Tönisvorst: Lieder von der Sehnsucht nach Freiheit

Tönisvorst: Lieder von der Sehnsucht nach Freiheit

Mit einem außergewöhnlichen Konzert schließt die neue Kulturreihe "Götterspeise" in der evangelischen Christuskirche die aktuelle Spielzeit ab. Die Bilanz ist überwältigend: Drei der vier Veranstaltungen waren in Windeseile ausverkauft.

Auf einen Stock gestützt und bei Joachim Watzlawik eingehakt, geht Brenda Boykin zwischen den gut gefüllten Bänken der evangelischen Kirche Richtung Altarraum, der bei der Kulturreihe "Götterspeise" als Bühne dient. Ende März wird die amerikanische Jazzsängerin 61 Jahre alt, auf den ersten Blick wirkt sie älter. Als sie aber zwischen den Musikern Heinz Hox (Klavier und Akkordeon), Philipp Bardenberg (Bass) und Micky Neher (Schlagzeug) Platz genommen hat und das Publikum anstrahlt, ändert sich dieser erste Eindruck schlagartig.

Voller Lebensfreude und mit unglaublicher Bühnenpräsenz gestaltet Brenda Boykin in den nächsten zwei Stunden ein Konzert, das in jeder Hinsicht außergewöhnlich ist. "Songs of Freedom" ist der Titel und schon das Intro der Musiker, eine freie Improvisation rund um das Motiv von "Sittin' on the dock oft the bay", lässt erahnen, wohin die Reise geht: Sehnsucht nach Freiheit ist das Thema, um das sich alles dreht.

Brenda Boykin, die in Oakland geboren wurde, aber seit 14 Jahren in Wuppertal lebt, begrüßt die 170 Zuhörer mit den Worten: "Nach dem Konzert können wir uns Siezen, aber beim Konzert möchte ich euch Duzen." Und dann erzählt sie von den Liedern der großen schwarzen Musiker aus dem Jazz, dem Blues, dem Soul und dem Swing. "Die ganze afro-amerikanische Musik hat mich geprägt", sagt die 60-Jährige mit der tiefen, warmen Stimme, die mehrfach ausgezeichnet wurde.

Das erste Lied führt dann aber nach Jamaika und ist eine warmherzige Adaption des Reggae-Stücks "One Love" von Bob Marley. Und egal, ob Brenda Boykin im Sitzen oder auf den Stock gestützt im Stehen singt: Die Musik geht stets durch ihren ganzen Körper und die drei Musiker um sie herum reagieren auf ihren Rhythmus.

Vor jedem Lied gibt die Sängerin, die übrigens Psychologie studiert hat, eine kurze Einführung in die Thematik. "Ich tendiere dazu, zu viel zu sprechen, aber ich möchte die Lieder visualisieren - Kopfkino", sagt Boykin dazu. Und so erfahren die Zuhörer, dass das Stück "Wade in the Water" zu den Negro Spirituals gehört, Lieder, mit denen sich die Sklaven Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts untereinander verständigten, um ihre Flucht zu organisieren. Und das Lied passt in das Umfeld der Christuskirche, denn es enthält Textauszüge aus dem Neuen und dem Alten Testament.

Boykin und die Band bewegen sich in der Bandbreite zwischen Jazz, Soul und Blues, das Publikum klatscht mit, wippt mit und singt den Refrain. Und wie immer bei freier Improvisation bleibt viel Platz für die einzelnen Musiker. Philipp Bardenberg hat einige Soli mit seinem Bass, der Schlagzeuger Micky Neher bekommt Raum für seinen Kunst und auch Heinz Hox gibt bei seinem Heimspiel einige Male den Ton an. Der St. Töniser hat Musik in Duisburg, Dortmund und den Niederlanden studiert, hat als Musikdirektor an verschiedenen Theatern gearbeitet, ist außerdem ein ausgezeichneter Akkordeonist und Musikproduzent.

Zusammengebracht hat die Band und die Sängerin für diesen Abend die Krefelder Agentur Schneider-Watzlawik, die gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde und dem Stadtkulturbund Tönisvorst die Kulturreihe in der Kirche an der Hülser Straße organisiert.

(RP)