Brüggen: Der Arzt und Forscher Wildor Hollmann lernt das Tanzen

Brüggen: Ein Tanz aufs Leben

Nach ihm sind eine Straße in seinem Wohnort Brüggen und ein renommierter Forschungspreis benannt. Wir trafen den Sportmediziner und emeritierten Hochschulprofessor Wildor Hollmann (93) in der Tanzschule. Dort lernt er.

Wenn es heute überall heißt, 60 sei das neue 45, wenn immer mehr Menschen auch im fortgeschrittenen Lebensalter noch fit sind, wenn bewusste Ernährung und der achtsame Umgang mit dem eigenen Körper immer mehr zum gesellschaftlichen Konsens werden – dann ist das ein Stück weit auch dem Mann zuzuschreiben, der gerade in einer Brüggener Tanzschule mit seiner Tanzpartnerin einen langsamen Walzer aufs Parkett legt.

„Wildor ist ein guter Schüler, er ist sehr ehrgeizig.” Monika Wellmanns, Weltmeisterin 1989 im Rock’n‘ Roll-Tanz und Betreiberin der Tanzschule Happy Dance, ist voll des Lobes für ihren ältesten Schüler, den 93-jährigen Sportmediziner Wildor Hollmann. Seit drei Jahren ist sie persönliche Tanztrainerin und Tanzpartnerin für den Arzt und Wissenschaftler. Ihn als lebende Legende seines Berufsstandes zu bezeichnen, stellt keine Übertreibung dar.

 Nach dem Grund für seinen Entschluss befragt, mit 91 Jahren noch das Tanzen zu erlernen, gibt Wildor Hollmann eine ganz pragmatische Erklärung. „Ich bin Präsident zahlreicher Institutionen. Damit kommt mir auf Bällen und Festivitäten oft die Pflicht zu, die Veranstaltung mit einem Ehrentanz zu eröffnen.“ Mit einem schelmischen Lächeln fügt er hinzu: „Ich wollte da endlich nicht mehr improvisieren müssen.”

Jene überdurchschnittliche Lernfähigkeit und Auffassungsgabe, die den hochbetagten Tanzschüler auszeichnen, haben Wildor Hollmann sein Leben lang begleitet und wohl nicht unwesentlich zu seiner außerordentlichen Berufskarriere beigetragen. „Ich habe das große Glück, ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis zu besitzen”, sagt Hollmann. So könne er Inhalte von Publikationen die er in den 1950er-Jahren gelesen habe, heute noch referieren. Auch Vorträge hält der Sportmediziner grundsätzlich ohne Manuskript. Gut gemeinte Ratschläge wie den eines Forscherkollegen, sich für einen wichtigen Vortrag doch „zur Sicherheit” besser ein Manuskript in der Hinterhand zu bewahren, schlug er stets aus. „Der Krieg hat mir jede Aufregung genommen”, so die Begründung des Mannes, der im Zweiten Weltkrieg dreimal verwundet wurde und mehr als zwei Jahre in Kriegsgefangenschaft verbrachte.

Das Fahrrad-Ergometer in der Diagnostik und das Blutdruckmessgerät für jedermann sind Errungenschaften, die heute aus dem medizinischen Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Entwickelt wurden sie von Wildor Hollmann und seinem Team an dem von ihm 1958 gegründeten Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin in Köln. Dort führten er und seine Mitarbeiter zahlreiche Untersuchungen und Programme durch, die der modernen Präventivmedizin den Weg bereiteten. Die komplexen kausalen Zusammenhänge zwischen Gesundheit, körperlicher Bewegung und Ernährung, die Relevanz der Risikofaktoren Übergewicht, Bluthochdruck und erhöhten Blutzuckerwerten – dort wurden sie in Testreihen wissenschaftlich belegt.

„Mein Großvater war Arzt im Sauerland. Deshalb interessierte mich der Beruf schon von jungen Jahren an, und es war eigentlich klar, dass ich einmal in seine Fußstapfen treten wollte“, sagt Hollmann. „Gleichzeitig verschlang ich als Schüler zahlreiche Bücher zu ganz unterschiedlichen Gebieten der Wissenschaft – von Chemie bis hin zur Astrophysik.“ Diese Dinge hätten ihn fasziniert. „Als ich 14 oder 15 war, fragte ich den Opa, ob es nicht eine Möglichkeit gebe, beide Berufe zu verbinden – Arzt und Forscher.” Dessen Antwort: „Dafür musst du Professor werden und das ist für unsereins unmöglich.”

Wie im Flug ist die Zeit vergangen im Gespräch mit dem Mann, der auch 28 Jahre nach seiner Emeritierung im Jahr 1990 unverändert aktiv am Wissenschaftsbetrieb teilnimmt. Von zu Hause aus arbeitet er per Internet täglich mit den Kollegen im Institut, an der Sporthochschule Köln hält er regelmäßig Vorlesungen und betreut neun Doktoranden. Für heute bleibt nur die eine Frage: „Ist noch Zeit für einen Tango?”

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