Am 9. November 1918 brannte in Viersen-Dülken die Synagoge

Pogromnacht in dülken: Als die Synagoge in Dülken brannte

Vor 80 Jahren wurde das jüdische Gotteshaus, das damals gegenüber der Christuskirche stand, in Brand gesteckt. Der evangelische Pfarrer Wilhelm Veit riskierte sein Leben, um die Geschehnisse der Nacht zu dokumentieren.

In der Nacht des 9. November 1938 steht die Synagoge an der damaligen Bahnhofstraße in Viersen-Dülken, der heutigen Martin-Luther-Straße, in hellen Flammen. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, befindet sich eine evangelische Kirche, die Christuskirche. Als die Flammen aus dem Dach der Synagoge schlagen, steht der evangelische Pfarrer Wilhelm Veit gegenüber im Turm der Kirche – und macht Fotos.

Die SA-Männer, die vor der Synagoge stehen, entdecken den Pfarrer im Turm, und fordern, dass die Bilder vernichtet werden. Vor den Augen der Männer zieht Pfarrer Veit den Film aus der Kamera, belichtet ihn dadurch. Die SA-Leute glauben, dass die Negative damit zerstört sind. Was sie nicht wissen: Veit hat den Film mit den Aufnahmen der brennenden Synagoge im Kirchturm versteckt – und gerade einen anderen, leeren Film zerstört.

Am 9. November 1938 brannte die Synagoge in Dülken.⇥Foto: Kreisarchiv Foto: Kreisarchiv Viersen

Vor 80 Jahren wurden überall in Deutschland jüdische Gotteshäuser in Brand gesetzt. Jüdische Geschäfte wurden zerstört, tausende Juden wurden misshandelt, verhaftet oder getötet. Das war auch in Dülken so: Am Morgen nach dem Brand der Synagoge wurden Dülkener Juden aus ihren Betten getrieben, gefoltert, gedemütigt. Ihre Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört. „Organisiert war die ,Reichskristallnacht’ in Dülken von außen“, berichtete Pfarrer Veit später. „Es bestanden konkrete Anweisungen an SS, SA, Polizei und Feuerwehr.“ Auch die SA-Leute, die an der brennenden Synagoge standen, seien nicht aus Dülken gewesen, sagte Veit.

Wilhelm Veit war von 1936 bis 1978 Pfarrer in Dülken.⇥Repro: Knappe Foto: Knappe, Jšrg (jkn)

Als die Dülkener Synagoge ein Raub der Flammen wurde, war Veit gerade 30 Jahre alt. 1936 hatte ihn die evangelische Gemeinde, die sich kurz zuvor der bekennenden Kirche angeschlossen hatte, zum Pfarrer gewählt. Mit den Juden, die damals in Dülken lebten, pflegte Veit einen guten Kontakt – auch, als es gefährlich wurde. Den ersten Übergriff auf Juden gab es 1933: SS-Männer feuerten Schüsse auf ein Polstergeschäft ab, verletzten anschließend den Polizeiposten auf der Straße. Nach und nach übernahmen Nationalsozialisten Politik und Ämter in Dülken. Dennoch habe es innerhalb der NSDAP in Dülken und in den Reihen der Dülkener Polizei Menschlichkeit gegeben, berichtete Veit später: „Die Juden waren von ihnen gewarnt worden. Dieser Rest an Menschlichkeit war das, was Hitler nicht verhindern konnte.“

Als die letzten Dülkener Juden 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden, betete Veit am Vorabend mit ihnen – Psalm 23, den Psalm vom guten Hirten. Die Kultgegenstände aus der Synagoge, darunter zwei Thora-Rollen und eine Menora, ein siebenarmiger Leuchter, bewahrte Veit auf. Mitglieder der jüdischen Gemeinde hatten sie ihm übergeben, bevor die Synagoge in Brand gesteckt wurde. Der Pfarrer versteckte die Gegenstände gut, die Pergamentrollen etwa bei seinen Schwiegereltern in der Pfalz. Nach dem Krieg übergab er Thora-Rollen und Kultgerät an die jüdische Gemeinde in Krefeld.

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Schon während des Studiums hatte sich Veit der bekennenden Kirche angeschlossen. Die Oppositionsbewegung evangelischer Christen setzte sich gegen einen Missbrauch der protestantischen Lehre durch die Nationalsozialisten ein. Der Pfarrer war den Nationalsozialisten offenbar unbequem: Im Januar 1943 wurde er eingezogen und an die Front geschickt. Im Winter 1944 wurde er bei Rückzugskämpfen in Remagen schwer verwundet, ein Bein musste amputiert werden. Im Lazarett erfuhr Veit, dass seine Frau und zwei seiner drei Kinder bei Bombenangriffen in Grünberg (Hessen) ums Leben gekommen waren. Den Trauergottesdienst hielt er 1946 in Dülken selbst – sitzend am Altar.

Veit habe auf Außenstehende manchmal schroff und verbittert gewirkt, erinnert sich Otfried Schaffelke. Der Dülkener, der ab 1964 mehrere Ämter im Presbyterium der evangelischen Gemeinde bekleidete, kannte Veit nicht nur als Pfarrer, sondern auch persönlich, arbeitete später mit ihm zusammen. Dass Veit mitunter so verbittert wirkte, „hatte mit Sicherheit seinen Grund in den Schicksalsschlägen, die er erlebt hatte“, sagt Schaffelke.

Nach dem Krieg wuchs die evangelische Gemeinde in Dülken rasch, zählte bald 5000 Menschen. Viele Flüchtlinge und Heimatvertriebene suchten nach einem Neuanfang, versuchten, zu überleben. Zu ihnen gehörte auch Schaffelkes Familie, die aus Pommern über Umwege nach Dülken kam. „Veit besorgte Stoffe, damit die Flüchtlingsfamilien Kleidung nähen konnten“, erzählt Schaffelke. Der Pfarrer habe versucht, die aus allen Regionen ankommenden Menschen zu vereinen und ihnen zu helfen. Mit Veits Hilfe entstanden ein Behelfskindergarten und das Jugendwohnheim Bodelschwinghwerk. 1950 heiratete Veit die Witwe des von den Nationalsozialisten ermordeten Dichters Siegbert Stehmann. 1978 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Am 25. März 1995 starb er.

Die Thora-Rolle, die der Pfarrer über den Krieg hinaus versteckte, ist im Museumsbereich der Synagoge in Krefeld zu sehen. Im Gottesdienst kann sie nicht mehr verwendet werden, erklärt Yitzchak Mendel Wagner, Rabbiner in Krefeld. Denn das Pergament weist Feuchtigkeitsschäden auf, nicht alle Buchstaben sind noch lesbar. Eine Thora, die die fünf Bücher Mose umfasst, sei handgeschrieben und enthalte mehr als 300.000 hebräische Buchstaben. Kein Buchstabe dürfe beschädigt sein, sonst sei die Rolle nicht mehr koscher.

Derart beschädigte Thora-Rollen würde man eigentlich auf einem jüdischen Friedhof begraben, so Wagner, doch im Falle der Dülkener Thora-Rolle habe man beschlossen, dies nicht zu tun: „Wir haben sie ausgestellt, weil sie ein lebendiges, greifbares Beispiel dafür ist, dass es selbst in schlimmsten Zeiten Menschen gegeben hat, die gesagt haben: ,Mit mir nicht!’“ Pfarrer Veit habe riskiert, am nächsten Morgen im Konzentrationslager wach zu werden. Wagner: „Die Rolle ist nicht mehr koscher, aber heilig, weil ein Mensch sein Leben in Gefahr gebracht hat, um sie zu retten.“

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