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Bürgermeisterin von Viersen: "Manches wird anders werden"

Neujahrsempfang der Stadt Viersen : Bürgermeisterin Anemüller: „Manches wird anders werden“

Digitalisierung, Klimaschutz, Corona – aber auch das soziale Miteinander waren die Themen, die Viersens Bürgermeisterin Sabine Anemüller (SPD) in den Mittelpunkt ihrer Ansprache beim Neujahrsempfang gestellt hat. Und sie kündigte an: „Manches wird anders werden.“

Unsere Redaktion dokumentiert die Rede der Bürgermeisterin im Wortlaut:

„Liebe Viersenerinnen und Viersener,

heute Abend stehe ich vor unserer wunderschönen Festhalle und möchte Sie einladen, mich zu begleiten zum alljährlichen städtischen Neujahrsempfang. Unsere Festhalle wäre heute wie in den vergangenen Jahren zum Bersten voll gewesen. Mit Ihnen. Mit vielen Menschen, oft 800 an der Zahl. Mit Menschen, die stellvertretend für viele andere Menschen eingeladen werden, da sie für unsere Stadt eine wichtige Funktion ausüben oder ehrenamtlich tätig sind. Mit Menschen aus Sport, Jugend, Kultur, Sozialem, Brauchtum, Wirtschaft, Politik. Eine gute Gelegenheit und ein mir lieb gewordener Termin, um mit Ihnen allen den persönlichen Austausch zu pflegen und die Kommunikationuntereinander zu fördern.

 Doch in diesem Jahr ist vieles anders. Die Corona-Pandemie macht einen Neujahrsempfang in der gewohnten Form unmöglich. Die Festhalle bleibt heute Abend leer.

Doch ich habe mich für ein anderes Vorgehen entschieden: Für eine digitale Neujahrsansprache. Und so heiße ich Sie alle auch im Namen von Rat und Verwaltung der Stadt Viersen virtuell in unserer Festhalle willkommen.

 Zunächst einmal freue ich mich sehr, Sie als bisherige und nach der letzten Kommunalwahl auch als wiedergewählte Bürgermeisterin Viersens begrüßen zu dürfen. Seien Sie versichert, dass mir dieses Amt große Freude bereitet und ich mich mit viel Elan und Motivation für Sie und Ihr Wohlergehen und für die positive Entwicklung unserer Stadt einsetzen werde.

 Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit dem neuen Rat, der sich nach der Kommunalwahl mehrheitlich aus demokratischen Parteien zusammensetzt. Eine rechte Szene scheint sich bei uns in Viersen demnach nicht durchzusetzen. Dazu sage ich: Danke Viersen! Ich bin froh und stolz darauf, Bürgermeisterin dieser Stadt zu sein, in der rechte Kräfte keine Chance haben.

Mir war wichtig, dieser digitalen Neujahrsansprache 2021 ein Motto zu geben: „Viersen denkt weiter.“ Mit diesem Gruß möchte ich Ihnen Mut und Lust machen – Lust auf die Zukunft in Viersen. Wir haben die Corona-Einschränkungen aus der ersten Lockdown-Phase gut bewältigt, haben mit viel Kreativität und Enthusiasmus neue Wege beschritten, um unseren lokalen Handel und die Gastronomie zu unterstützen. Die Wirtschaft nahm wieder Fahrt auf und soziale Kontakte wurden unter Berücksichtigung aller Vorsichtsmaßnahmen erneut möglich.

Dann kam die nächste winterliche Infektions-Welle und die zweite Lockdown-Phase. Niemand weiß derzeit, wann ein Ende abzusehen ist, doch ich hege berechtigte Hoffnung und Zuversicht – mit den nun auch in Viersen begonnenen Impfungen – auf ein Stück weit mehr Normalität im Alltag.

 Doch was ist Normalität? So wie vorher? Ist ein komplettes Zurück zur gewohnten Normalität richtig? Kann nicht die vergangene und noch immer andauernde Zeit der Einschränkungen auch als Chance genutzt werden darüber nachzudenken, in Viersen weiter zu denken, wie wir leben wollen, wie wir künftig nachhaltiger und gesünder leben und wirtschaften wollen? Vielen Menschen erscheint – geprägt und gestärkt durch die Erfahrungen dieser Krise – ein „weiter-so“ nicht sinnvoll, sondern eher ein „weiter-denken“, was wichtig ist.

 Doch was ist wichtig? Für uns persönlich und für unsere Stadt? Sind es nicht für viele von uns die sozialen Kontakte, die das Leben lebenswert machen und jeder Verzicht darauf schmerzt? Mir persönlich ist bewusst geworden, welches soziale Pfund in unserer Stadt vorhanden ist, Bürgerinnen und Bürger, Einwohnerinnen und Einwohner, einfach viele Menschen leben hier mit einem ausgeprägten Gemeinsinn und dem Bedürfnis, einander zu helfen. Einkaufsdienste für ältere Menschen, Unterstützung für Kulturschaffende mit dem Verkauf einer Kulturkerze,Spenden in einem Ausmaß wie noch nie zuvor an gemeinnützige Organisationen oder Geschenke für Kinder mit Hilfe desWeihnachtswunschbaums. Ebenfalls unvergessen der Sommernachtstraum – die Drive-in-Kulturbühne auf dem Hohen Busch mit einem bunten Kultur-Programm, nach dem so viele Kulturangebote Corona zum Opfer fielen.

Das ist wichtig! Für unsere Stadt, in unserer Stadt. Sozialer Zusammenhalt, das Vertraute, das Sich-kennen und die Hilfsbereitschaft, das macht unsere Stadtgesellschaft aus. Hier sehe ich die Stärke unserer Stadt und werde durch Wertschätzung, aber auch mit Förderung und Zuwendung – welcher Art auch immer – dem Vereinsleben, der Kultur und dem Ehrenamt einen wichtigen Platz in unserer Stadtgesellschaft zukommen lassen. Denn Corona hat gezeigt, dass das Miteinander, die Möglichkeit gemeinsamer Erlebnisse, ein Grundbedürfnis darstellt, das die Gesellschaft zusammenhält.

Ein weiterer wichtiger Eckpfeiler besteht in einer dynamischen Wirtschaft, denn sie sorgt für Auskommen, für Arbeit und Leben in unserer Stadt. Daher werde ich mich mit meiner Wirtschaftsförderung insbesondere für die von den Corona-Auswirkungen betroffenen Branchen einsetzen. Mit Beratung, Service und Unterstützung beim Fördermittelmanagement, Finanzierungsfragen aber vor allem bei der Digitalisierung. Denn gerade in diesen Zeiten sichern digitale Strukturen unsere Wirtschaft, unseren Mittelstand, weshalb sich hier Investitionen immer lohnen.

Die Digitalisierung hat nicht nur in der Wirtschaft, auch querbeet bei den Behörden aber auch im Schulbereich durch die Bewältigung der Corona-Krise einen kräftigen Schub erfahren. Insbesondere unsere Schulen will ich für die digitale Welt zukunftsfähiger und fitter aufstellen, um unseren Kindern die beste Schulbildung zu ermöglichen – und zwar unabhängig von der Einkommenssituation der Eltern. Mit Hilfe des Digital-Pakts konnte kürzlich mit der Verteilung von Endgeräten an die Schulkinder sowie an die Lehrkräfte begonnen werden. Mein Ziel ist, in den nächsten zwei Jahren die Schulen und die Lehrkräfte zu befähigen, jederzeit digital unterrichten zu können.

Digitalisierung wird die Arbeitswelt, aber auch unsere gesamteLebenswelt nach und nach erobern und bereichern. Mit besserem Service, mehr Mobilität und Flexibilität. Und doch darf der persönliche Kontakt zu Ihnen nicht fehlen – trotz digitaler Angebote, trotz Home Office und Videokonferenzen. Darauf lege ich auch künftig großen Wert.

Wir haben alle gemeinsam erfahren, wie wichtig, aber auch wiegefährdet unsere Gesundheit und unser Wohlergehen sind. Die Beschäftigten in unserem Gesundheitswesen, in den Krankenhäusern, im Rettungsdienst sind für Sie, für uns im Einsatz. Trotz größter Herausforderungen waren und sind sie jederzeit aufnahmebereit, transportfähig, kurzum für uns da.

 Allen Menschen, die in diesen Corona-Zeiten unseren Lebensalltag aufrechterhalten haben, möchte ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen, für ihre Einsatzbereitschaft, für ihr Engagement, für ihren Dienst an und in der Gesellschaft. Ich bin sicher, dass heute die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher, der Lehrerinnen und Lehrer, der Pflegekräfte, der Sanitäterinnen und Sanitäter, der Busfahrerinnen und Busfahrer einen anderen, einen höheren Stellenwert einnimmt. Und auch den vielen Menschen im Einzelhandel gebührt Dank und Anerkennung.

 Ich möchte auch ausdrücklich den kommunalen Ordnungsdienst erwähnen. Mir ist bewusst, dass sie nicht immer zu jedermanns Freude beitragen, da sie – so wie es ihr Job ist – für Recht und Ordnung sorgen, und nicht jeder hält sich immer an Regeln und Vorschriften. Da kommen dann neben Ermahnungen auch mal Bußgelder zustande.

Doch denken Sie bitte daran, dass auch diese Kräfte ihre Aufgabe im Sinne der Allgemeinheit verrichten und nicht, weil sie uns ärgern wollen. Sie haben nicht verdient, angepöbelt, beschimpft oder bespuckt zu werden. Im Gegenteil, auch sie sorgen für unser Wohlergehen und unseren Schutz.

 Ich will auch auf die finanzielle Situation in Viersen eingehen. Sie wissen, dass mit viel Anstrengung und Sparwillen vor einem Jahr die Haushaltssicherung beendet worden ist, dass eine solide mittelfristige Finanzplanung erarbeitet wurde, die uns in die Lage für viele notwendige Investitionen in den nächsten Jahren versetzt. Sie wissen auch, dass seit mehreren Jahren schon eine enorme Bautätigkeit – privat wie gewerblich – zu verzeichnen ist, dass Handwerk und Mittelstand in Viersen boomen, die Gewerbegebiete expandieren und auch der Einzelhandel in der Viersener Innenstadt Lebendigkeit und Attraktivität ausstrahlt, nicht zuletzt durch eine gute Mischung von Einzelhandel, Wohnen, Gastronomie und vielen Festen und Veranstaltungen.

 Daher bin ich sicher, die Auswirkungen der Corona-Einschränkungen zügig zu überwinden, mit finanziellen Hilfen, aber vor allem mit eigener Wirtschaftskraft und mit neuen Ideen. Mit Förderprojekten für die Stadtteilzentren in Dülken und in Süchteln sowie mit dem neuen Modell der Einkaufsstadt 2030 werden die entsprechenden Impulse gesetzt.

 Ich will Viersen weiterdenken und fit machen für die Zeit nach Corona und anspornen zu Kreativität und Innovation. Zusammenkommen und persönliche Begegnungen werden sicher wieder möglich werden und irgendwann werden auch wieder gemeinsame Feiern unproblematisch. Aber manches wird anders werden, manches werden wir anders angehen, bewusster und nachhaltiger, denn manches hat uns zum Nachdenken gebracht. Nicht immer ist ein Mehr, ein Weiter, ein Größer sinnvoll, sondern das Besinnen auf das Wesentliche, auf das, was wichtig ist.

Bestes Beispiel dafür ist der Klimaschutz. Klimaschutz und Gesundheit bedingen sich nach meiner Meinung sehr. Nur auf einer gesunden Erde können auch gesunde Menschen leben. Daher ist die Pandemie durchaus auch als Ausdruck einer Klimakrise zu begreifen. Beide Krisen gehören zusammen betrachtet und angegangen. Und damit meine ich den Erhalt der Lebensgrundlagen für Mensch, Natur und Tier.

Dem Klimaschutz und damit einhergehend der Gestaltung einer modernen Mobilität werde ich all meine Aufmerksamkeit widmen. Auch bei dieser Herausforderung setze ich auf digitale Unterstützung.

Neue Parksysteme an zentralen Punkten unserer Stadt wie an den Bahnhöfen, intelligente Logistik und Verkehrssysteme könnendigitalisiert unseren Lebensraum nicht nur angenehmer, sondern auch gesünder machen.

Mit der Vision einer digitalen Stadt werden wir viele andere wichtige und zukunftsweisende Themen miteinander verbinden. Klimaschutz, Mobilität, Energie, Wirtschaft, Bildung, Infrastruktur aber auch Ordnung und Sicherheit werden künftig nicht ohne Digitalisierung weitergedacht werden können.

 Mit intelligenten Lösungen und zukunftsträchtigen Technologien will ich mit Ihnen gemeinsam das Ziel verfolgen, unsere Stadt Viersen nicht nur lebenswert zu erhalten, sondern zukunftsfähig und innovativ zugestalten.

 Dabei will ich Sie mitnehmen, denn keine digitale Strategie funktioniert ohne Teilhabe und Partizipation der Stadtgesellschaft. Und das sind Sie, Sie alle. Mein Ziel ist, dass eine digitale Stadt nicht nur den Menschen dient, die sich mit digitalen Herausforderungen auskennen, sondern für alle Menschen gleichermaßen von Nutzen sein soll. Darin sehe ich die größte Herausforderung der digitalen Zukunft.

 In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein Frohes Neues Jahr 2021 mit der Zuversicht auf bessere gesundheitliche Rahmenbedingungen mit wieder mehr sozialen Kontakten, mit mehr Freude und Ausgelassenheit beim Zusammenkommen, aber lassen Sie uns gleichzeitig aus dieser Zeit der Einschränkungen aber auch derBesinnung Positives für unsere Zukunft mitnehmen.

Lassen Sie uns gemeinsam Viersen weiterdenken.