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Das Leben kehrt in die Innenstadt von Viersen zurück

Corona im Kreis Viersen : Das Leben kehrt in die Innenstadt zurück

Nach mehr als vier Wochen öffneten die Einzelhändler am Montag ihre Geschäfte. Insbesondere in der Alt-Viersener Innenstadt war viel los. Der Kommunale Ordnungsdienst stellte keine Verstöße fest.

Tausende Menschen sind am Montag in die Alt-Viersener Innenstadt gekommen, um nach mehr als vier Wochen in nun wieder geöffneten Ladenlokalen einzukaufen. „So voll ist die City sonst nicht mal samstags“, sagte ein Händler. Seit Montag dürfen alle Geschäfte mit einer Verkaufsfläche bis 800 Quadratmeter öffnen, ebenso Möbelhäuser und Autohändler.

 „Besonders gefragt waren Inline-Skates, aber auch Federball- und Badmintonschläger“, berichtet Intersport-Borgmann-Filialleiter Marc Wetterhahn. 
„Besonders gefragt waren Inline-Skates, aber auch Federball- und Badmintonschläger“, berichtet Intersport-Borgmann-Filialleiter Marc Wetterhahn.  Foto: Martin Röse

„Wir sind mit den Umsätzen sehr zufrieden“, sagt Marc Wetterhahn, Filialleiter bei Intersport Borgmann. „Die Leute kaufen insbesondere für den Freizeitsport ein – Federballschläger oder Inlineskates.“ Auch vor Textilgeschäften wie „kik“ oder „Woolworth“ kam es gegen Mittag zu längeren Schlangen. Klaus-Jürgen Bohnen freute sich, in seinem Schuhgeschäft auch zwei Stammkundinnen begrüßen zu können, die extra aus Korschenbroich angereist waren. Er hat die Soforthilfe des Landes in Anspruch genommen, „aber meine Kosten waren fünfmal so hoch“, sagt er. Erfreulich für ihn: Wer ins Geschäft kommt, hat auch die Absicht, zu kaufen.

 „Bitte nur 6 Kunden gleichzeitig“ hieß es bei der Buchhandlung Doetsch.
„Bitte nur 6 Kunden gleichzeitig“ hieß es bei der Buchhandlung Doetsch. Foto: Martin Röse

Fast alle Inhaber weisen mit Hinweisschildern am Eingang darauf hin, wie viele Kunden gleichzeitig das Geschäft betreten dürfen. „Der Kommunale Ordnungsdienst hatte viel zu tun – weil die Geschäftsleute viel Beratungsbedarf hatten“, berichtet Stadtsprecher Frank Schliffke. Die sind verpflichtet, „geeignete Maßnahmen“ gegen eine Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zu treffen – aber was bedeutet das genau? „Dazu haben die Mitarbeiter beraten“, erklärte der Stadtsprecher. Verstöße musste der Ordnungsdienst nicht ahnden.

 Vor „kik“ bildete sich eine längere Warteschlange.
Vor „kik“ bildete sich eine längere Warteschlange. Foto: Martin Röse
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Nicht geöffnet in Viersen hatten die C&A-Filiale und der Expert-Elektrofachmarkt. Mit seiner Verkaufsfläche von 1600 Quadratmetern liegt er weit über der Grenze von 800 Quadratmetern. Der Brüggener Landtagsabgeordnete Dietmar Brockes (FDP) sagt: „Die Verständigung auf 800 Quadratmeter führt zu Recht bei den Betroffenen zu Irritationen.“ Gerade im Kreis Viersen gebe es zahlreiche Geschäfte mit mehr als 800 Quadratmetern Verkaufsfläche. „Wenn sich in dieser Woche zeigen sollte, dass die Bürger weiterhin verantwortungsvoll handeln, dann sollten auch die Geschäfte mit mehr als 800 Quadratmeter nicht länger ausgeschlossen bleiben“, so der FDP-Landtagsabgeordnete.

 Eine Stammkundin reiste extra aus Korschenbroich in das Schuhgeschäft von Klaus-Jürgen Bohnen in der Viersener Fußgängerzone. Sie kaufte zwei Paar.
Eine Stammkundin reiste extra aus Korschenbroich in das Schuhgeschäft von Klaus-Jürgen Bohnen in der Viersener Fußgängerzone. Sie kaufte zwei Paar. Foto: Martin Röse

Weniger stark frequentiert waren die Innenstädte der anderen Städte und Gemeinden im Westkreis. Nur vereinzelt bummelten Passanten am Montagmorgen durch die Gassen in der Dülkener Altstadt. Für Günther Kamp, Inhaber des Schuhhauses Kocken, war das keine große Überraschung. Weil die Gastronomie am Alten Markt noch geschlossen ist, fehle die Laufkundschaft, erzählt das Mitglied des Werberings Viersen aktiv. „Wir können ja nicht erwarten, dass die Leute jetzt alle einfach wieder raus kommen“, ergänzt er. Sein Vorteil: Kamp hat in Dülken Kinderschuhe im Sortiment. Und so sind zumindest in seinem Laden neben Personal mit Mundschutz am Montag einige Mütter mit ihren Kindern, die sich im Eingangsbereich alle erstmal ausgiebig die Hände desinfizieren, anzutreffen. Kinderfüße wachsen schnell – also müssen neue Schuhe her. „Aber in den Filialen an den anderen Standorten wird jetzt wenig passieren“, vermutet Kamp: „Die Leute haben Angst.“

In Süchtelns Fußgängerzone war am Montagvormittag mehr los als in Dülken: Vor allem in den Modegeschäften standen die Kunden, stöberten zwischen Frühjahrs- und Sommerware. Ein paar Händler trugen Mundschutz und hatten Desinfektionsmittel im Eingangsbereich auf Tischen aufgestellt. Auf Abstandsregeln machten aber alle mit Plakaten aufmerksam, Gedränge herrschte in den Läden nicht.

Nettetal Nach viereinhalb Wochen wieder im eigenen Geschäft zu stehen und mit Kunden zu reden, sei irgendwie komisch, sagte der Lobbericher Buchhändler Fabian Matussek. Um 9 Uhr, als er öffnete, stand schon der erste Kunde vor der Tür. Am Vormittag war gut zu tun. In den vergangenen Wochen nahm seine Frau Melanie die Bestellungen auf und er lieferte sie aus, nicht nur in Nettetal, sondern bis Brüggen und Grefrath. Dass wieder geöffnet sei, mache ihn sehr sehr glücklich.

„Schön, dass Sie wieder da sind“, sagte eine Kundin zu Thomas Leuf, der mit Mundschutz hinter dem Kassentresen stand. In den vergangenen Wochen hatte Papier SpielBüro  Presse Leuf einen Lieferservice angeboten, aber der direkte Kontakt zu den Kunden sei besser. Beim Modegeschäft Sommerfeld’s in der Hochstraße ging es noch relativ ruhig zu. In der vergangenen Woche war es dagegen bedrückend: Da alle Geschäfte geschlossen hatten, war die Fußgängerzone wie ausgestorben. Den Lieferservice hatten Stammkunden gut angenommen. Aber persönlich in den Laden kommen, ist schöner.

Schwalmtal In der Gemeinde Schwalmtal haben alle Geschäfte am Montag wieder öffnen können, keines fällt laut Ordnungsamtsleiter Thomas Höpfner unter die 800-Quadratmeter-Marke. „Die Händler sind sehr kooperativ, setzen die Vorgaben zu Einlasskontrollen und  Abstandsvorgaben gut um“, sagt Höpfner. Probleme habe das Team des Ordnungsamtes bei seinen Kontrollen nicht gehabt. Es würde nicht nur kontrollieren, sondern auch bei Fragen helfen. Aktuell sei das Personal in diesem Bereich aufgestockt worden, etwa durch Kollegen aus anderen Fachbereichen oder aus dem Innendienst. Immer zwei Mitarbeiter seien in der Gemeinde unterwegs, auch an Samstagen und Sonntagen.

Birgit Wetzels von „Birgits Paperworld“ am Markt in Schwalmtal-Waldniel ist mit dem ersten Öffnungstag zufrieden, auch wenn es im Ort an Montagen sonst eher ruhig sei. „Ich habe schon gemerkt, dass die Schüler nach den Ferien neue Aufgaben bekommen haben.“, sagt Wetzels. Schulmaterial sei gefragt gewesen.  Sie hat im Kassenbereich ihres rund 80 Quadratmeter großen Geschäftes einen zusätzlichen Tisch aufgestellt, ein Schild am Eingang weist auf die geltenden Abstandsregeln hin, eine Glasscheibe für den Kassenbereich ist bestellt. Wetzels freut sich über die Treue ihrer Kunden, viele hätten während der Schließung den Lieferservice genutzt. Auch Sieglinde Ipfelkofer von „Dolce Vita Deko“ ist begeistert von der großen Unterstützung. Jetzt ist die Geschäftsfrau aber froh, dass „die Ladenklingel wieder geht“. Zahlreiche Kunden hätten sich bereits bei ihr gemeldet, einige seien am Montag schon da gewesen.

Eher zurückhaltend ist am ersten Öffnungstag der Zulauf in der Boutique „La Fayette“, schildert Christine Hofstra. Der große Ansturm sei ausgeblieben. Die Kunden, die persönlich im Laden waren, hätten die Zeit zum Plaudern genutzt. Viele seien Stammkunden, denn die Boutique in Waldniel besteht bereits seit 40 Jahren. Auch Paul Lentzen vom Gewerbeverein Schwalmtal spricht von einer großen Unterstützung während der Schließungszeit, zahlreiche Gutscheine seien gekauft, Lieferservices seien genutzt worden. „Der Zulauf war am Montag spürbar: Die Menschen wollten raus“, sagt Lentzen. 

Usch Freitag von der Buchhandlung am Dom kann es ebenfalls kaum erwarten, dass wieder Kunden zu ihr kommen, auch wenn sie zahlreiche Bestellungen abwickeln konnte; den eingerichteten Service mit Bücherengel Gabriel wird es vorerst weitergeben. „Endlich wieder öffnen“, sagt sie. Vor und in ihrem Geschäft hat Freitag Fußumrisse auf den Boden gemalt, um den Sicherheitsabstand zu markieren. Währenddessen bleiben immer wieder Kunden stehen, fragen, wann sie endlich wieder bei ihr einkaufen können.

Brüggen „Es ist mehr als notwendig, dass die Läden wieder öffnen können“, sagt Thomas Prell-Holthausen, Vorsitzender des Gewerberings Brüggen. Zwar habe der Werbering etwa einen Lieferservice und einen Gutscheinverkauf gestartet. Doch diese Maßnahmen könnten nur temporär helfen; die weggebrochenen Einnahmen könnten dadurch nicht kompensiert werden. Auch die jetzige Öffnung sei für Händler und Dienstleister eine Herausforderung, sie müssten die Hygiene- und Sicherheitsvorgaben umsetzen. Ihm fehlen dabei von Seiten der Landesregierung „klare Regelungen“: jeder mache sei eigenes Ding, so sein Eindruck.

Für das Brüggener Ordnungsamt war Tag eins unter gelockerten Bedingungen kein Problem. Laut Brüggens Bürgermeister Frank Gellen (CDU) habe es bei 40 Kontrollen keinerlei Auffälligkeiten gegeben, Bußgelder mussten nicht verhängt werden. In Brüggen können nach den neuen Vorgaben rund 70 Läden und Hofläden wieder öffnen.  „Die Händler gehen sehr sorgsam mit den Vorschriften um“, so der Bürgermeister. Ein Beispiel sind die seit 26 Jahren bestehenden Brüggener Kindermoden. Am Eingang weist ein großes Schild auf die Abstandsregel und die Zugangsbeschränkung hin. Chefin Jana Ingenrieth hat zudem eine Schutzscheibe in den Kassenbereich hängen lassen, Desinfektionsmittel stehen bereit.  Sie lobt ihre Kunden für die Hilfe während der Schließung. „Viele haben weiterhin eingekauft, den Lieferservice genutzt, obwohl ich kein Extra Online-Angebot habe“, sagt Ingenrieth. Einige Kunden seien bereits am Montag bei ihr gewesen, viele hätten sich unterhalten wollen.

Guten Zuspruch gab es auch bei „Pure Living“ in der Fußgängerzone, einige Kundinnen seien sogar aus Mönchengladbach gekommen. „Wir freuen uns sehr, wieder öffnen zu können“, sagt Sandra Wietkamp, die mit Carmen Ansmann zum Verkaufsteam gehört. Auch sie selbst hätten das Geschäft mit zahlreichen schönen Dingen wie Dekorationen und Accessoires vermisst. Über Instagram und Facebook habe man über die Öffnung informiert; die speziellen Hinweise wurden umgesetzt. Für alle, die etwa vor dem Laden warten müssen, steht ein hellblauer Sessel bereit.

Nur wenige Meter entfernt, im Schuhhaus Pechtheyen, ist Inhaber Frank Wirtz ebenfalls zufrieden, dass mit der Öffnung wieder etwas Alltag einkehrt. „Während der Schließung gab es zwar bei uns auch einen Lieferservice“, sagt der Geschäftsmann.  Den werde es jetzt weiterhin geben. Aber der Kontakt zu den Kunden sei dadurch nicht zu ersetzen. Das sieht auch Zureya Himmelmann so, die ein Paar schwarze Schuhe probiert. Verkäuferin Gabi Reichelt berät sie auf Distanz und mit Mundschutz. „Die Leute wollen raus“, meint Frank Wirtz.

Niederkrüchten Mittags in Niederkrüchten war es sehr ruhig. Sogar der Sparkassenbus, der auf dem Parkplatz vor dem Park an der Mittelstraße halt machte, war kaum frequentiert. Voller waren dagegen die Parkplätze vor den Discountern und dem Drogeriemarkt im Gewerbegebiet Dam. Kaum zu sehen: gelbe Nummernschilder.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Fotos: So verlief der erste Tag in den Geschäften im Kreis Viersen