Ungewöhnliche Aktion in Brüggen „Lasst uns reden!“ Bürgermeister Frank Gellen (CDU) lädt 1002 AfD-Wähler ein

Brüggen · Warum haben sich 12,4 Prozent der Wähler in Brüggen bei der Europawahl für die AfD entschieden? Der Bürgermeister kann es sich nicht erklären, will es aber verstehen. Darum macht er den Anhängern der Partei ein Angebot.

 Brüggens Bürgermeister Frank Gellen (CDU) lädt die 1002 AfD-Wähler in seiner Gemeinde zum Gespräch ein.

Brüggens Bürgermeister Frank Gellen (CDU) lädt die 1002 AfD-Wähler in seiner Gemeinde zum Gespräch ein.

Foto: Knappe, Joerg (jkn)

Vor einer Wahl wenden sich Politiker gerne intensiv an die Wähler. Nach einer Wahl ist das eher ungewöhnlich, erst recht, wenn man als Bürgermeister auch Amtsträger einer Kommune ist. Frank Gellen, Bürgermeister der Burggemeinde Brüggen und CDU-Mitglied seit 2009, hat es jetzt nach der Europawahl getan: In einem langen Text, den er im Infoportal der Burggemeinde auf Facebook veröffentlicht hat, wendet sich Gellen an die 1002 Bürger seiner Gemeinde, die am 9. Juni der AfD ihre Stimme gegeben haben. Als Bürgermeister der „wunderbaren“ Burggemeinde könne er nicht anders, als seine „tiefe Enttäuschung und Irritation auszudrücken“. Ein solches Abstimmverhalten sei eine „Niederlage der Vernunft, eine Niederlage für die Menschlichkeit, eine Niederlage bei dem Versuch, Spaltungen zu schlichten“.

Doch Gellen lässt es bei Schelte nicht bewenden. Er macht den 1002 AfD-Wählern in seiner Gemeinde auch ein Angebot: „Man muss doch ins Gespräch und zu Lösungen kommen können, ohne unser Land in die Hände von Politiknazis zu geben. Lasst uns reden!“ Wenn sich bis Ende Juni mindestens fünf der 1002 Brüggener AfD-Wähler persönlich bei ihm melden, will Gellen sie zu einem Gespräch ins Rathaus einladen.

Mit 12,4 Prozent der Wählerstimmen hat die AfD in Brüggen noch nicht mal ihr bestes Ergebnis im Kreis Viersen eingefahren. In Nettetal holte sie 12,6, in Niederkrüchten gar 13,9 Prozent. Zu der ungewöhnlichen Einladung zur Diskussion hat sich Gellen nach einigem Nachdenken dennoch entschlossen. „Wenn die AfD 19 Prozent in einem Stimmbezirk bekommt, in dem kein Hochhaus steht, in dem es fast nur Einfamilienhäuser gibt, durch den keine Autobahn geht, in dem die Welt noch in Ordnung ist, dann frage ich mich: Was kann dort die Motivation sein, die AfD zu wählen“, erklärte Gellen im Gespräch mit unserer Redaktion.

Dass es Anlässe gebe, von der Politik enttäuscht zu sein, bestreitet Gellen nicht. „Bei all dem, was die etablierten Parteien falsch machen, ob in Berlin, Düsseldorf oder in anderen Landeshauptstädten, kann man manchmal wirklich das Vertrauen in Politik verlieren“, schreibt der Bürgermeister in seinem Post. Und zählt Beispiele auf: „Überbürokratisierung, Heizungsgesetz, Migrationspolitik, Energiekosten, Wirtschaftsschwäche und noch so viel mehr stören mich persönlich auch und bringen mich hin und wieder an den Rand meines Vertrauens an die Vernunft in der Politik.“ Gleichwohl dürfe man aus Frust darüber „niemals eine Partei wählen, bei denen Mitglieder die millionenfache ,Remigration’ nichtdeutscher Menschen diskutieren“.

Diesen Standpunkt einfach nur zu markieren, ist Gellen freilich zu wenig. „Man kann das nicht immer nur verteufeln, man muss auch miteinander sprechen“, sagt er. In der Hoffnung, vielleicht zu einer Annäherung zu kommen und „die abzuholen, die noch abholbar sind“. Die erhofften fünf Diskussionsteilnehmer hatte Gellen gestern, einige Stunden nach seinem Facebook-Post noch nicht beisammen. Aber immerhin gab es bald schon mehr als 200 Likes und mehr als drei Dutzend Kommentare, die meisten davon waren positiv, etliche zollten Respekt für die Aktion. Ein Kommentator setzte hinzu, diese komme „nur leider zehn Jahre zu spät“.

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