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So geht es den Einzelhändlern in St. Tönis in der Corona-Krise

Einzelhandel in St. Tönis : Kreativ durch die Krise

St. Töniser Einzelhändler berichten, wie sie in Corona-Zeiten versuchen, ihre Geschäfte offen zu halten, welche Einschränkungen sie hinnehmen müssen und wie sie sich gegenseitig helfen.

„Die alten Leute sterben nicht an Corona. Sie sterben an Einsamkeit.“ Das war ein Satz, der Andrea Hermes zum Nachdenken brachte. „Ich habe mich gefragt, ob ich irgendetwas für die Senioren tun kann“, erzählt die Unternehmerin aus St. Tönis. Und weil sie als Floristmeisterin daran glaubt, dass Blumen glücklich machen, hat sie im Internet einen Aufruf gestartet: Wer zwei Euro spendet, übernimmt die Patenschaft für einen Blumengruß, den „Blumen Hermes“ ins St. Töniser Seniorenhaus liefert.

Die Resonanz hat der Initiatorin die Sprache verschlagen. „Es ist unglaublich, wie viele Leute sich beteiligt haben“, sagt die 39-Jährige, die am Freitag nicht nur 140 Blumensträuße für die 140 Zimmer im St. Töniser Seniorenheim ausgeliefert, sondern auch zwölf Sträuße für die sechs Wohngruppen des Seniorenhauses Kandergarten nach Vorst gebracht hat. Der Blumenladen an der Hochstraße ist indes geschlossen. „Wir verkaufen unsere Ware vormittags aus einem kleinen Wagen heraus am Eingang von Rewe und liefern Bestellungen aus“, erzählt die St. Töniserin.

Zwar dürfe das Geschäft öffnen, aber Hermes verzichte aus ethischen Gründen darauf. „Außerdem gibt es kaum Laufkundschaft auf der Hochstraße, der Laden ist sehr schmal, und die Ungewissheit ist zu groß“, sagt die Geschäftsfrau. Wenn sie von heute auf morgen doch wieder schließen müsse, lande die gesamte Ware in der Tonne. Das hat das Café Steeg an der Hochstraße, das zur ortsansässigen Bäckerei gehört, bereits erlebt. „Wir haben alles, was angebrochen war, weggeworfen, als wir das Café schließen mussten“, erzählt Doris Steeg.

Das Backhaus an der Willicher Straße ist geöffnet, aber es darf jeweils nur ein Kunde in den Laden hinein. Ein weiterer kann an dem neu eingerichteten „To-go-Fenster“ bedient werden. Dennoch bilden sich zu Stoßzeiten lange Schlangen auf dem Bürgersteig. „Viele Kunden bleiben weg, weil sie nicht in der Schlange stehen wollen“, vermutet Doris Steeg. Für sie hinzu kämen die finanziellen Ausfälle durch die Schließung des Cafés und die Absagen der Restaurants, die die Steegs mit Backwaren beliefern. „Alles in allem haben wir 50 Prozent weniger Einnahmen“, sagt die Geschäftsinhaberin, die die Aushilfen bereits entlassen musste und Mitarbeiterinnen in Kurzarbeit geschickt hat.

Aber es gibt auch positive Entwicklungen: So habe Metzgermeister Jürgen Wenders, dessen Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist, über seinen Lieferservice die Auslieferung von bestellter Steeg-Ware mitübernommen. „Und wir haben viele Anrufe von ehemaligen St. Tönisern bekommen, die zum Osterfest nicht nach Hause kommen, aber trotzdem unsere süßen Osterlämmer haben möchten“, sagt Doris Steeg, die die frisch gebackene Ware am Montag mit der Post verschicken wird, erfreut.

Während den kleineren Geschäften die Kunden fehlen, ist der Rewe-Markt am Alten Graben meistens sehr gut besucht. Aber auch dort ist einiges anders. Am Eingang steht ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, der darauf achtet, dass maximal 80 Kunden im Geschäft sind, wie Ann-Christin Geers von der Rewe-Pressestelle sagt. „Außerdem werden die Griffe der Einkaufswägen regelmäßig gereinigt, es gibt Hinweise auf Hygienestandards, und für die Mitarbeiter stehen Einweghandschuhe zur Verfügung.“ Vor der Fleisch- und Käsetheke seien Barrieren aufgebaut, damit der Sicherheitsabstand zu den Mitarbeiterinnen eingehalten werde. Insgesamt, so lautet die Meinung der Kunden und Mitarbeiter, gehe es gesittet zu.

Dem stimmt auch Bürgermeister Thomas Goßen (CDU), zugleich Leiter des Fachbereichs Sicherheit und Ordnung, zu: „Ich muss sowohl den Bürgern als auch dem Einzelhandel ein großes Kompliment aussprechen. Fast alle nehmen Rücksicht und halten sich an die Regeln.“