Mit seinem neuesten Buch „Gangsterblues“ kam "Tatort"-Pathologe Joe Bausch zur Lesung ins Corneliusforum Tönisvorst.

Joe Bausch : „Tatort“-Pathologe hat den Gangsterblues

Mit seinem neuesten Buch „Gangsterblues“ kam Joe Bausch zur Lesung ins Corneliusforum Tönisvorst. Der Arzt, Schauspieler und Autor unterhielt die 300 Zuhörer zwei Stunden lang mit Geschichten aus seinem Leben.

Kaum war sie angekündigt, da war sie auch schon ausverkauft, die Lesung mit Joe Bausch, die der Förderverein der Stadtbücherei Tönisvorst in Kooperation mit der Bibliothek organisiert hat. 30 Jahre lang war der Autor Gefängnisarzt im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt, kurz JVA, Werl, in der Mörder, Vergewaltiger, Räuber, Serientäter und Geiselnehmer einsitzen. Seine große Popularität außerhalb der Gefängnismauern verdankt Bausch aber seiner Rolle als Gerichtsmediziner Dr. Philipp Roth im Kölner „Tatort“.

Auch in diversen Talkshows ist der Arzt, Autor und Schauspieler, der im April 66 Jahre alt wird, ein gern gesehener Gast. Und so hätten die Veranstalter gut 200 Karten mehr verkaufen können, das Forum hat die Kapazitäten. Aber die Organisatoren wollten die Lesung in geselligem Rahmen halten. Joe Bausch war es recht, obwohl der Zweimeter-Mann mit der enormen Bühnenpräsenz und den vielen Geschichten im Gepäck sicher auch 500 Zuhörer bestens unterhalten hätte.

Tatsächlich vergeht eine halbe Stunde, in der der 65-Jährige frei und ohne Skript erzählt, warum er Gefängnisarzt geworden ist und wie sich die Insassen im Laufe der Jahre verändert haben – es gibt in den Gefängnissen heute viel mehr Drogenabhängige, viel mehr Menschen ohne Berufsausbildung, viel mehr Nationalitäten – bis Joe Bausch tatsächlich das Buch zur Hand nimmt, das im Oktober vorigen Jahres, kurz vor seiner Pensionierung, erschienen ist. „Gangsterblues“ heißt es, denn: „Für Gangster-Rap bin ich zu alt.“ Außerdem passe der Blues besser zu der Grundstimmung, die im Gefängnis herrsche, findet der Autor.

Drehte sich das erste Buch mit dem Titel „Knast“ von 2013 noch hauptsächlich um die Frage, was einen Menschen zum Verbrecher werden lässt, geht es in „Gangsterblues“ um das Thema Resozialisation. Bausch schildert zwölf Geschichten und Schicksale von Menschen, die ihm im Werler Gefängnis begegnet sind. Teilweise sind es traurige, teilweise skurrile, oft krasse Geschichten, aber es gibt auch welche, die in heiterem Ton erzählt sind, so wie die von „Diamanten-Paul“, über den Bausch schreibt, er habe „ein Gesicht wie ein abgehangenes Steak, eine echte Verbrechervisage“ und sei, ebenso wie sein Freund Ralle, ein Kerl mit Berufsehre.

Als die beiden gemeinsam mit einem weiteren Kumpel ihre Strafe abgesessen haben und im Rentenalter das Gefängnis verlassen, rechnet niemand damit, sie dort wiederzusehen, aber schon zwei Jahre und einige Raubüberfälle später fahren die Senioren wieder ein. Der Autor erzählt die Geschichte der gealterten Räuber mit viel Humor und offener Sympathie für diese schrägen Vögel. Ganz anders liest sich die Geschichte „Sixpack“, deren Hauptdarsteller laut Bausch „eine Mischung aus Pornostar und Affenkönig“ ist und der im Knast, ebenso wie vorher draußen, alle drangsaliert.

Als er eines Tages Filme fürs Smartphone zum Kauf anbietet, in denen zu sehen ist, wie ein Mädchen vergewaltigt wird – er hatte zuvor seine Freundin dazu gebracht, ihre elfjährige Tochter dafür „zur Verfügung zu stellen“ – reicht es den Mitinsassen, von denen, wie Joe Bausch weiß, selber mehr als 40 Prozent Opfer von Misshandlung und Missbrauch in der Kindheit waren. Und so geschehen „innerhalb weniger Sekunden zwei dramatische Ereignisse“ im Kraftraum der JVA, wie der Autor es formuliert.

Eine Hantel wird dem „Pornostar“ in die Weichteile gerammt, und die 150 Kilo, die er gerade stemmt, zertrümmern seinen Brustkorb. Der Mann überlebt, seine Schwellkörper nicht. Hinterher will niemand etwas wissen, es gibt keinen Täter, keine Zeugen, nur eine Mauer des Schweigens. „Es hat den Richtigen getroffen und zwar an der richtigen Stelle“, sind sich die Gefängnisinsassen einig, und die Zuhörer widersprechen nicht.

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