Schwalmtal: Aus der Vergangenheit lernen

Schwalmtal: Aus der Vergangenheit lernen

Für seine Doktorarbeit wertete Bethanien-Kinderdorfleiter Dr. Klaus Esser Fragebögen an rund 350 ehemalige Heim- und Kinderdorfkinder aus. Die Ergebnisse sollen in die künftige Arbeit einfließen.

Manche sagen, die Zeit im Kinderdorf sei die schönste ihres Lebens gewesen. Sie erinnern sich an Ausflüge, daran, dass "immer jemand da war zum Spielen", an Musik und den Spaß in der Gemeinschaft. Manche erinnern sich an Demütigungen, auch an Prügel. So berichtet ein ehemaliges Heim- oder Kinderdorfkind: "Ich bekam Schläge und musste stundenlang in Unterwäsche im kalten Keller Strafarbeiten schieben. Ich wurde nie um meiner selbst Willen geliebt, sondern bekam nur etwas Anerkennung, wenn ich eine Eins heimbrachte." Dennoch: Im Durchschnitt bewerten ehemalige Heim- und Kinderdorfkinder ihre Zeit in der Einrichtung mit der Note 1,7.

"Ein erstaunlich guter Wert", sagt Dr. Klaus Esser, Leiter des Kinderdorfs Bethanien in Waldniel. Für seine Doktorarbeit entwickelte er gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) einen Fragebogen, der 2008 an Ehemalige von sechs katholischen Kinderheimen und -dörfern verschickt wurde — sofern in den Einrichtungen noch die Adressen der Ehemaligen vorhanden waren. Denn die werden vielerorts nicht systematisch gesammelt, auch in Waldniel nicht. Insgesamt wurden 1550 Fragebögen verschickt, 344 kamen zurück. Das Kinderdorf Waldniel verschickte 300 Bögen, davon kamen 98 zurück. Beim Ehemaligentreffen des Kinderdorfs Bethanien stellte Esser jetzt einige Ergebnisse der Befragungen vor. Im kommenden Jahr soll ein Buch erscheinen, das die Ergebnisse der Befragung Fachleuten und Interessierten vorstellt. Esser, seit 19 Jahren in Waldniel tätig, arbeitete sieben Jahre lang an seiner Doktorarbeit, "nicht täglich, aber in jeder freien Minute", wie er schmunzelnd berichtet.

  • Schwalmtal : "Bezugspersonen für Kinder sehr wichtig"

Für die Beantwortung sollten die Befragten zum Teil Noten verteilen (1 steht für "sehr gut", 5 für "sehr schlecht), andere Fragen waren offen formuliert, so dass viele dazu schrieben, an welche guten oder schlechten Erfahrungen sie sich erinnerten. 37 Prozent der Befragten erinnern sich an schlimme Erfahrungen, die sie bis heute nicht loslassen. "Diese Zahl hat uns sehr erschreckt", gibt Esser zu, "aber für uns ist das ein Auftrag, uns mit diesen Erfahrungen auseinanderzusetzen und zu fragen, was man verändern kann." Befragte, die nach 1990 in den Heimen und Kinderdörfern waren, berichteten nicht mehr von körperlicher Gewalt, "für sie waren eher Demütigungen traumatisierend — und mitzubekommen, wie andere Kinder ungerecht behandelt werden", sagt Esser. Drei Befragte berichten von Missbrauchsfällen — Esser zufolge aber nicht aus Waldniel.

Vielleicht sind mehr Ehemalige betroffen, doch weil die Fragebögen nicht alle Ehemaligen erreichten und "einige Zeilen auf solchen Bögen kaum der richtige Platz sind, von solch traumatisierenden Erlebnissen zu berichten", wie Esser erklärt, weiß man das nicht. Für alle, die von schlimmen Erfahrungen berichten möchten, hat der Orden der Dominikanerinnen von Bethanien eine externe Beraterin eingesetzt, die für Gespräche zur Verfügung steht, sie ist telefonisch und per E-Mail erreichbar. "Viele gucken nicht auf diese dunkle Seite, aber das müssen wir tun und uns als Gesprächspartner anbieten", sagt Esser, "wir signalisieren offen, dass wir zur Verfügung stehen". 2006 wurde ein interner Leitfaden für die Einrichtung entwickelt, "wir wollen unter allen Umständen verhindern, dass hier Pädophile arbeiten", so Esser weiter. "Auch die Kinder wissen, an wen sie sich im Fall der Fälle wenden können."

(RP)
Mehr von RP ONLINE