Ausstellung „Meter, Maire und Code Civil – Französische Herrschaft am Rhein“ in Viersen zeigt, wie begehrt die Zuckerrübe schon damals war

Zucker in Viersen : Wie die Zuckerrübe nach Viersen kam

Dass Rübenzucker hierzulande schon Anfang des 19. Jahrhunderts ein begehrtes Produkt war, zeigt die Ausstellung „Meter, Maire und Code Civil – Französische Herrschaft am Rhein“ in der Villa Marx.

Das Bild ist in jedem Herbst dasselbe: Sobald am Niederrhein die Zuckerrübenernte eingefahren ist, setzen sich Kolonnen von hochbeladenen Treckern in Bewegung. Ihr Ziel: die großen Zuckerfabriken, wo aus dem heimischen Produkt Saccharose gewonnen wird. Dass Rübenzucker hierzulande schon Anfang des 19. Jahrhunderts ein begehrtes Produkt war, zeigt die Ausstellung „Meter, Maire und Code Civil – Französische Herrschaft am Rhein“ in der Villa Marx in Viersen auf.

Wie Britta Spies, die Kuratorin der Ausstellung, erläutert, wurde Zucker im 18. Jahrhundert noch aus Zuckerrohr gewonnen, das aus der Karibik stammte. England hatte sich nach der Eroberung von Barbados und Jamaika zum wichtigsten Zuckerproduzenten entwickelt, zumal zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch die Insel Mauritius im Indischen Ozean mit ihren großen Zuckerrohrfeldern zur britischen Kolonie wurde.

Unter anderem im Stadtteil Süchteln werden Zuckerrüben angebaut und geerntet – zum Beispiel von Lohnunternehmer Willi Draack und Landwirt Alexander Platen. . Foto: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)

Nachdem Napoleon 1806 ein totales Einfuhrverbot für englische Waren verhängt hatte, erfuhr der Anbau von Zuckerrüben in Frankreich und Deutschland einen bis dahin nicht gekannten Aufschwung. Bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts wusste man, dass die heimische Zuckerrübe Saccharose enthielt, also denselben chemischen Rohstoff wie das exotische Zuckerrohr. In Deutschland und Frankreich entstanden zahlreiche, oft staatlich geförderte Zuckerfabriken. Einer der Pioniere des Rübenzuckers am Niederrhein war der Gelehrte Johann Friedrich Benzenberg (1777–1846), Professor für Physik und Chemie und Gründer der Düsseldorfer Sternwarte in Bilk.

1811 kaufte er das von Napoleon aufgelöste Kreuzherrenkloster in Brüggen und richtete dort eine Zuckerfabrik ein. Benzenberg beschäftigte sich in Brüggen „mit dem Akklimatisieren fremder Pflanzen und Produkte“ und kam zu dem Schluss, dass der Anbau von Zuckerrüben am Niederrhein eine Erfolg versprechende Zukunft habe: „Die Runkelrübe liefert vier Monate nach der Aussaat einen schönen Zucker (…). Wir haben 2000 Center Rüben gehabt, welche uns, wie ich hoffe, 10.000 Pfund Zucker geben sollen. (…). Die Chemie und die Mechanik haben mir gute Dienste geleistet“, zitiert Kuratorin Spies aus einer Abhandlung Benzenbergs. Dieser sagt voraus: „Die Zuckergewinnung wird für den Landmann ein ebenso einträgliches Gewerbe wie die Branntweinbrennerei und in 25 Jahren wird, so glaube ich, kein indischer Zucker mehr nach Europa eingeführt.“ Beim Letzteren irrte der Gelehrte: Nach Aufhebung der Kontinentalsperre 1813 überschwemmten die Briten den europäischen Markt mit preiswertem Rohrzucker. Der Rübenzucker war nicht mehr konkurrenzfähig, viele Fabriken schlossen wieder. Auch Benzenberg gab die Zuckerfabrik auf. Aber schon nach einigen Jahren erwachte das Interesse am heimischen Süßmittel wieder, und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Produktion von Rübenzucker am Niederrhein zu einem wichtigen Wirtschaftszweig.

1811 kaufte Johann Friedrich Benzenberg das von Napoleon aufgelöste Kreuzherrenkloster und richtete dort eine Zuckerfabrik ein. Foto: Barbara Jacoby

Laut Angaben der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ) werden heute in Deutschland auf einer Anbaufläche von rund 375.500 Hektar Zuckerrüben angebaut. Der geschätzte Zuckerrübenertrag liege bei 68,7 Tonnen pro Hektar. Für die Kampagne 2019 erwartet die WVZ eine Rübenanlieferung von knapp 26 Millionen Tonnen. Die daraus erzeugte Zuckermenge werde auf rund 4,2 Millionen Tonnen geschätzt.

Der Gelehrte Johann Friedrich Benzenberg, zu sehen in einer Schwarz-Weiß-Abbildung eines Gemäldes von Bodo von Hopfgarten von 1834. Foto: Stadtmuseum Düsseldorf

Die Branche sei aber in Sorge um die Zukunft des Zuckerrübenanbaus, so die WVZ: „Die fortdauernden Wettbewerbsverzerrungen zu Lasten deutscher Anbauer bei Pflanzenschutzmitteln und Sonderprämien für den Rübenanbau lassen einen weiteren deutlichen Rückgang der Anbaufläche in 2020 befürchten.“