzblut, und er liebt es, den Kindern als heiliger Mann eine Freude zu machen.

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