Als Flüchtlingshelfer in Viersen aktiv

Flüchtlingshilfe in Viersen : Aus dem Alltag eines Flüchtlingshelfers

Seit 2015 ist der 67-jährige Viersener ehrenamtlich aktiv. Er hat Freundschaften geschlossen und einiges bewegt.

Das bestellte Bett ist angekommen, es hat einen roten Rahmen, geformt wie ein Rennauto. Ein sechsjähriger Junge darf darin schlafen, seine Familie ist aus Afghanistan geflüchtet und lebt mittlerweile in einer Wohnung in Viersen. „Der Kleine ist überglücklich“, sagt Paul Friedrich*. Seit viereinhalb Jahren arbeitet Friedrich ehrenamtlich als Flüchtlingshelfer, längst vermittelt er Flüchtlingen nicht mehr nur Grundkenntnisse der deutschen Sprache. Er unterstützt, wo er kann – also auch mal, wenn ein neues Bett gebraucht wird. Das Geld dafür habe der Katholische Verein für soziale Dienste (SKM) in der Region Kempen – Viersen gespendet, erzählt Friedrich. Ausgesucht hat er es gemeinsam mit einem anderen Ehrenamtler. Seit Januar 2019 betreut der 67-Jährige die Familie des Jungen, er kümmert sich außerdem um eine weitere Familie aus Afghanistan und einen jungen Syrer. Früher hat er als Sprachlehrer Gruppen unterrichtet. Und egal, wie oder wo er mit den Flüchtlingen in Kontakt kam: „Ich habe keine einzige schlechte Erfahrung gemacht“, betont der Viersener.

Friedrich hat als Kommunalbeamter gearbeitet, „die meiste Zeit im sozialen Bereich“, erzählt er. Nachdem er sich 2014 in den Ruhestand verabschiedet hatte, sah er in einer Zeitung einen Aufruf des SKM: „Sprachlehrer gesucht.“ Friedrich wandte sich an den Verein, der in der Region Flüchtlinge berät und betreut. „Ich bin ein sozialer Typ, ich wollte helfen“, sagt der Familienvater. „Ich bin ein sprachaffiner Mensch, ich hatte Lust, anderen die deutsche Sprache zu vermitteln.“

Friedrich nahm 2015 über den SKM am Seminar „Freiwillige in der Flüchtlingshilfe stärken“ teil, im Unterricht seien Themen wie Asylrecht behandelt worden, die Ehrenamtler sollten außerdem ein Gespür dafür bekommen, wie die Lebenswirklichkeit der Flüchtlinge aussieht. Ab Juli 2015 hospitierte er in einem Sprachkurs eines erfahreneren Ehrenamtlers. „Da habe ich erst Mal fast nur zugehört, aber da habe ich viel gelernt.“ Einmal in der Woche war Unterricht mit knapp zehn Schülern unter anderem aus Syrien, Eritrea und Afghanistan, jeweils etwa eineinhalb Stunden lang in der Flüchtlingsunterkunft an der Schmiedestraße in Süchteln. Seinen ersten Einsatz als Sprachlehrer hatte Friedrich im Oktober 2015, einmal in der Woche unterrichtete er gemeinsam mit weiteren Sprachlehrern über zehn Monate 16 Schüler an der Moschee an der Süchtelner Straße. Zwei weitere Kurse in Flüchtlingsunterkünften folgten bis Mitte 2017. Viel Unterrichtsmaterial stelle der SKM zur Verfügung, „das ist eine große Unterstützung“.

Als Friedrich in den Räumen an der Moschee unterrichtete, lernte er die andere der beiden Familien kennen, die er bis heute betreut. Der Vater mache eine Ausbildung in einer Bäckerei, die Mutter mache einen Schulabschluss nach, weil ihrer aus Afghanistan nicht anerkannt werde, der Sohn gehe in eine Grundschule, erzählt er. „Ich besuche die Familie einmal in der Woche. Dann unterhalten wir uns auf Deutsch“, sagt Friedrich. Er hat sich zwei Schulbücher besorgt, die der Junge im Unterricht nutzt: „Ich übe mit ihm.“ Zu der Familie habe er ein sehr freundschaftliches Verhältnis, ergänzt er. So sei er etwa 2018 bei der Beerdigung der neun Monate alten Tochter auf einem muslimischen Friedhof dabei gewesen.  „Ein paar Männer legten den in Tücher gehüllten kleinen Körper in das Grab, das sie vorher ausgehoben hatten. Das ist mir sehr nahe gegangen.“

Als Flüchtlingshelfer erhält Friedrich immer wieder Einblick in andere Kulturen. Über die Flucht seiner Sprachschüler, über ihr altes Leben, hat er als Lehrer in seinen Gruppen allerdings wenig erfahren. „Das ist nicht so gerne Thema, darüber sprechen die Flüchtlinge so gut wie gar nicht“, sagt Friedrich. Von einem jungen Syrer, dem er Mitte 2017 bis zum Frühjahr 2018 Einzelunterricht gab, erfuhr er: „Sein Vater ist in Syrien auf eine Miene getreten und in die Luft gesprengt worden.“ Das sei schon heftig. „Wir haben zusammen Bücher gelesen“, erzählt Friedrich, außerdem habe er ihm Musik näher gebracht – „von Beethoven bis Beatles“. Der Syrer habe überlegt, zu studieren, dann aber beschlossen, sich eine Arbeit zu suchen. „Jetzt treffen wir uns immer mal wieder.“

Etwa zwei Stunden pro Woche ist Friedrich bei der jungen Familie, die eine Tochter verloren hat. Etwa eine Stunde verbringt er damit, die Familie zu unterstützen, in deren Wohnung jetzt das rote Auto-Bett steht. Dabei gehe es nicht nur um Sprachunterricht, erläutert der 67-Jährige: Er helfe bei Behördenangelegenheiten, aktuell kümmere er sich zum Beispiel um die Kindergeld-Beantragung. Seit Juli 2019 betreut Friedrich auch wieder einen jungen Syrer, setzte sich dafür ein, dass dieser einen Übungsleiter-Schein machen konnte. „Inzwischen leitet er zwei Sport-AGs in Viersener Grundschulen“, sagt Friedrich. Einmal in der Woche treffen sie sich zum Sprachunterricht.

Es sei sehr schön, mitzuerleben, wie sich die Flüchtlinge in Viersen weiter entwickeln, betont er. Flüchtlingshilfe sei dabei „sehr wichtig“: „Es gibt so viele Fragen, die man in Deutschland nicht selber beantworten kann, wenn man sich hier nicht auskennt“ – die Ehrenamtler helfen den Flüchtlingen dabei, Antworten zu finden.

Friedrich erledigt seine Aufgaben gerne, doch er möchte nicht in der Öffentlichkeit stehen – deshalb soll sein echter Name nicht in der Zeitung genannt werden. „Ich hätte dabei ein ungutes Gefühl“, erklärt er. Zwar habe er da bisher keine negativen Erfahrungen gemacht, aber: „Ich möchte nicht, dass Rechte das zum Anlass nehmen, um in irgendeiner Form gegen mich oder meine Familie anzugehen“.

*Name von der Redaktion geändert