Nigerianische Familie mit schwer behindertem Kind „Ein Slum mitten in der Stadt“

St. Tönis · Unter untragbaren Bedingungen lebt eine aus Nigeria geflüchtete, fünfköpfige Familie seit fast zwei Jahren in einer Unterkunft.

 Das gesamte Leben von Peter, Maureen, Possible, Greatness und Dominion spielt sich in zwei Zimmern ab.

Das gesamte Leben von Peter, Maureen, Possible, Greatness und Dominion spielt sich in zwei Zimmern ab.

Foto: Stephanie Wickerath

Etwa fünf Quadratmeter hat jedes Mitglied der Familie Adams zur Verfügung. Das gesamte Leben von Peter, Maureen, Possible, Greatness und Dominion spielt sich in zwei Zimmern ab, auf insgesamt 25 Quadratmetern. Das einzige Bad – und damit auch die einzige Toilette im Haus – teilt sich die Familie mit den anderen zehn Hausbewohnern, die winzige Küche im Erdgeschoss ebenfalls.

Seit Mai 2018 lebt die nigerianische Flüchtlingsfamilie so, nimmt es hin, dass schon mal Post verschwindet, Kinderwagen gestohlen werden, die Gerüche von der Toilette nebenan in das Schlafzimmer ziehen, das obere Etagenbett, in dem der neunjährige Possible schläft, kein Sicherheitsgitter hat, es keinen Platz für die Kinder zum Spielen gibt, kaum Privatsphäre und weitere Unannehmlichkeiten. Je größer und schwerer aber der eineinhalb Jahre alte Dominion wird, desto untragbarer ist die Wohnsituation, denn Dominion ist ohne Arme und Beine auf die Welt gekommen und die beiden Zimmer, die die Stadt der Familie Adams in der Flüchtlingsunterkunft zugeteilt hat, befinden sich in der dritten Etage.

Der Junge muss, wie viele Kinder in dem Alter, getragen werden, aber anders als andere Kinder kann er sich nicht am Hals der Mutter festhalten oder auf die Hüfte gesetzt werden. „Zweimal wäre ich beinahe mit Dominion auf dem Arm die Treppe heruntergefallen“, erzählt die 30-jährige Maureen Adams, und wer die Treppe sieht, auf der manche Holzstufen blank liegen, andere mit Teppich beklebt sind, der sich an den Seiten aufgerollt hat, glaubt es ihr sofort.

Ein weiteres Problem, das der fehlende Platz mit sich bringt, ist die Tatsache, dass für den schwer behinderten Jungen in den beiden kleinen Zimmern keine Förderung möglich ist. Die Therapiegeräte, die die Adams bekommen haben, wie eine Wippe und ein Gymnastikball, können für die notwendige tägliche Therapie aus Platzgründen nicht eingesetzt werden. Auch gibt es kein sicheres Kinderbett für Dominion. Der Junge schläft zwischen den Eltern.

Der pensionierte Tönisvorster Pfarrer Ludwig Kamm, der einige Tage nach der Geburt von Dominion Kontakt zu der nigerianischen Familie bekam und die Kinder getauft hat, findet deutliche Worte: „Die Wohnsituation ist menschenunwürdig. Das ist ein Slum mitten in der Stadt, in dem ein schwerstbehindertes Kind weder gepflegt werden noch aufwachsen kann.“ Die gesamte Familie leide unter der Situation. Es müsse sich dringend jemand finden, der hilft.

Fenna Botta vom Fachbereich Soziales und Wohnen bei der Stadt Tönisvorst sagt, es habe ein Angebot für eine andere Unterbringung gegeben, aber: „Man muss das auch wollen.“ Peter Adams bestätigt das. Die Stadt habe seiner Familie ein Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft an der Industriestraße in St. Tönis angeboten, aber Dominion weine oft nachts, das würde den neunjährigen Possible und die sechsjährige Greatness stören, die jetzt im Nebenzimmer schlafen. Zwei Zimmer in zentraler Lage gegen ein Zimmer am Ortsrand zu tauschen, sehen Maureen und Peter Adams nicht als Verbesserung ihrer Situation. Bürgermeister Thomas Goßen verspricht auf Nachfrage, sich des Falls anzunehmen. „Realistisch ist aber einzig eine Unterbringung in der Unterkunft an der Industriestraße. Es sind keine Flüchtlingswohnungen frei.“

Für dieses neue Jahr hat Maureen Adams nur einen Wunsch: „Ich wünsche mir eine andere Wohnung, mit mehr Platz und mehr Ruhe für die Kinder.“ Und Peter Adams, der 2012 mit seiner Frau und dem damals zweijährigen Possible aus Nigeria geflüchtet ist, um seine christliche Familie vor der islamischen Terrormiliz Boko Haram in Sicherheit zu bringen, hat noch einen zweiten Wunsch: „eine Aufenthaltsgenehmigung“. Bisher hat die nur Dominion, die anderen vier Familienmitglieder müssen alle sechs Monate ihr Visum neu beantragen.

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