Randi Crott in Tönisvorst: Liebe im Spiegel der Weltgeschichte

Randi Crott in Tönisvorst : Liebe im Spiegel der Weltgeschichte

Die Journalistin und Autorin Randi Crott kam auf Einladung des Michael-Ende-Gymnasiums nach Tönisvorst. Gut eine Stunde lang las sie aus ihrem Buch "Erzähl es niemandem!". Die Zuhörer waren beeindruckt.

Sie ist klein, wirkt zart, das kurzgeschnittene weiße Haar betont die dunkelbraunen Augen, die offen und neugierig schauen. Ihre Stimme ist sanft, aber fest, die jahrzehntelange Schulung in Radio und Fernsehen ist ihr deutlich anzuhören. Randi Crott heißt die Frau, die auf der Bühne im Forum Corneliusfeld Platz genommen hat, um auf Einladung des Michael-Ende-Gymnasiums aus ihrem vielschichtigen Sachbuch "Erzähl es niemandem!" zu lesen.

Viele Jahre hat Randi Crott als Journalistin für den WDR gearbeitet. Vor sieben Jahren begann sie, die Geschichte ihrer Eltern zu recherchieren. Sie wollte wissen, warum ihr Vater nie darüber gesprochen hatte, dass er Halbjude war. "Ich habe es selber erst mit 18 Jahren erfahren", erzählt die heute 65-Jährige. Ihre Mutter habe ihr damals gegen den erklärten Willen des Vaters anvertraut, dass die Großmutter väterlicherseits Jüdin war und von den Nazis nach Theresienstadt verschleppt wurde. "Und gleichzeitig beschwor mich die Mutter: "Erzähl es niemandem!"

40 Jahre später geht die Tochter auf Spurensuche um es schließlich doch zu tun, sie erzählt die Geschichte ihres Vaters, ihrer Großeltern, schildert den Einmarsch und die Gräueltaten der deutschen Wehrmacht ("Operation Nordlicht") in Norwegen und erzählt von ihren Eltern, der Norwegerin Lillian Berthung und dem Deutschen Helmut Crott, die sich 1942 in Norwegen kennenlernen. Auch ihre eigenen Gedanken und Gefühle fließen in den Text ein: "Ohne Hitler hätte es mich nicht gegeben. Welches Gefühl ist für so einen Fall reserviert? Ich bin auf der Welt, weil meine norwegische Mutter sich in einen deutschen Besatzungssoldaten verliebt hat."

Dieser Besatzungssoldat hat es schwer gehabt im deutschen Reich, wie seine Tochter viele Jahre später herausfindet. Als Halbjude wird er aus dem Sportverein ausgeschlossen, kann nur unter großen Schwierigkeiten studieren. In London, wo Helmut Crott für die Düsseldorfer Stahlwerke arbeitet, erreicht ihn 1939 der Einberufungsbefehl. In der Hoffnung, durch den Eintritt in die Wehrmacht die Eltern, vor allem die jüdische Mutter, schützen zu können, kehrt Crott nach Deutschland zurück, seine Abstammung hält er geheim, entsprechende Papiere lässt er verschwinden. 1941 kommt Crott nach Norwegen, schon bald lernt er Lillian kennen und lieben. Es ist ein Liebe, die in Norwegen nicht toleriert wird und deshalb heimlich stattfinden muss. Als Lillian sieht, wie deutsche Soldaten eine jüdische Nachbarsfamilie verschleppen, will sie von Helmut wissen, wie er dazu steht. Er erzählt ihr seine Geschichte. Sagt, dass niemand etwas über seine jüdische Herkunft erfahren darf. "Erzähl es niemandem!" Bis die Eltern schließlich in Deutschland heiraten können und Tochter Randi zur Welt kommt, muss Lillian Berthung sehr mutig sein und vieles ertragen. "Meine Eltern wurden zum Spielball der Weltgeschichte", sagt Randi Crott, deren Mutter heute 94 Jahre alt ist und an der Entstehung des Buches mitgearbeitet hat.

Der Vater hingegen ist 2009 hochbetagt gestorben. Die etwa 150 Zuhörer im Forum sind bewegt von der Liebesgeschichte, von der für die meisten weitgehend unbekannten Geschichte der Wehrmacht in Norwegen, die das Land fünf Jahre lang mit 400.000 Soldaten besetzt hielt, und der persönlichen Spurensuche der Journalistin, die ihrem Vater nach eigener Aussage nie so nah gewesen sei, wie beim Schreiben des Buches. Nach der Lesung lassen sich viele Zuhörer das Buch von der Autorin signieren. Die Tönisvorster Buchhandlung hat eigens dafür einige Exemplare mitgebracht.

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