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Ausstellung in Viersen vermittelt den Zauber der Poesiealben

Ausstellung : Der Zauber der Poesiealben

Am Montag eröffnet die Frauengemeinschaft St. Marien Hamm eine außergewöhnliche Ausstellung: Sie trugen mehr als 40 Poesiealben aus verschiedenen Jahrzehnten zusammen. Eine gereimte Zeitreise zurück bis in den Ersten Weltkrieg.

„Rosen, Tulpen, Nelken, diese Blumen welken, nur die eine Blume nicht, diese heißt Vergissmeinicht!“ Wer kennt diesen Spruch nicht? Millionenfach niedergeschrieben und ebenso oft gelesen in diesen kleinen geheimnisvollen Büchlein, die – oft mit Schloss und Schlüssel versehen – gerne zur Erstkommunion verschenkt wurden: dem Poesiealbum.

Wer nach 50 Jahren einen solchen Spruch liest, erinnert sich an „Deine Freundin Margarete“, die so etwas an einem Nachmittag des Jahres 1969 liebevoll auf eine Seite des kleinen Bändchens geschrieben hat. Erinnert sich an gemeinsame Schultage, denkt daran, wie nett oder wie blöd sie war. Freut sich über Glanzbilder, die die linke Seite neben dem Spruch schmücken.

Die katholische Frauengemeinschaft (kfd) von St. Marien Hamm hat sich mit der Gemeindereferentin Marita Eß etwas Besonderes einfallen lassen. Sie haben aus der Gemeinde und dem Freundeskreis fast 40 alte, dicht beschriebene Poesialben ausgeliehen und zeigen sie von heute an im Pfarrheim St. Marien Hamm.

Poesiealben sind wahre Schatztruhen voller Hinweise auf Zeitgeschichte, Moden und private Geschichten. „Überdies erinnern sie an längst Verstorbene“, wie Birgit Busch aus dem kfd-Team erklärt. Ursprünglich, so weiß sie zu berichten, war das Poesiealbum eine reine Männerdomäne. In den sogenannten Stammbüchern aus dem 16. Jahrhundert sammelten die Studenten kluge Sprüche und Unterschriften ihrer Professoren, die sie auf diese Weise nebenher auch für ein Studium an einer anderen Universität empfahlen. Daraus entwickelten sich später die liebevoll gestalteten Erinnerungsbücher der höheren Töchter, Vorläufer der Poesiealben. Ebenfalls aus dem Jahr 1969 stammt das unvermeidliche Don-Bosco-Zitat: „Froh sein, Gutes tun, und die Spatzen pfeiffen lassen“ – am erfrischendsten ist dabei noch das zweite „f“.

„Lebe Glücklich, lebe Froh wie der Mops im Hafferstroh“ heißt es ebenfalls in den 1960er-Jahren. Und diese Spruch ist zeitlos – leicht verwandelt lautet er 2001: „Lebe glücklich, lebe froh wie das Bärchen Haribo, das in der Tüte saß und die anderen Bärchen aß.“

Die ältesten Poesiealben, die das kfd-Team gesammelt hat, stammen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Und klingen auch so: „Bleibe artig, bleibe gut, bleibe unter Gotteshut, mache deinen Eltern Freude, tue niemand was zu Leide. Dann liebt jeder Gute dich und Gottes Engel freuet sich.“ Liest man die Unterschrift: „In deutscher Heldenzeit gewidmet“, bleibt dem Leser das Lächeln im Halse stecken.

Die Aufforderung zur Elternliebe war in den 10er- und 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts Standard. 1922 klang das so: „Ein Mutterherz gern duldet. Es opfert, es vergibt und leidet unverschuldet fürs Kind, das treu es liebt.“

Aber auch Humorvolles entdeckt man aus demselben Jahr: „Wenn Dich die Lästerzunge sticht, so lass Dir das zum Troste sagen: Die schlechtesten Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen!“

Und heute? Wer hat noch ein Poesiealbum? Ist Facebook das neue Poesiealbum? Viele Freunde finden, Kommentare posten – so weit entfernt ist das nicht vom Poesiealbum. Nur eben digital. Und auch nach 100 Jahren noch gut lesbar. Die Poesiealben, so Uschi Scherer, zeugen von tiefer Verbundenheit und einem Dazugehören – das spiegelt auch die Katholische Frauengemeinschaft wider.

Aber auch das findet sich in einem Poesiealbum von 2001: „Liebe Annika, du erkänst stets, das Giovanni in dich steht. Doch denoch wünsche ich dir Glück und viel Erfolg. Und doch bleibe froh und glücklich, bis dein Leben in die brüsche geht. Dein Ali P.S. Schlag Giovanni zusammen“  – übrigens ist das der letzte Eintrag in dem Büchlein.