1. NRW
  2. Städte
  3. Viersen

Viersen: Braucht der Kreis ein Schlaganfallzentrum?

Viersen : Braucht der Kreis ein Schlaganfallzentrum?

Beim Schlaganfall müssen Patienten so schnell wie möglich versorgt werden. Das können reguläre Krankenhäuser. Experten halten Schlaganfallzentren aber für besser geeignet.

Viereinhalb Stunden geben Mediziner einem Schlaganfall-Patienten. Wenn er innerhalb dieser Zeitspanne behandelt und der Hirnschlag im Idealfall aufgelöst wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient überlebt und zurückbleibende Behinderungen weniger schwerwiegend sind.

Institutionen wie die Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe raten, dass Patienten schnell in Stroke Units behandelt werden sollen. Diese Schlaganfallzentren in Krankenhäusern sind auf die Behandlung von Patienten mit Hirninfarkten spezialisiert und bieten einige Therapie- und Diagnoseformen an, über die reguläre Krankenhäuser nicht verfügen. Da es im Kreis Viersen keine Stroke Unit gibt, sollen die Patienten in den nächstgelegenen Zentren versorgt werden: in der Helios-Klinik in Krefeld und dem Krankenhaus Maria Hilf in Mönchengladbach.

Doch nun wundern sich die Vertreter der Krankenkassen. Die Mehrheit der Patienten aus dem Kreis wird offenbar nicht in diese Schlaganfallzentren gebracht — mit ungewissen Folgen.

Vor einigen Monaten landete eine Beschwerde auf Heinz Frohns Schreibtisch, dem Regionalleiter der Krankenkasse AOK und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen im Kreis Viersen. Ein Viersener beklagte sich, dass er mit einem Schlaganfall nicht in einer Stroke Unit behandelt wurde, sondern in einem Krankenhaus ohne diese Spezialabteilung. "Das kam mir merkwürdig vor", sagt Frohn.

  • Das kostet die Pflege
  • Hintergrund : Die Pflegestufen im Überblick
  • Fotos : Rentner rocken im Altersheim

Er begann, die Daten seiner Versicherten auszuwerten. In Deutschland gibt es kein Register, in dem alle Schlaganfälle mit dem Ort der Behandlung verzeichnet werden. Da aber ein Viertel der Menschen aus dem Kreis Viersen AOK-Kunde ist, lässt sich aus den Daten der Versicherung eine Tendenz ablesen.

Frohn stellte fest, dass bei der AOK versicherte Schlaganfallpatienten aus Mönchengladbach und dem Kreis Viersen vergleichsweise selten in Stroke Units behandelt werden. 2011 wurden 62 Prozent der Patienten mit der Entlassdiagnose Schlaganfall in einem regulären Krankenhaus behandelt, aber nur 38 Prozent in einer Stroke Unit. In Mönchengladbach liegt der Anteil mit 58 Prozent höher, in Remscheid, Aachen und Duisburg beträgt er sogar etwa 90 Prozent. Daten des zweitgrößten Versicherers Barmer GEK für die Region Krefeld—Kreis Viersen zeigen ebenfalls, dass mehr als die Hälfte ihrer Versicherten mit Schlaganfall nicht in Stroke Units gebracht werden.

Ob dies dazu führt, dass die Patienten schlechter versorgt sind, weiß Frohn nicht. Auch reguläre Krankenhäuser können Schlaganfälle behandeln — und laut der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe gibt es keine umfassenden Studien in Deutschland darüber, ob die Behandlung dort schlechter ist als in Stroke Units. AOK-Regionalleiter Frohn will deshalb die Daten seiner Versicherten auf die Frage überprüfen, ob sich der Ort der Behandlung auf die weitere Gesundheit ausgewirkt hat.

Die Entscheidung über den Ort der Behandlung fällt meist kurz nach dem Notruf. Zeigt der Patient Schlaganfall-Symptome, informiert der Rettungsdienst einen Notarzt. "Der Notarzt entscheidet, wohin ein Patient primär gebracht wird", sagt Guido Hullmann, der ärztliche Rettungsdienstleiter im Kreis Viersen. Vorher frage der Arzt, welche Schlaganfalleinheit verfügbar ist — in Mönchengladbach gibt es 13, in Krefeld zwölf Betten. Danach spricht er mit einem Neurologen auf der Stroke Unit. Die Ärzte beschließen gemeinsam, wo der Patient behandelt werden soll.

Dr. Thomas Axer, Geschäftsführer des Allgemeinen Krankenhauses Viersen, hält es für möglich, dass die Ärzte aufgrund der langen Anfahrtswege insbesondere bei instabilen Fällen oder nicht mehr "frischen Symptomen" entscheiden, dass das nächstgelegene Krankenhaus und nicht die Stroke Units angefahren werden. Laut Hullmann dauert es nach dem Notruf bis zu 50 Minuten, bis ein Patient aus dem Kreis das Schlaganfallzentrum erreicht. Gemessen daran, dass die Behandlung innerhalb weniger Stunden erfolgen soll, erscheint dies lang. "Vielleicht wäre es sinnvoll, noch einmal über eine Stroke-Unit im Kreis Viersen nachzudenken", sagt Axer. Ein Versuch vor einigen Jahren war gescheitert, da kein Krankenhaus im Kreis eine Neurologie hat. Diese gilt als Voraussetzung für Stroke Units.

Frohn schätzt, dass er noch einige Monate für seine Untersuchung über die Folgen des Behandlungsortes brauchen wird. Sollte er feststellen, dass sich die seltene Versorgung in Stroke Units negativ auf die Gesundheit der Patienten auswirkt, will er sich entweder dafür stark machen, dass die Patienten aus dem Kreis häufiger in eine der umliegenden Stroke Units gebracht werden, oder für ein Schlaganfallzentrum im Kreis werben. Die Barmer GEK hat angekündigt, dass sie sich einem Appell für eine Stroke Unit im Kreis anschließen würde. FRAGE DES TAGES

(RP)