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Brüggen: Demenzkranke ernst nehmen und verwöhnen

Brüggen : Demenzkranke ernst nehmen und verwöhnen

"Wir leben auf dem Festland, diese Menschen in einem tiefen Meer. Wenn Sie zu ihnen wollen, müssen Sie eintauchen. Aber Sie dürfen das Auftauchen nicht vergessen!" Dieses war einer der Kernsätze, die Erich Schützendorf den im Pfarrheim Bracht auf Einladung der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) Bracht interessiert lauschenden Zuhörern mit auf den Weg zu Demenzkranken gab. Der langjährige Leiter der Kreisvolkshochschule und dort Fachmann im Bereich "Älter werden" gab seine Erfahrungen weiter, die er mit Angehörigen und professionellen Pflegern von an Demenz Erkrankten sammelte.

Seit Schützendorf vor vier Monaten in Ruhestand ging, sieht er es als eine seiner Aufgaben an, den Menschen im Umgang mit Demenzkranken zu helfen - in der Familie, in der Gesellschaft, im Heim. Mimisch und gestenreich zeigte er in zwei Stunden, wie sich ein Mensch, "der langsam seinen Verstand verliert", verhält, wie sich dessen Funktionalität in eine Gefühlswelt verwandelt, in der er nach Nähe, nach Zärtlichkeit verlangt.

Schützendorf wies darauf hin, dass beim ersten Verdacht einer Demenz der Arzt befragt werden sollte. Der kann bei Positivbescheid aber nicht heilen, sondern auch nur helfen. Angehörige müssen wissen, dass die Zeit, die sie ihren Kranken widmen, nicht lange, dafür sehr tief sein muss. Und ganz wichtig: "Wenn die oder der Kranke Sie intensiv anschaut, halten Sie den Bick aus, blicken Sie zurück. Übersetzt heißt das re-spectare. Respektieren und ernst nehmen müssen sie jeden an Demenz Erkrankten." Und er widersprach dem Philosophen Immanuel Kant, der sagte: "Menschen ohne Verstand sind keine Personen."

Immer wieder gelang es Schützendorf, sein aufmerksames Publikum zum Lachen zu bringen, wenn er die verschiedenen, teils abartigen Gefühle und Wünsche der Demenz-Kranken vorführte. Doch immer wieder forderte er auch auf, ein guter Begleiter zu sein, nicht zu sagen: "Was keinen Zweck hat, hat auch keinen Sinn." Die Kranken wollten nicht selbstständig sein, sie wollten verwöhnt werden. Er verglich ihr Leben mit Stufen: "Als Kind geht man langsam die Stufen hinauf, am Ende des Lebens langsam wieder hinunter." Irgendwann habe der Demenzkranke genauso wenig Verstand wie ein Kind.

Schützendorf setzt sich heute vor allem für eine Entlastung der Angehörigen ein, bietet ihnen "Rettungsboote in einem Meer an Verrücktheit" und mahnt, sich selbst nicht zu vergessen. Auch in der Gesellschaft wirbt er um Verständnis für die Kranken, zum Beispiel in Gaststätten. Zum Abschluss bat KAB-Vorsitzender Willi Leven noch, bereit liegende Bewertungsbögen für diese Veranstaltung auszufüllen, die Erich Schützendorf mitnehmen konnte.

(flo)