Tönisvorst: Verwaiste Friedhöfe sind Mahnmale

Tönisvorst : Verwaiste Friedhöfe sind Mahnmale

Vertreter des DRK, der Freiwilligen Feuerwehr, der Kolpingfamilie, der Heimatvereine, des Kirchenvorstandes, der Schulen und der Politik waren gekommen, um auf dem jüdischen Friedhof am Gotthardusweg der Opfer des Holocaust zu gedenken. Jedes Jahr am 27. Januar, dem Tag, als die Rote Armee die letzten 7000 Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz befreite, gibt es diesen Moment des Gedenkens in Vorst.

"Vor mehr als drei Monaten haben wir uns versammelt, um der Opfer der Reichspogromnacht zu gedenken", sagt Bürgermeister Thomas Goßen in seiner Ansprache. Damals habe Rabbi Wagner den Schweigemarsch durch St. Tönis begleitet und davon gesprochen, dass die Reichspogromnacht ein Testlauf gewesen sei. Weil eine Reaktion der Weltöffentlichkeit ausgeblieben sei, haben die Nazis gewusst, dass sie weiter gehen können.

"Die Spur, die damals begann, führt bis nach Ausschwitz und sie führt auch zu diesem Friedhof", sagt Goßen. Anfang der 1940er-Jahre waren die Grabsteine einfach eingesammelt und für den Neubau einer Leichenhalle verwendet worden. "Das jüdische Leben und die jüdische Geschichte sind ausradiert worden", sagt der Bürgermeister. Bis heute seien die leeren Friedhöfe Mahnmale, denn: "Die Spur führt auch in die Gegenwart, und sie führt mitten in unsere Gesellschaft."

Eindringlich appelliert Goßen an die Versammelten, braunen Parolen ein Ende zu setzen. "Jeder von uns ist dazu in seiner Familie, seinem Freundeskreis und seinem Umfeld in der Lage", ist der Bürgermeister sicher. Bernd Petzold, evangelischer Pfarrer der Kirchengemeinde Anrath-Vorst, spricht in seiner Rede von Trauer "um die Menschen, die nicht mehr unter uns sind, aber zwischen uns gelebt haben". Er ruft zum Gebet auf für die Opfer des Nationalsozialismus und ihre Familien.

Auf dem Friedhof am Ortsrand von Vorst stehen heute zwei Steine. Der eine ist der Gedenkstein, den die Gemeinde Vorst aufstellen ließ und an dem Bürgermeister Goßen und seine Stellvertreter Christiane Tille-Gander (CDU) und Uwe Leuchtenberg (SPD) einen Kranz niederlegten. Der andere erinnert an das Vorster Ehepaar Benjamin und Adele Willner, deren Nachkommen den Stein erst viele Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft anfertigen ließen.

1861 wurde der jüdische Friedhof am Gotthardusweg eingeweiht. Schon lange vor den Nazis waren die Grabstätten immer wieder Verwüstungen zum Opfer gefallen: Grabsteine wurden umgekippt, auf Gräbern herumgetrampelt. Die letzte Bestattung fand im Februar 1939 statt. Es war die Beerdigung von Jakob Katz, der in der Reichspogromnacht schwer misshandelt worden war und Monate später an seinen Verletzungen starb.

(WS03)
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