Tönisvorst: Zukunftsmodell Genossenschaft

Tönisvorst: Zukunftsmodell Genossenschaft

In diesem Monat jährt sich die Geburt von Friedrich Wilhelm Raiffeisen zum 200. Mal. Sein Modell der Genossenschaft ist gerade in Zeiten der Finanzkrise und Neoliberalismus höchst aktuell.

Mehr als 20 Millionen Menschen sind in Deutschland in rund 8000 Genossenschaften organisiert. Eine der ganz Großen im Kreis Viersen ist etwa die AZ in Kempen. Wohnungsbaugenossenschaften gibt es im Kreis Viersen gleich vier, eine davon ist die Allgemeine Wohnungsgenossenshaft Tönisvorst (AWG). Ihr ehrenamtlicher Vorstand Walter Schöler, früherer SPD-Bundestagsabgeordneter, ist ein überzeugter Genossenschaftler und hat lage im Vorstand des Bundesvereins zur Förderung des Genossenschaftsgedankens in Berlin mitgewirkt. Im Moment reden wieder viele von der Genossenschaftsidee, denn die Idee geht auf den deutschen Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen zurück - und der wurde vor 200 Jahren geboren, genau am 30. März 1818 in Hamm an der Sieg.

Beim Bundesverein heißt es: "In Genossenschaften wirken Menschen zusammen, die ihre Kräfte und Ressourcen bündeln in starken und stärkenden Gemeinschaften zum wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Nutzen ihrer Mitglieder. Oft strahlen sie in beachtlichem Maße stabilisierend auf ihr Umfeld aus und tragen zur nachhaltigen Zukunftssicherung bei." Zum 200. Geburtstag von Raiffeisen werden viele Feiern organisiert. Themen zu finden ist dabei nicht schwierig, denn in der Gesellschaft besteht ein wachsender Bedarf an Partizipation und Mitgestaltung. Die Organisationsform der Genossenschaft wird wieder verstärkt genutzt für originär zivilgesellschaftliche Aktivitäten. Sozialgenossenschaften können als Dach dienen, unter denen sich Bürger, Kommunen, Wohlfahrtsverbände und Vereine zusammenfinden, um ihre Anliegen in wirtschaftlich ausgerichteter Selbsthilfe gemeinschaftlich zu gestalten.

Die Allgemeine Wohnungsgenossenschaft Tönisvorst (AWG) wurde 1908 gegründet und agiert seit 110 Jahren im lokalen Markt. Genossenschaften sind dazu da, Kräfte zu bündeln und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Anders als bei einer AG oder GmbH steht nicht die Rendite im Vordergrund, sondern das gewählte Thema: etwa Wohnraum zu schaffen, als Molkerei Milch zu vermarkten oder Weine zu keltern. Feindliche Übernahmen gibt es nicht, und Konkurse gibt es bei Genossenschaften so gut wie keine. Dafür stehen Selbstverwaltung, Gleichberechtigung und Transparenz. Abgesehen von der Verzinsung der Einlagen wird kein Geld für private Zwecke ausgeschüttet, sondern im Unternehmen investiert.

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Die Genossenschaftsidee wurde aus der Not heraus geboren. Landwirte kleiner Höfe konnten sich zusammentun und Einkauf wie Vertrieb der Ernte gemeinsam zu besseren Konditionen organisieren. Auch bei der Gründung der AWG 1908 fehlte Wohnraum in St. Tönis. Genossenschaften sind aber kein Sozialverband und auch nicht mehr gemeinnützig, sondern Wirtschaftsunternehmen mit besonderer Eigentümerstruktur. Und das kommt an. Wer eine Wohnung der AWG erhält, muss Genosse sein, also Anteilseigner der Genossenschaft. Diese können sogar vererbt werden. Das aktuell älteste Mitglied der AWG ist seit 1950 dabei. Die Genossen der AWG sehen ihre Wohnungen so gut wie ein echtes Eigenheim. Die AWG sorgt dafür, dass nie die Höchstsätze des Mietspiegels zum Tragen kommen. Hinter der Genossenschaft steht der Solidaritätsgedanke, und dieses Modell wurde in alle Welt exportiert. Besonders in Südamerika sind Cooperativen stark vertreten. In Deutschland sind von den 8000 Genossenschaften 2000 allein dem Wohnungsbau verpflichtet. Zwei Millionen Wohnungen in Deutschland gehören Genossenschaften.

Und es gibt neue Gründungen wie die Wohnungsgenossenschaft "Besser Wohnen Kempen", die 2012 im Neubaugebiet Am Prozessionsweg ein Mehrgenerationenhaus mit 21 Wohnungen errichtete. "Wir möchten eine Verbesserung des gesellschaftlichen Zusammenlebens erreichen, mit Lebenserfahrung Wege ebnen und Hilfe anbieten, für nachfolgende Generationen mit Ausdauer und persönlichem Einsatz Einfluss nehmen auf die eigene Entwicklung." Auch in Oedt gab es Überlegungen für eine Dorfladen-Genossenschaft, aber ein Drogeriemarkt war schneller. Trotzdem: Die Genossenschaftsidee lebt. So wird der 200. Geburtstag zu Recht mit "Mensch Raiffeisen - starke Idee!" gefeiert.

(RP)